Startseite » Diskurs » Die Mauerwerksbranche fordert technologieoffenen Wettbewerb, bremst aber den Holzbau aus

Mauerwerk bremst Holz
Quatsch mit Quote?

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Foto: Aus der Broschüre »Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit Mauerwerk« der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e.V. (DGfM)
Eines vorneweg … und zwar wortwörtlich: Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) erwartet für 2021 coronabedingt einen Umsatzrückgang von einem Prozent … in Ziffern: 1 %. Darauf sollte man nicht gerade lauthals in seinem Lieblingslokal anstoßen, sobald und so es denn wieder aufmacht in nicht absehbarer Zeit. Denn das Gastgewerbe rechnete bereits im September für 2020 noch mit Umsatzverlusten von knapp 50 %.

~Claudia Siegele

Der zweite Lockdown hat inzwischen noch eine gehörige Schippe draufgelegt, weshalb man sich in der Baubranche ganz still und heimlich freuen sollte, dass die Auftragsbücher von dem fiesen kleinen Virus verschont geblieben sind.

Wäre da nicht die Angst, man müsste ein Stückchen seiner Kuchenschnitte an die Konkurrenz abgeben. Wobei man bei der Mauerwerksbranche nicht von einem Schnittchen reden kann, denn laut einer statistischen Erhebung des Pestel Instituts in Hannover entstanden 73 % aller neu gebauten Wohngebäude 2017 Stein auf Stein. So auch die Jahre davor und danach, denn man braucht keine Brille, um auf Deutschlands Baustellen zu der Erkenntnis zu gelangen: Wir lieben massiv. Nun gab es allerdings vor Corona auch im Bauwesen eine Klimadiskussion, verbunden mit der Frage, wie wir künftig bauen müssen, um 2050 klimaneutrale und bezahlbare Gebäude vorweisen zu können. Sollten wir nicht … anstatt immer nur Beton und Mauersteine … vielleicht mal etwas mehr Holz in die Hand nehmen und der Vorfertigung einen Schub verleihen? Viele Architekten denken so, manche handeln sogar danach, aber wirklich geändert am Anteil der Holzbauweise hat sich bislang nur wenig. Weshalb, abgesehen von kleineren Scharmützeln, die Mauerwerksbranche sich nie ernsthaft in Gefahr sah, ein Stück von ihrem Dreiviertel-kuchen den Holzwürmern abtreten zu müssen.

Bis nun dem Deutschen Holzwirtschaftsrat einfiel, die klimapolitischen Zielvorgaben für 2050 als Steilvorlage zu nutzen und den klimafreundlichen Holzbau entsprechend zu pushen. Und machte – wie man das beim Holzbau nun mal gewohnt ist – gleich Nägel mit Köpfen: Bis 2050 solle die Holzbauquote in Deutschland bei 50 % liegen. Irgendwer rieb dieses Strategiepapier letzten Sommer dann der Politik unter die Nase, gesalzen und gepfeffert mit Hinweisen auf Problemfelder und Umsetzungspotenziale in Bauwesen und Verwaltung. So könne doch eine Kompetenzstelle Holzbau in den Bundesländern die ausschreibenden Stellen, Genehmigungsbehörden, Kommunen und alle Bauschaffende fachlich beraten und von den zahlreichen Vorteilen der Holzbauweise erzählen. Uiii … das kam bei den Mauersteinen aber gar nicht gut an! Eine Holzbauquote … das geht ja gar nicht! Und prompt konterte Ronald Rast, seines Zeichens Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerksbau (DGfM), in einem verbandseigenen Interview: »Staatliche Subventionierung löst keine Probleme!«

Nun ja, es stimmt schon, Fortschritt generiert sich aus dem Wettbewerb. Was aber, wenn die Strukturen der Big Player am Markt so gefestigt sind und der Lobbymotor so gut geschmiert ist, dass die Forderung nach einem technologieoffenen Wettbewerb wie Hohn in den Ohren innovativer Kleinpioniere klingt? So geschehen bei dem Bemühen, unsere Kohle- und Atomkraftwerke durch erneuerbare Energien abzulösen. Ohne EEG-Umlage hätten sich Windkraft- und PV-Branche an den vier etablierten Energieriesen den Kopf blutig geschlagen. Niemals hätten wir es ohne Subventionen geschafft, im ersten Halbjahr 2020 die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland aus Sonne, Wind und anderen regenerativen Quellen zu decken.

Natürlich ergibt es keinen Sinn, eine Holzbauquote in die Welt zu setzen, ohne zu hinterfragen, ob bzw. wie sich das in der Praxis umsetzen lässt und inwieweit dies tatsächlich der Forderung nach klimaschonendem Bauen zuträglich ist. Rast verweist zudem darauf, dass der CO2-Bonus beim Holz entfällt, wenn ab 2050 alle Marktakteure ihren Beton, ihre Mauersteine und sonstigen Baustoffe klimaneutral produzieren. Bis dahin sind es aber noch 30 Jahre, und ob die politischen Ziele am Ende nur heiße Luft oder harte Währung sind, muss sich erst zeigen. Es liegt nahe, dass wir in unserem Kulturkreis den geliebten Mauerstein nicht per Dekret durch Holz ersetzen wollen, aber es darf doch erlaubt sein, ganz im Sinne des von Herrn Rast geforderten technologieoffenen Wettbewerbs, die Politik daran zu erinnern, dass die Holzbauweise heutzutage viel mehr kann, als es die jeweiligen Landesbauordnungen erlauben. Dass die Vorfertigung mit Holz effizienter ist als die mit Mauersteinen, wird auch ein gestandener Maurer nicht bezweifeln. Und was das Recycling angeht, haben wohl alle Baustoffhersteller noch ein dickes Hausaufgabenheft abzuarbeiten.

Insofern könnte Holz schon mehr als nur 17 % Marktanteil besitzen, zumal sich die Ziegelbranche in mancher Hinsicht doch recht träge an ihren Innovationen abarbeitet. Gemauert wird heute noch wie vor 50 Jahren, und lange hat´s gedauert, bis die ersten Dämmziegel am Markt etabliert waren. Klar, der Preiskampf am Markt ist hart, weshalb eine subventionierte Quote für einen bestimmten Baustoff bitter aufstößt. Aber vielleicht hat die Befürchtung der Ziegelbranche, die Idee einer Holzbauquote könnte bei einer künftigen schwarz-grünen Koalition auf fruchtbaren Boden fallen, doch ein paar ernsthaftere Überlegungen zum Klimaschutz in den eigenen vier Mauerwerkswänden aufgeworfen? Wäre schön – denn allein darauf zu setzen, dass wir in 30 Jahren die Brennkammern der Ziegeleien mit erneuerbarem Strom oder mit Wasserstoff befeuern, hieße, auf die Kompetenz der Energieversorger zu vertrauen und selbst die Hände in den Schoß zu legen. Was aber, wenn die technologieoffene Konkurrenz im eigenen Stall agiler an Innovationen forscht oder eine grünere Politik aktiveres Handeln der Marktakteure einfordert? Wenn die marktverwöhnten Ziegler mit ihrer Strategie da mal nicht unversehens auf dem Holzweg wandeln …

{Die Autorin ist freie Architektin und als Fachjournalistin für verschiedene Medien tätig.


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