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Dribbelkünstler

Diskurs
Dribbelkünstler

Kim Zwarts fotografierte Schilf in Schweden, Wiel Arets vervielfältigte das Motiv und erweiterte dadurch das gestalterische Fassadenspiel der Utrechter Universitätsbilbliotek um eine lebendige Komponente. (Seite 28) Foto: Jan Bitter, Berlin
Links steht als eisenharter Verteidiger die Hochschule für Bildende Künste (HfBK), rechts die nicht minder für ihre Härte berüchtigte Fachhochschule (HAW), dahinter in der Mitte, die Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH) mit ihrer Stadtplanerausbildung – da bedarf es schon eines Dribbelkünstlers, sich durchzusetzen. Aber mit einem genialen Trick – »Hacke, Spitze, eins, zwei, drei« – gelingt es dem dynamischen Jörg Dräger, alle drei auszuspielen. Jetzt steht er frei vorm Tor und – …

Das muss ihm erst einmal jemand nachmachen: Jörg Dräger, erst 36 Jahre alt, früherer Mitarbeiter bei Roland Bergers Unternehmensberatung, mischt erfolgreich die Hamburger Hochschullandschaft auf. Seit seinem Amtsantritt als Wissenschaftssenator im Jahr 2001 gelingt es ihm praktisch mit jeder seiner Maßnahmen und Vorschläge, ein Wutgeheul der jeweils betroffenen Hochschule zu provozieren.
Ein besonders dankbares Aufgabengebiet fand er in der Architektenausbildung der Freien und Hansestadt vor, durch die jährlich eine große Zahl von Absolventen auf den immer schmaler werdenden Markt geworfen wurden. Da gibt es auf der einen Seite die HfBK, die den kreativ-schöngeistigen Arm hochreckt, der aber bei abnehmenden finanziellen Ressourcen immer mehr erlahmte. Auf der anderen steht die HAW, die gern eine Technische Universität wäre, es aber nur zu einer Fachhochschule im oberen Preissegment schafft. Als Drittes gibt es noch die Stadtplanerausbildung an der TUHH mit immerhin siebzig Studienanfängern pro Jahr, die aber, da auf der südlichen Seite der Elbe angesiedelt, nicht mehr im Blickfeld des traditionsbewussten Hamburgers liegt.
Drei Studiengänge für Architektur (dass die Stadtplaner ein eigenes Völkchen sind, ist für Politiker kaum auszumachen): das schrie geradezu nach einer Reform, deren Ziel – selbstverständlich! – nicht etwa die Sorge um die gestalterischen Qualitäten der gebauten Umwelt war, sondern die Chance, im Stadthaushalt Geld einzusparen.
Aus drei mach’ eins, oder höchstens zwei: Der Kern der Gutachten und Moderationsprozesse, die in den letzten Jahren mit diesem Ziel stattgefunden haben, ist die nicht überraschende, wenn auch traurige Feststellung, dass die Hochschulen eine Chance zu inhaltlicher Reform aus sich heraus vertan haben, weil sie unfähig zur Kooperation waren. Jetzt hat der Senator auf Vorlage des Oberbaudirektors Jörn Walter einen genialen Pass geschlagen: Eine Art »Hochschul-Doppelbeschluss«, der so erfolgreich ist wie der seinerzeitige der NATO. Zum einen werden sämtliche Baustudiengänge der drei Hochschulen (also einschließlich der Bauingenieure/Geomatiker) zu einer neuen Bauschule zusammengefasst. Zum anderen wird für sie in Hamburgs Lieblingsprojekt, der HafenCity, ein neues Haus gebaut; ein internationaler Wettbewerb soll schon in diesem Jahr ausgeschrieben werden; der Arbeitsbeginn der Hochschule ist für 2008 vorgesehen.
Der Blick aus dem neuen Bau-Haus schweift über die Elbe in die weite Welt: Das ist selbst für die Professoren der drei Hochschulen faszinierend, und in der Öffentlichkeit wäre der Widerstand gegen den gewaltsamen Zusammenschluss ohnehin nicht mehr vermittelbar.
Und Jörg Dräger, der mit charmantem Lächeln knallhart sein Konzept durchzieht, bekommt den Baukulturpreis des Hamburger BDA – und das bei starker Konkurrenz!
Hoffentlich ist Letzteres nicht verfrüht. Denn bisher hat er erst den ersten Schritt getan: Es gibt eine Schule, es wird ein Haus geben. Was fehlt, sind die Inhalte: Wie sieht eine Architektenausbildung in Zeiten der Globalisierung aus? Wie eine Planerausbildung in Zeiten des Schrumpfens? Wie lässt sie sich mit Baumanagement oder den Bauingenieuren verknüpfen – werden sie überhaupt verknüpft? Wie kann man den notwendigen geisteswissenschaftlichen Hintergrund der Ausbildung sicherstellen, wenn die Studenten ihn nicht von Schul’ aus mitbekommen? – schließlich geht es um die Gestaltung unserer gebauten Umwelt. In sieben »Eckpunkten« für die neue Hochschule ist zwar von »international wettbewerbsfähig«, »exzellent in definierten Schwerpunkten«, »innovativen Ansätzen« und »klarem Profil« die Rede, aber das sind Leerformeln, wie sie aus jeder Presseerklärung herausquellen.
Ein Bau-Haus des 21. Jahrhunderts? Der Gründungssenat wird aus Vertretern der drei Hochschulen bestehen. Das ist nach der Vorgeschichte keine gute Voraussetzung für ein wirklich zukunftsfähiges Konzept. Immerhin hat der Senator noch seine Finger in der Findungskommission für den Gründungspräsidenten drin. Andererseits kennen die drei Verteidiger jetzt die Tricks des Maradonas des Hamburger Senats. Es wird nicht leicht sein, erneut an ihnen vorbeizukommen – … Wir warten auf den Schuss!
Gert Kähler
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