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Dialog über die Grenzen hinaus

Architekturdiskurs in Basel
Dialog über die Grenzen hinaus

In Schweizer Randlage hat sich die Stadt beiderseits des Rheins als bedeutendes Zentrum der Kultur und der Gegenwartsarchitektur mitten in Europa etabliert. Grenzüberschreitende Kontakte gehören seit jeher zur Tagesordnung; in vielen Fragen rund um Verkehr, Umwelt, Bildung und Kultur arbeitet Basel mit seinen Nachbarn jenseits der Grenzen eng zusammen – auch im Bereich Architekturdiskurs.

~Katharina Marchal

Seit Mitte der 80er Jahre hat sich die Stadt einen Namen in der internationalen Architekturszene gemacht. Der damalige Kantonsbaumeister Carl Fingerhuth beeinflusste maßgeblich die Ausprägung eines zeitgemäßen Stadtbildes und engagierte sich für die Durchsetzung unkonventioneller Lösungen. Er förderte verstärkt – auch bei privaten Bauträgern – den offenen Architekturwettbewerb und gab damit einer jungen Generation von Architekten die Chance, sich zu etablieren, darunter z. B. Herzog & de Meuron oder Diener & Diener.
Brückenschläge
1984 wurde von Ulrike Jehle-Schulte Strathaus das Architekturmuseum gegründet. Sie förderte einerseits die junge Szene und thematisierte andererseits den Architekturdiskurs v. a. über die Schweizer Architektur des 20. Jahrhunderts . Unter ihr wurde ein fundierter Architekturführer für die Region Basel – d. h. auch über Bauten in grenznahen Städten – herausgegeben.
Das als Stiftung gegründete Architekturmuseum zog 2004 aus dem bekannten Domus-Haus in Räumlichkeiten der Kunsthalle Basel um. Diese Fusion brachte u. a. den Vorteil, Infrastruktureinrichtungen gemeinsam nutzen zu können. 2007 benannte die neue Direktion die Einrichtung in S AM (Schweizer Architekturmuseum) um, mit dem Ziel, die Brücke zwischen den spezifisch schweizerischen Themen und international ausgerichteten Präsentationen, zwischen dem Fachdiskurs und der breiteren Öffentlichkeit zu schlagen. Die Ausstellungen werden mehrheitlich durch Kataloge begleitet und immer wieder durch Vorträge und Debatten bis hin zu Architekturführungen ergänzt. Grundsätzlich zieht die Institution vorwiegend Architekten an. Strategische Partnerschaften mit anderen Institutionen und Sponsoren tragen dazu bei, den Umfang des Angebots auszudehnen und abzusichern. Das vorwiegend privat getragene Museum ist derzeit in einer Phase des Umbruchs. Nach finanziellen Turbulenzen wurde die künstlerische Leitung des Museums interimistisch durch Hubertus Adam besetzt. In Zusammenarbeit mit der Museumsdirektorin Luzia Schafroth erarbeitet er ein Strategiepapier, das bis 2012 operativ umgesetzt werden soll.
Privat-Engagement
Neben dem Ausstellungshaus bildet die Stiftung »Architektur Dialoge Basel« in der Region Basel eine zentrale Plattform, die einem breiten Publikum zeitgenössische Architektur vermittelt und den Dialog über Architektur und verwandte Themen fördert. Die Stiftung wurde 2006 von Werner Blaser (Herausgeber von über 100 Architekturbüchern), seinem Sohn Christian Blaser und Jean-Pierre Wymann (beide selbstständige Architekten) gegründet. Sie führten drei bereits bestehende Werkzeuge zusammen: In der Agenda werden alle Architektur-Veranstaltungen im Raum Basel gesammelt, d. h. vom Elsass über die badische Region bis an die Grenzen der Nordwestschweiz, und alle zwei Wochen als Newsletter per E-Mail versandt. Weiterhin führt die Stiftung die 1980 von Werner Blaser ins Leben gerufenen und in regelmäßigen Abständen stattfindenden »Architekturvorträge« fort, innerhalb derer internationale Architekten jeweils rund 800 Besuchern Einblick in ihr Schaffen geben, und drittens die jährlich im Spätsommer stattfindende interdisziplinäre Reihe »Architektur und …«, zu der ein Architekt mit einem Gast aus einer anderen Disziplin zum Gespräch eingeladen wird. Zuletzt übernahm die Stiftung vor drei Jahren die Organisation eines Programms für die Architekturtage – Les journées de l’architecture für die Region Basel. Das grenzüberschreitende Veranstaltungsprogramm am Oberrhein, im Elsass und in Baden-Württemberg wird vom Verein MEA (Maison européenne de l’architecture – Rhin supérieur / Europäisches Architekturhaus – Oberrhein) in Straßburg organisiert und koordiniert, mit dem Ziel, Architektur einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen. Das Thema für die jeweils im Oktober stattfindenden Architekturtage wird jedes Jahr neu bestimmt.
Im Vergleich zu Deutschland findet die Architektur in der Schweiz mehr öffentliches Interesse, da sich die Bürger durch ihr Mitspracherecht aktiver um die Frage »wie und wo bauen?« kümmern. Trotzdem ist es immer noch schwer, das Thema an die breite Masse zu vermitteln. Die Architekturtage stellen diesbezüglich eine Ausnahme dar. Hier kommen alle – vom Schüler bis zum Pensionär, vom Auszubildenden bis zum Professor, diejenigen, die bauen wollen und die, die gebaut haben. Das große Spektrum an Veranstaltungen von der Fahrradtour bis zum Kinofilm erlaubt es, jedem Interessenten gerecht zu werden. Die Resonanz ist groß. Die im Jahr 2000 lancierten Architekturtage brachten letztes Jahr in 160 Veranstaltungen über 40 000 Besuchern im Elsass, Baden-Württemberg und der Region Basel, die gebaute Architektur, ihre Fragestellung und ihre Akteure näher. Finanziert werden die einzelnen Aktionen der Architektur Dialoge Basel größtenteils von Sponsoren. Die Mitglieder der Stiftung sind überwiegend ehrenamtlich tätig. Als Hauptsponsor unterstützt ein Leuchtenhersteller die Aktivitäten der gesamten Stiftung.
Firmenphilosophie
Durch die Lage Basels direkt am Rheinknie stößt die Stadt nicht nur politisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Bebauung an ihre Grenzen. Viele der großen Chemiefirmen, die in der Innenstadt ihren Hauptsitz haben, sind gezwungen mit Nebenstandorten auf grenznahe Städte in Deutschland und Frankreich auszuweichen – so auch das ursprünglich Schweizer Unternehmen Vitra, dessen deutscher Standort sich wegen der größeren verfügbaren Flächen viel dynamischer entwickelt. Das Interesse von Rolf Fehlbaum, dem Präsidenten des Verwaltungsrats und Sohn des Firmengründers, geht über die Produktion hinaus, hin zu der Auseinandersetzung mit Design und Architektur und ihren Einflüssen auf das Leben. Die erste öffentlichkeitswirksame Blüte dieser Haltung war 1989 die Eröffnung des Vitra Design Museums, das heute pro Jahr zwei bis drei Ausstellungen zu historischen und aktuellen Entwicklungen des Designs zeigt, die auf dem Firmencampus durch ein umfangreiches Angebot an wechselnden Veranstaltungen, Führungen und Workshops – auch für Kinder – ergänzt werden. Die Sammlung hochkarätiger Architekturen und Ausstellungen entwickelt einige Zugkraft gegenüber der internationalen Crème de la Crème der Architektur- und Designszene. Regional gesehen kommt der Institution jedoch eher eine Sonderrolle zu, die den lokalen Architekten bei der Architektur-Vermittlung nur wenig nutzt.
Einzelkämpfer im Kleinen
Neben den großen Institutionen und als Ergänzung zu den großen Architekturvorträgen der Stiftung Architektur Dialoge Basel sucht die Plattform »Standpunkte« den direkten Dialog im kleineren Rahmen (10 bis 40 Personen) und gibt jüngeren Architekten eine Stimme. Standpunkte wurde 2005 von Reto Geiser initiiert; er ist Architekt in Basel und Architekturvermittler in der Region (Mitglied bei Architektur Dialoge Basel, im künstlerischen Beirat von S AM) und international tätig (u. a. 2008 als Kurator für die Schweiz an der Architekturbiennale Venedig). Ziel der Plattform ist, den Dialog und kritischen Gedankenaustausch zwischen aufstrebenden Stimmen aus der Architektur und den ihr verwandten Disziplinen in- und außerhalb der Schweiz anzuregen. Seither fanden mehr als 40 Vorträge, Gespräche, Diskussionen, Workshops, Buchpräsentationen und Ausstellungen zur zeitgenössischen Architekturkultur in Basel in informellem Rahmen statt. Seit 2009 veröffentlicht Standpunkte regelmäßig Manifeste, Ideen, kritische Betrachtungen oder Entwürfe, die aktuelle Positionen repräsentieren oder historische Themen aus zeitgenössischer Perspektive reflektieren. Das Standpunkte Magazin, herausgegeben von Reto Geiser und Tilo Richter soll die Entwicklung und Verbreitung architektonischer Ideen fördern und die produktive Zusammenarbeit zwischen Architekten, Autoren und Gestaltern anregen. Standpunkte-Publikationen wurden in Ausstellungen in Chicago, Los Angeles, Madrid, Tokio und Zürich vorgestellt. Das 5 m³ große Schaufenster des Standpunkte-Treffpunkts an der Hammerstraße steht des Weiteren für öffentliche Ausstellungen zur Verfügung – eine Einladung an alle jungen Gestalter. Die Mitgliedsbeiträge und das Sponsoring tragen nur gering zur Finanzierung der Aktivitäten der Plattform bei. Reto Geiser arbeitet mit viel Herzblut und engagiert sich »mit Freude und Überzeugung an der Sache«.
Ein zweites im doppelten Sinn jüngeres Engagement der Architekturvermittlung in der Region ist der Verein »drumrum«. Seit 2004 konzipiert und realisiert er unter Leitung der Architektin Nevena Torboski für und mit Kindern und Jugendlichen Workshops, Kurse und Projekte, die sich mit den Themen Raum, Landschaft, Stadt, Architektur, Design, Ingenieurwesen und Lebensumwelt befassen. Mit seinen Aktivitäten möchte der Verein junge Menschen anregen, die gesamte gestaltete und geplante Lebensumwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen, neu zu entdecken und mit eigenen Mitteln mitzugestalten. Ziel ist es, Kindern einen kreativen und sinnlichen Umgang mit unterschiedlichen Räumen auf der Ebene der Mathetik (empfängerbezogenes und prozessorientiertes Lernen) zu vermitteln.
Strukturen, Mentalitäten, Chancen?
Die Entwicklung der Region Basel ist derzeit ein Thema, das nicht nur unter Architekten diskutiert wird. Von 2010 bis 2020 findet dort eine Internationale Bauausstellung statt. Die IBA Basel 2020 ist Wegbereiterin für Projekte, die modellhaft aufzeigen, wie sich die Zukunft dieses speziellen und trinationalen Wirtschafts- und Lebensraums gemeinsam gestalten und gemeinschaftlich nutzen lassen. In Basel werden kulturelle, politische und sprachliche Barrieren als Herausforderungen gesehen. Die Region lebt mit diesen und negiert sie nicht. Unterschiede in Mentalität und Verwaltungsstrukturen nimmt man in allen Bereichen bewusst wahr. Die jeweilige Identität aller drei Länder ist stark ausgeprägt und hemmt auch den gegenseitigen Austausch. Dennoch profitiert man gern von den Einkaufsmöglichkeiten jenseits der Grenze, tauscht sich kulinarisch und kulturell aus und entdeckt Natur und Freizeitangebote im Nachbarland. Und auch die Vielfalt an grenzüberschreitenden Verbänden, Institutionen und Kommissionen beweist, dass der Wille, sich näher zu kommen, vorhanden ist und wächst.
Der Verkehr wird seit jeher grenzüberschreitend geregelt – Straßenbahn- und Busverbindungen nach Deutschland und Frankreich werden ständig ausgebaut, der »Euroairport« auf französischem Gebiet bedient Basel, Mulhouse und Freiburg.
Auch wenn Basel das kulturelle Zentrum für die gesamte Region bildet und es zwischen dem Elsässischen, Badischen und Baseldeutschen kaum Sprachbarrieren gibt, haben es grenzübergreifende Projekte dennoch nicht immer ganz leicht.
Innerhalb Frankreichs hat das Elsass mit seiner Randlage eine schwierige Position. Alle Subventionen und Zuschüsse für u. a. Kultur- und Verkehrs-Projekte werden von Paris aus verteilt oder genehmigt. Die Prozeduren sind mit sehr viel administrativen Hürden verbunden und aufwendiger als in den föderalen Systemen der Nachbarn. Mit der Höhe der staatlichen Kultursubventionen liegt Frankreich zwar vor Deutschland und der Schweiz, das Geld wird aber zum größten Teil in Paris und mit Vorliebe für die »grands projets« ausgegeben.
Auch auf deutscher Seite haben es baukulturelle Projekte nicht ganz leicht. Die Architekturforen sind zwar grundsätzlich die richtigen Ansprechpartner, können wegen ihrer finanziellen Abhängigkeit von den Architektenkammern aber oft nicht so frei entscheiden, wie es wünschenswert wäre.
In der Schweiz dagegen setzt man bei Kulturprojekten und -institutionen ohnehin weniger auf die öffentliche Hand; in Basel wird ein Großteil der Finanzierung durch Sponsoring von Firmen und durch private Investoren ermöglicht. Basel ist Stiftungsstadt par exellence. Das Mäzenatentum hat hier v. a. in der Kunst Tradition.
Wie und ob überhaupt diese Mentalitäts- und politischen Unterschiede in Zukunft eine größere Bereicherung und zum Bestandteil der Region Basel werden können, wird uns die IBA Basel 2020 hoffentlich zeigen. •
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