Beton im Besonderen: AHM Architekten verwandeln ein Berliner Lagerhaus in Loftbüros

Starke Struktur

Das Potenzial »neutraler« Beton-Tragstrukturen von Nachkriegsbauten ist immens. Das Berliner Projekt zeigt beispielhaft, wie durch die kluge Modifikation des Bestands zeitgemäße Architektur entstehen kann, die einen Großteil der vorhandenen grauen Energie weiter nutzt, statt ihn zu vernichten.

    • Architekten: AHM Architekten Tragwerksplanung: SFB Saradshow Fischedick Berlin Bauingenieure

  • Text: Jürgen Tietz Fotos: Christian Richters, Peter Neusser
Weder das Bauen im Bestand noch die Umnutzung historischer Bauten sind neue Themen für die Architektur. Sie gehören ebenso zum Alltagsgeschäft wie die damit verbundene Umcodierung von Gebäudetypologien. Das hat in der Baugeschichte prominente Vorläufer, wie die Transformation der als römische Markthallen dienenden Basiliken zum christlichen Sakralraum vor rund 2000 Jahren zeigen. Voraussetzung für derartige Veränderungen ist die Nutzungsoffenheit der jeweiligen Gebäudestruktur. Was lässt sie zu? Was schließt sie aus? Je klarer, einfacher und großzügiger die zugrunde liegende Struktur ist, desto vielfältiger ist das Spektrum künftiger (Um-)Nutzungen.
Interessanterweise gilt gemeinhin die Architektur des 19. Jahrhunderts als besonders umnutzungsrobust. Lofts in gründerzeitlichen Fabriken oder Veranstaltungsräume in Wasserwerken sind Standard. Die Erkenntnis, dass die oft geschmähten Bauten der späten Nachkriegsmoderne über dasselbe Umnutzungspotenzial verfügen, setzt sich hingegen erst langsam durch. Insofern kommt dem etwas marketinglaut als »The Box« bezeichneten ehemaligen Lagergebäude am Spreeufer in Berlin-Charlottenburg Beispielcharakter zu. Die Berliner AHM Architekten – Peter L. Arnke, Brigitte Häntsch und Rolf Mattmüller – haben die 1969 errichtete Betonkiste mit gezielten Eingriffen in Struktur und Fassade für ihr zweites Leben als Bürohaus ertüchtigt. Es zeigt damit eine weitere Spielart der aktuellen Umnutzungsprojekte der späten Moderne wie dem Toni-Areal in Zürich (EM2N) oder der Kunsthochschule in Bern (Rolf Mühlethaler).
Die neue Funktion des auf quadratischem Grundriss entstandenen Lagerhauses für die Firma Henkel ist Teil des langsamen Wandels des ehemaligen Gewerbegebiets am Berliner Salzufer zu einer Mischnutzung, die sich durch die prominente ›
› Wasserlage entlang der Spree geradezu aufdrängt. Nachdem der Bau bereits 1980 um eine Produktionsstätte ergänzt worden war, stand er jedoch die letzten Jahre leer. Die beiden wichtigsten Voraussetzungen für seine Umnutzung (Baukosten rund 9,5 Mio. Euro) waren einerseits die Bereitschaft der Investoren ANH, die ursprüngliche Struktur mit ihren für die neue Büronutzung luxuriösen Raumhöhen von 4,20 m beizubehalten sowie andererseits der völlig problemfreie Zustand der tragenden Stahlbetonskelettkonstruktion. Sie besteht aus vorfabrizierten Betonelementen: Stützen auf einem Raster von 7,20 x 7,20 m und Decken aus Doppelstegplatten (TT-Platten). Probleme mit dem Stahlbeton gab es einzig im Bereich einiger Stützen auf der Sohlplatte des Kellergeschosses. Dort war eine Betonsanierung aufgrund des erhöhten Chloridgehalts und der dadurch drohenden Korrosion der Bewehrung notwendig. Ursache für die Schäden war eine defekte Innenentwässerung, die den Keller längere Zeit unter Wasser setzte. Ansonsten aber bietet gerade das weite Raster der Stahlbetonkonstruktion sowie die auf hohe Traglasten ausgelegten Geschossdecken optimale Voraussetzung für jedwede neue Nutzung.
Um lichtdurchflutete Büroräume entstehen zu lassen, öffneten die Architekten die zuvor weitgehend geschlossene Sichtbetonfassade. Ein silbern schimmernder Fassadenanstrich, unter der sich eine Dämmung verbirgt, sowie eine vorgesetzte Fassadenebene aus Streckmetall geben dem Haus in dem heterogenen Umfeld des Gewerbegebiets heute ein attraktives neues Erscheinungsbild mit industriellem Duktus. Darüber hinaus bieten die vorgeblendeten Streckmetallgitter einen leichten Sonnen- und Sichtschutz für die Arbeitsräume.
An der Rückseite des Hauses wurde die Böschung zur Spree abgearbeitet. Dadurch verwandelte sich der Keller in ein helles Souterrain, dessen Arbeitsplätze einen charmanten Wasserblick für die Mitarbeiter von AHM-Architekten bieten, die dort ihr neues Berliner Quartier bezogen haben. Zugleich kommt der Entscheidung für die neue Uferzone eine stadträumliche Dimension für eine mögliche weitere Bebauung des Areals zu.
Eine besondere Herausforderung stellte die mit rund 13 m relativ große Tiefe der Nutzungseinheiten in dem Quader dar. Um auch für die fensterfernen Arbeitsplätze genügend natürliches Licht zu erhalten, haben AHM das innerste Feld der Rasterkonstruktion entfernt. An seiner Stelle entstand ein gebäudehoher, quadratischer Lichthof. Zu ihm hin öffnen sich jetzt die jeweils vier vollständig verglasten Nutzungseinheiten pro Regelgeschoss. Eine um den Lichthof führende Galerie ermöglicht Zu- und Rundgang und gibt zudem Einblicke in der Struktur des Hauses. Einzig das neu aufgesetzte Staffelgeschoss ist mit seinen Glaswänden bis an den Lichthof herangezogen, um den Flächenverlust durch den Staffelrücksprung auszugleichen.
Ebenfalls am Lichthof schließt sich der zweite größere Eingriff im Innern des Hauses an: Anstelle des ursprünglichen Lastenaufzugs haben AHM dort zwei gläserne Personenaufzüge für die Erschließung eingefügt und eine neue, skulptural aufgefasste Betontreppe mit grünem Stahlgeländer. Die weiße Farbfassung der alten Betonoberflächen wurden beibehalten, neue Hinzufügungen wie die Treppe und oder das Staffelgeschoss sind in Abgrenzung dazu in Sichtbeton ausgeführt. ›
› Um das ursprünglich funktionsbedingt ganz introvertierte Gebäude zu erschließen, erhielt es an der Gutenbergstraße eine neue Empfangssituation. Die ehemalige, seitlich anschließende Anlieferungsrampe kann für eine geplante Gastronomie als Terrasse dienen. Die alte, pink-violette Vordachkonstruktion über der Rampe ist zwar verschwunden, dafür lassen die Architekten dort die Streckmetallhülle als Geste leicht auskragen.
Entsprechend dem bewusst industriell-rohen Charakter des Hauses sind die Leitungen im Innern offen unter der Decke geführt, der Brandschutz wird durch eine Sprinkleranlage gewährleistet. So sind die offenen Nutzungseinheiten äußerst flexibel zu bespielen. Die klare Ablesbarkeit der Betonkonstruktion und die angenehm lichte Uminterpretation des einst abgeschotteten Gebäudes überzeugen ebenso wie seine unaufgeregte Gesamtgestaltung, die offenbar auch bei den Nutzern aus der »Kreativ-Szene« gut ankommt. So wird das gesamte OG bereits von einem namhaften Architekturbüro genutzt.
Besondere Bedeutung wächst der Transformation des unscheinbaren Lagerhauses in einen adressbildenden Gewerbebau neben seiner städtebaulichen Vorreiterrolle in dem Quartier am Berliner Salzufer v. a. durch seine nachhaltige Komponente zu. In der erhaltenen Betonstruktur ist jene graue Energie gebunden, die bei einem völligen Abriss verloren gegangen wäre. Möglich aber war die Umnutzung letztlich nur aufgrund der hohen Flexibilität der Prefab-Betonkonstruktion, was grundsätzliche Überlegungen zur Dauerhaftigkeit und Umnutzungsfähigkeit möglichst »neutraler« Primärstrukturen auch beim Neubau nahelegt. •
  • Standort: Gutenbergstraße 4, 10587 Berlin Bauherr: ANH Hausbesitz, Arnsberg und Berlin Generalplanung: AHM Arnke Häntsch Mattmüller Gesellschaft von Architekten Objektplanung LPH 1-5: AHM Architekten Objektplanung LPH 6-8: IBB Ingenieurbüro für Bauwesen Prof. Burkhardt Tragwerksplanung: SFB Saradshow Fischedick Berlin Bauingenieure Technische Gebäudeausstattung: IGZ Ingenieurgesellschaft Zimmermann Brandschutz: HHP Berlin Ingenieure für Brandschutz Baugrund/Kontamination: ELH Erdbaulabor Hannover Ingenieure Schallschutz: Akustik Ingenieurbüro Moll Baubeginn: März 2013 Fertigstellung: September 2014 Baukosten: ca. 9,5 Mio.
  • Beteiligte Firmen:
Fassade Metallbekleidung Streckmetall E0/EV1: Rau Streckgitter
Fassade WDVS Anstrich silber: Alsecco
Fassade Aluminium Pfosten Riegel: Schüco
Fassade Holz/Aluminium Pfosten Riegel System Raico-Therm und Raico Wing: Raico
Außenliegender Sonnenschutz Edelstahl S_ENN: Claus Markisen
Innenliegender Blendschutz: Glasgard
Bodenbeschichtung weber.floor 4610: Saint-Gobain Weber
Systemtrennwand, Lindner Life 125: Lindner Group
Stoßfester Anstrich Latexplastik silber: Brillux

Technik aktuell (S. 68)
AHM Architekten
Peter L. Arnke
1956 in Cloppenburg geboren. Architekturstudium an der HdK Berlin, 1985 Diplom. Ab 1979 Mitarbeit u. a. bei Rem Koolhaas. Seit 1987 Arnke und Häntsch Architekten in Berlin, seit 2005 AHM Architekten. Seit 1996 Professur an der Beuth-Hochschule, Berlin.
Brigitte Häntsch
1958 in Stelle bei Hamburg geboren. Architekturstudium an der HdK Berlin, 1985 Diplom. Seit 1980 Mitarbeit in mehreren Architektur- und Stadtplanungsbüros , seit 1987 gemeinsames Büro mit Peter L. Arnke. Seit 2000 Professur an der Universität Kassel.
Rolf Mattmüller
1965 in Freiburg geboren. Architekturstudium an der TU Berlin, 1996 Diplom. Bis 2002 Mitarbeit bei Arnke und Häntsch Architekten, anschließend u. a. bei Diener & Diener Architekten, Berlin. Seit 2005 AHM Arnke Häntsch Mattmüller Architekten. 2006 Forschungstätigkeit an der Beuth-Hochschule für Technik, Berlin.
Jürgen Tietz
s. db 5/2013, S. 96