Dekontextualisiert

»The Movable House« in Riehen (CH)

Beim experimentellen »Movable House« in Riehen trug die umfassende Zusammenarbeit von Rahbaran Hürzeler Architekten mit dem Bauherrn Nico Ros von ZPF Ingenieure wesentlich zu diesem gelungenen — ebenso zurückhaltend gestalteten wie konstruktiv durchdachten — Prototypen bei.

Architekten: Rahbaran Hürzeler Architekten
Tragwerksplanung: ZPF Ingenieure

Kritik: Manuel Pestalozzi
Fotos: Weisswert, Rahbaran Hürzeler Architekten

Das »Movable House« der Architektinnen Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler hat seit seiner Fertigstellung schon einiges von sich reden gemacht. Wer mag, kann sogar online im Zeitraffer verfolgen, wie der eingeschossige Pavillon in Windeseile auf einem Gartengrundstück in Riehen bei Basel errichtet wird (https://vimeo.com/290262745).

Das Grundstück liegt an der Niederholzstraße in einem ruhigen Wohnquartier. Dem ausgedehnten Areal einer Primarschule gegenüber erstrecken sich hier Zeilen mit Reihenhäusern aus den 50er Jahren. Sie werden unterbrochen durch eine Doppelhauseinheit inmitten eines etwas verwilderten Gartens. In der Nordwestecke dieses Gartens fand das »Movable House« seinen Standort. Ein Kiesweg führt von der Straße nach Westen hin abfallend am Bestandsbau vorbei zum rund 1,5 m tiefer gelegenen Pavillon mit seinem auskragenden Flachdach. Das Volumen des Neubaus ist vom Geländeverlauf abgerückt und erlaubt nach allen Seiten (über einen schmalen Kiesstreifen) den direkten Zugang zum Garten. Dank der geschosshohen Fenster durchdringen sich Innen- und Außenraum, und so kommt trotz der Nachverdichtung durch den Neubau kein Gefühl der Enge auf.

Ungebunden

Der Bauherr des relativ kleinen Einfamilienhauses, Nico Ros, ist gelernter Zimmermann und Bauingenieur. Er arbeitet als Teilhaber und Geschäftsleitungsmitglied bei ZPF Ingenieure mit Büros in Basel und Zürich. »Die konstruktiv und ästhetisch herausforderndsten Bauprojekte wecken unser Interesse in besonderer Weise. Dabei sind wir unserem Selbstverständnis nach Partner der Architekten« – so lautet Philosophie der Tragwerksplaner. Nach diesem Credo ging auch Nico Ros vor, als er Rahbaran Hürzeler Architekten aus Basel mit der Planung seines Hauses beauftragte. Man kannte sich bereits als Partner in diversen Wettbewerbsteams, sodass eine Basis für die gemeinsame Projektentwicklung voranden war.

Der Bauherrnauftrag zur Planung eines kleinen vorfabrizierten Hauses, das sowohl im Wald, auf freier Wiese oder in der Stadt errichtet werden könnte, war ungewöhnlich: Da Nico Ros teils in Zürich, teils in Basel arbeitet, war für ihn der Standort des Hauses zweitrangig. »Ich dachte an ein Haus, das man etwa auch auf einem Industriebau oder einem Hinterhof platzieren könnte.« Nun steht der Bau im Garten seines Elternhauses. »Bei Vergabe des Auftrags hatten wir noch keine Kinder, mit der Ankunft des Nachwuchses kam der Wunsch nach der Nähe zu den Großeltern.« Zu den weiteren Eckdaten des Auftrags gehörten vier Räume und eine Gesamtfläche von 100 m². Eine Konstruktionsweise war zwar nicht vorgegeben, die Bauteile sollten aber ohne Umstände transportierbar sein, außerdem war eine schnelle Montier- und Demontierbarkeit gefordert. Dass die Architektinnen und das Ingenieurteam des Auftraggebers dieses »Gebäude ohne Standort« gemeinsam entwickeln würden, verstand sich quasi von selbst.

Die Idee der Architektinnen für ein quadratisches Gebäude mit einem kreisrunden Zentralraum, vier tragenden Kernen und freien Sichtachsen in den Diagonalen, fand der Bauingenieur, der auch großes Interesse für Architekturgeschichte hegt, sehr reizvoll. Gemeinsam wurde dann auf der Basis dieses Ansatzes die Planung konkretisiert.

So einfach dieser Ansatz war, so klar sollte auch die Struktur werden. In Hinsicht auf die einfache Demontierbarkeit bestand ein wichtiges Anliegen in der Trennung der Gebäudeteile. Angestrebt wurde eine »saubere« Lösung, die gegebenenfalls auch wieder möglichst unbeschädigt zu zerlegen wäre. Nico Ros spricht dabei von einer »Gleichberechtigung der Teile«. Den Ingenieuren von ZPF fiel die Aufgabe zu, die Materialisierung, die Gliederung, die Lage und die Dimensionierung von Boden, Wänden und Decke mitzubestimmen. Diese sollten alle nicht nur raumbildende Funktionen übernehmen und mit Sichtoberflächen ausgestattet sein, sondern auch statisch wirksam, alles möglichst optimal aufeinander abgestimmt. Das klare Konzept der Architektinnen ermöglichte ein gemeinsames »Finetuning«, eine geduldige Annäherung an das räumliche und strukturelle Optimum.

Leistungsfähig

Der quadratische Grundriss hat eine Seitenlänge von 10 m. Die Kerne, die vom kreisrunden Zentralraum bis zur Fassade reichen, sind als raumhaltige Möbel mit dienenden Funktionen definiert: Entree mit Garderobe, Badezimmer, Gästebad, Technikräumen, Schränken, Regalen. Leitungen verlaufen offen innerhalb der Kerne, wodurch Schlaf- und Wohnräume frei von Installationen sind. Boden und Decken bestehen aus je fünf gereihten, vorfabrizierten Betonelementen von 10 x 2 m. Ihre sichtbaren Fugen verlaufen an Decke und Boden in derselben Richtung, quer zum Entree.

Bei der Materialisierung wurden auch Lösungsansätze in Stahlbau oder mit Holzböden und -decken überprüft. Für die realisierte Kombination aus Holz- und Betonelementen sprachen letztlich die bauphysikalischen Eigenschaften des Betons im Hinblick auf die thermische Speichermasse und die Luftfeuchtigkeit. Die vier Kerne wurden aus Mehrschichtplatten in Baubuche ausgeführt. Im bereits zuvor erwähnten Projektfilm erklärt Shadi Rahbaran dazu, dass sich Baubuche, auf Druck belastet, wie Beton verhält, bei Zugbeanspruchung aber Eigenschaften von Metall aufweist. An der Ausbildung der Kerne wird dies z. B. in Form aussteifender geschlossener Partien und durch Regalböden genutzt: Sie verhindern ein seitliches Ausknicken von vertikalen Tragelementen. Der Bauherr, der an der Entwicklung der Kerne maßgeblich beteiligt war, ist nach wie vor sehr darüber erfreut, wie sich letztlich das statisch Notwendige zusammen mit dem Praktischen und dem Ästhetischen bestens zu einer Einheit fügen.

Die lediglich 6 cm dicken Betonelemente für das Dach wurden mit seitlichen Stegen versehen und bereits bei der Vorfertigung in Längsrichtung vorgespannt. Sie gelangten mitsamt integrierter Dämmung auf die Baustelle und wurden innerhalb kurzer Zeit auf den bodenseits bereits montierten Kernen abgesetzt. Anschließend wurden Gewindestangen in die eingegossenen Rohre in Querrichtung eingelegt und manuell gespannt, sodass die fünf Dachelemente statisch als eine Platte wirken.

Für die Verbindung von Decke, Kernen und Boden wurde speziell für das Projekt ein ingenieurtechnisches Schreinerdetail entwickelt: In einfachen, kreisrunden Öffnungen platzierte Stahlhalbmonde mit einer sehr hohen Zugkraft von 25 kN verbinden die Holzkerne mit den Betonplatten und vereinen wiederum sämtliche statisch wirksamen Elemente zu einem großen »Möbel«.

Über dem Zentralraum ist eine Öffnung ausgespart. Das ursprüngliche Konzept sah hier ein Oberlicht vor, das wegen der baurechtlichen Höhenbegrenzung von 3 m am Standort nicht möglich war. Ein Holzelement füllt die Öffnung, die Raumhöhe ist an dieser Stelle dadurch etwas größer.

Die Oberflächen der an Boden und Decke sichtbaren Betonelemente zeigen sich durch den verwendeten Weißzement und den Zuschlägen aus Carrara-Marmor edel. Die Bodenflächen wurden geschliffen und weisen so den Charakter eines Terrazzobelags auf.

Kontrolliert

Das Gebäudekonzept wurde um eine Versuchsanordnung zur thermischen Optimierung der Gebäudemasse ergänzt: Zwischen der Dämmung zum Erdreich und der Betonelement-Bodenplatte wurde eine Schicht mit Phase Change Material (PCM) eingebracht. Die Module mit ihrem speicherfähigen Inhalt auf Wachs- und Salzbasis sollen dem Boden eine Speicherkapazität geben, die einer 30 cm dicken Betonplatte bei 4 K Temperaturänderung entspricht. Die Idee ist darauf zurückzuführen, dass Nico Ros neben seiner Tätigkeit bei ZPF noch an einem Unternehmen beteiligt ist, das Frachtcontainer mit PCM-Isolation entwickelt hat. Beim Versuch, diese Dämmmethode beim Movable House anzuwenden, konnte das Planerteam das Institut Energie am Bau der Fachhochschule Nordwestschweiz mit ins Boot holen. Die Forschenden prüfen im laufenden Betrieb anhand zahlreicher Messpunkte den Erfolg dieses Experiments.

Der Neubau ist mit einer Wärmepumpe ausgestattet, die sich wahlweise über ein Erdregister oder mit einem Kreislauf zwischen Dämmung und der erwähnten PCM-Schicht betreiben lässt. Ins energetische Konzept integriert ist auch eine PV-Anlage auf dem Dach. Sie speist die gewonnene Energie, deren Jahresbilanz den Gesamtstrombedarf des Gebäudes übersteigt, ins Netz ein. Durch den guten Wärmeschutz und die optimierte Nutzung der Solargewinne wird gemäß Aussage der Architektinnen die gesetzliche Anforderung an den Heizwärmebedarf um 40 % unterschritten.

Nico Ros und seine vierköpfige Familie bewohnen ihr neues Heim seit August 2018 und fühlen sich als »Versuchskaninchen« darin sehr wohl. Sie schätzen es, dass sich die Atmosphäre durch die Schiebetüren zu den kleineren Räumen und durch die umlaufenden äußeren und inneren Vorhänge mittels weniger Handgriffe verändern lässt. Und sie sind angenehm überrascht über die gute Akustik in diesem «Edelrohbau». Nico Ros vermutet, dass sie dem kreisrunden, ein wenig höheren Zentralraum zu verdanken ist. Geplant war das zwar nicht, aber es ist eine willkommene Begleiterscheinung zu den bisher rundum positiven Ergebnissen des Bauexperiments.


Fügung der Elemente: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel
Grundriss EG: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel
Lageplan: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel
Schnitt AA: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel

Segmentaufbau: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel

Standort: Niederholzstraße 88, CH-4125 Riehen

Bauherr: Nico Ros und Laura Möckli
Architekten: Rahbaran Hürzeler Architekten, Basel; Shadi Rahbaran,
Ursula Hürzeler
Mitarbeiter: Julian Nieciecki, Lisa Tran, Ilinca Zastinceanu,
Eugenio Cappuccio
Tragwerksplanung: ZPF Ingenieure, Basel; Nico Ros, Nicolas Gamper
Forschungsprojekt Innosuisse / Bauphysik: Institut Energie am Bau –
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Muttenz; Achim Geissler,
Caroline Hoffmann, Gregor Steinke, Roger Blaser
BGF: 106,9 m²
BRI: 374 m³
Baukosten: rund 400 000 Euro (ohne Fundament und Grundstück)
Bauzeit: Vorbereitung: März und April 2018; Errichtung
Rohbau: 14.-22. Juni 2018; Innenausbau: 25. Juni bis 19. Juli 2018

  • Beteiligte Firmen:

Holz-Mehrschichtplatten, tragende Kerne: BauBuche, Pollmeier, Creuzberg, www.pollmeier.com
Betonelemente Boden und Decke: Element AG, Tafers, www.element.ch
Wärmepumpe: Alpha Innotec, Kasendorf, www.alpha-innotec.de
Erdwärmekörbe: BetaTherm, Wangen, www.betatherm.de
Bodenheizung mit Niedertemperatur: Greco Therm, Gelterkinden, www.grecotherm-ag.ch
PV-Anlage: JAM6, JA Solar, Peking, www.jasolar.com
Phasenwechselmaterial (PCM): SkyCell, Zürich, www.skycell.ch
Dachdämmung: swissporPIR Alu, swisspor, Steinhausen, www.swisspor.ch
Dachdichtungsbahnen: Contec.proof, Contec, Uetendorf, www.contec.ch
Dampfsperre Dach: Alutrix, Carlisle, Hamburg, www.ccm-europe.com
Lichtkuppeln: Cuppolux, Lachen, www.cupolux.ch
Holzfenstersystem: Schreinerei Hunziker, Schöftland, www.ihrschreiner.ch
Tür- und Fensterbeschläge: »Basel«, Glutz, Solothurn, www.glutz.com
Sanitärobjekte: Waschtisch Sonar, Laufen, www.laufen.com; Aufsatzbecken/WC, Luv/Starck 3 Compact, Duravit, Hornberg, www.duravit.com
Armaturen: Spültischmischer Arwa Twinplus S New, Waschtischmischer
Kartell, Similor, Laufen,www.similor.ch; Brausegarnitur Raindance Select S, Hansgrohe, Schiltach, www.hansgrohe.com
Keramikfliesen: Christofoli, Basel, www.cristofoli.ch


Nach einem ersten Besuch im vergangenen Juni kurz vor der Fertigstellung war unser Kritiker Manuel Pestalozzi erneut zu Gast im nunmehr bewohnten Movable House. Der angenehmen Atmosphäre und dem behaglichen Klima nach zu urteilen, erscheint es ihm, als wäre das Konzept aufgegangen.


Manuel Pestalozzi
1962 in Zürich geboren. 1991-97 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1997-2013 Redakteur der Schweizer Fachzeitschrift Architektur & Technik. Seit 2013 eigenes Textbüro Bau-Auslese.

Rahbaran Hürzeler Architekten

Shadi Rahbaran

Architekturstudium an der University of Toronto. Mitarbeit u. a. bei Bruce Mau Design, Toronto, und O.M.A. in Berlin und Porto. Seit 2004 eigenes Architekturbüro, seit 2011 gemeinsam mit Ursula Hürzeler. 2007-13 Lehrtätigkeit am ETH Studio Basel, seit 2015 am Kyoto Institute of Technology, seit 2019 an der FHNW.

Ursula Hürzeler

Architekturstudium an der ETH Zürich. Mitarbeit u. a. bei AV62, Barcelona, und Herzog & de Meuron, Basel. Seit 2011 gemeinsames Büro mit Shadi Rahbaran. 2011-14 Assistenz an der FHNW, seit 2016 Architekturvermittlung für das Kunstmuseum Basel, seit 2019 Lehrauftrag an der FHNW.

ZPF Ingenieure

Nico Ros

2000-2004 Studium des Bauingenieurwesens an der FHNW, 2003-07 Ökonomiestudium an der Universität Fribourg. Seit 2003 Mitarbeit bei ZPF Ingenieure, Basel, seit 2009 als Partner. Seit 2009 Lehrauftrag an der FHNW.