... in die Jahre gekommen

Helgoland

Der Wiederaufbau von Helgoland ist in seiner Art einmalig. Fernab vom Festland, in der Weite der Nordsee gelegen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine Idealplanung mit skandinavischen Anleihen realisiert, die bis heute gleichermaßen als Wohnsiedlung und Feriendestination dient. Doch die Vorstellungen vom Wohnen und vom Urlaub haben sich seit der Adenauer-Ära drastisch verändert. Insbesondere die eng an den Helgoländer Felsen geschmiegten Häuserzeilen lassen dabei nur wenig Raum für Anpassungen an gewachsene Ansprüche.

Architekten: u. a. Georg Wellhausen, Helmut & Traute Bunje, Ingeborg & Friedrich Spengelin, Wolfram Vogel

Kritik: Jan Lubitz
Fotos: Jan Lubitz, AAI Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst Schleswig-Holstein, Archiv Museum Helgoland, Rickmers Archiv u. a.

1953-1966

Die Insel Helgoland ist seit dem 19. Jahrhundert ein beliebtes Urlaubsziel. Als Militärstützpunkt war das rund einen Quadratkilometer große Eiland dagegen nie von großer Bedeutung, auch wenn sich seit 1891 das Kaiserreich sowie seit 1937 die Nationalsozialisten darum bemühten, die Insel zum Marine- und Luftwaffenstützpunkt zu machen. Noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde Helgoland zum Ziel verheerender Luftangriffe. Weit gravierender war allerdings eine von den Briten, die die Insel seit 1945 besetzten, am 18. April 1947 durchgeführte Sprengung, der sogenannte Big Bang, die weite Teile der hoch aufragenden Insel zerstörte. Als Helgoland 1952 an die Bundesrepublik übergeben wurde, glich sie einer Mondlandschaft.

In Anbetracht des Ausmaßes der Zerstörung verzichtete man 1952 beim Wettbewerb zum Wiederaufbau auf jegliche Rekonstruktionsansätze. Stattdessen wurde nach einer Lösung gesucht, die die Defizite der vormaligen Bebauung beheben und zugleich deren Charakter weitertragen sollte. Realisiert wurde schließlich eine der Moderne verpflichtete Idealplanung, die zahlreiche ideelle Bezüge zum alten Helgoland herstellt.

Auf Basis des Wettbewerbsentwurfs des Hamburger Architekten Georg Wellhausen wurden die Neubauten auf den ehemaligen Siedlungsgebieten konzentriert, um eine Streuung über die gesamte Insel im Sinne einer aufgelockerten Stadtlandschaft zu vermeiden. Diese kompakte Siedlungsstruktur, ergänzt um einige Solitärbauten wie die 1955-59 errichtete Biologische Anstalt von Gustav Hassenpflug oder die 1958-60 erbaute St. Nicolai-Kirche der Hannoveraner Architekten Hübotter, Ledeboer & Romero, griff ein Charakteristikum der kriegszerstörten Bebauung auf – nicht allein aus sentimentalen Gründen, sondern auch aufgrund der klimatischen Bedingungen: Durch dichte Gebäudestellungen sollte der Wind gebrochen und aus den engen Straßenräumen ferngehalten werden.

Gegenüber dem Vorkriegszustand wurde das Straßenraster um 90° gedreht, sodass die Hauptwege nun in Nord-Süd-Richtung verlaufen und so mehr Tageslicht in die flankierenden Wohnungen fällt. Leichte Krümmungen und verspringende Baufluchten sorgen für unregelmäßig wirkende Straßenräume, die den kleinteiligen Maßstab des »alten Helgoland« aufnehmen.

Um die Neubauten angemessen in die raue Felsenlandschaft zu integrieren, entwickelte der Hamburger Künstler Johannes Ufer eine Farbpalette aus 14 unterschiedlichen Farbtönen, mit denen die Helgoländer Häuser bunt gefasst wurden. Wenn auch erheblich modifiziert trägt diese Vielfarbigkeit bis heute wesentlich zum einzigartigen Erscheinungsbild der Insel bei.

Planung und Umsetzung der Gebäude wurde auf auf ein knappes Dutzend verschiedener Architekten verteilt, die zumeist schon im Wettbewerb von 1952 in Erscheinung getreten waren. So stammen z. B. die 1953-54 errichteten Versuchswohnhäuser an der Bremer Straße sowie die 1955 fertiggestellten Hummerbuden vom damaligen Wettbewerbssieger Georg Wellhausen und die 1956-57 erbaute Jugendherberge sowie das Kurhaus-Ensemble mit dem 1960 eingeweihten Rathaus von den Hamburger Architekten Ingeborg & Friedrich Spengelin.

Die Neubauten erhielten durch asymmetrische Giebelfronten ein charakteristisches Profil. Die flach geneigten Dächer fast ohne Überstand folgen den klimatischen Bedingungen. Zugleich zeigen sich darin Einflüsse der skandinavischen Moderne, etwa der Reihenhausbebauung in Klampenborg von Arne Jacobsen. Auch Details wie quadratische Fenster ohne Sprossen oder die bewusste Verwendung natürlicher Baumaterialien nahmen Bezug auf dieses Vorbild. Die große mentale Nähe erklärt sich v. a. durch den Eindruck des Himmels, der sich in unendlicher Weite über dem kleinen Eiland erstreckt, und an den die Nordseewinde sich beständig wandelnde Wolkenbilder zeichnen – ein zentrales Motiv skandinavischer Architektur.

KONZEPT IM WANDEL

Die Planungen von 1953 gingen von einer Einwohnerzahl von rund 2 500 aus. Die Unterbringung der Gäste, ein essentieller Faktor für die Funktion als Urlaubsort, sollte vorrangig in Ferienapartments innerhalb der Wohnbebauung erfolgen. Hotels wurden nur an den Außenkanten der Siedlungsstruktur eingeplant, wo die ein bis zwei Geschosse höheren Gebäude zugleich als Windbrecher für die dahinter liegenden Wohnhäuser dienen sollten.

Das Konzept ging durchaus auf: mit bis zu 830 000 Besuchern jährlich entwickelte sich Helgoland über die Jahre wieder zu einem nachgefragten Ferienziel. Dazu trug auch der zollfreie Handel bei, ein Relikt aus vergangenen Tagen. So waren z. B in der Nachkriegszeit Butterfahrten nach Helgoland, auf denen man sich mit englischer Mode, Zigaretten und Whisky eindeckte, beliebt. Die Tagestouristen waren es, die die Gästezahlen nach oben trieben. Doch in einer Welt, in der man günstige Pauschalreisen ans Mittelmeer unternimmt und sich Waren über das Internet direkt nach Hause bestellt, hat das damalige Ferienmodell seine Attraktivität eingebüßt. Zudem klebt bis heute das Image als »Fuselfelsen« an der Insel und erschwert eine Neuausrichtung des Tourismusmarketings.

Eine weitere Hypothek stellen die eng geschnittenen Wohnungsgrundrisse dar, in der Nachkriegszeit konzipiert nach den damaligen Regularien des Sozialen Wohnungsbaus. Niedrige Raumhöhen um die 2,30 m oder Toiletten auf dem Flur können heutigen Ansprüchen jedoch nicht mehr genügen – weder denen der Übernachtungsgäste noch der Insulaner. Die Einwohnerzahl hat sich inzwischen etwa halbiert und beträgt zuzeit nur noch knapp 1 400 – langfristig zu wenig für eine tragfähige Gemeindestruktur.

BEWAHREN UND NUTZEN

Der geschichtliche und architektonische Wert des Helgoländer Wiederaufbaus wurde frühzeitig erkannt, schon 1992 erfolgte die Eintragung ins Denkmalverzeichnis. Doch auch dadurch lässt sich der Veränderungsdruck, der aus der demografischen Entwicklung sowie praktischen Erfordernissen erwächst, nicht von der Insel abwenden. Der Zahn der Zeit nagt auch an den Helgoländer Bauten – und dies aufgrund der rauen Witterungsbedingungen besonders stark.

Die Behebung altersbedingter Bauschäden an Wandbekleidungen, Brüstungen und Fenstern führte über die Jahre zu zahlreichen kleinen Veränderungen, die sich in der Summe ungünstig auf die Homogenität des Erscheinungsbilds auswirken. Noch gravierendere Folgen hat der Umstand, dass bei Sanierungsmaßnahmen die Ufer’schen Pastelltöne, nicht mehr verbindlich sind. Stattdessen werden nun Farben verwendet, die mal mehr, mal weniger dem damaligen Konzept entsprechen – die mitunter knallbunten Farbtöne laufen oftmals den ursprünglichen Intentionen Johannes Ufers zuwider.

Auch auf Helgoland bringen energetische Ertüchtigungsmaßnahmen gestalterische Probleme mit sich. Der Ensembleschutz der Insel, der lediglich einige exponierte Häuser als »Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung« ausweist, kann davor also auch nur bedingt schützen. So sind bereits etliche der betont flächenbündig gestalteten Fassaden durch außen aufgebrachte Dämmschichten in einer Weise verändert worden, dass die Fensteröffnungen wie eingesunken wirken. Hinzu kommt der Verlust der originalen Haptik der Oberflächen.

Von erhöhter Warte aus betrachtet resultiert die Einheitlichkeit des Siedlungsbilds aus den markanten, vorwiegend dunklen Dachstrukturen, deren Faltungen die Anmutung eines Sandstrands bei Ebbe haben. Begehrlichkeiten, die engen Wohnräume nach oben hin zu erweitern, wirken sich da besonders nachteilig aus: Dachgauben passen zwar nicht zum ursprünglichen Architekturkonzept und stören empfindlich die homogene Dachlandschaft, wurden aber dennoch an einigen Gebäuden aufgesattelt.

HOTELS UND HUMMERBUDEN

Schon seit einiger Zeit bemüht sich die Insel darum, vermehrt Übernachtungsgäste anzusprechen. Dafür genügen die kleinen Ferienapartments der Nachkriegszeit nicht mehr. Neue Hotelkonzepte sind gefordert, um auch gehobene Ansprüche befriedigen zu können. So wurde 1999 an prominenter Stelle am oberen Ende der Kurpromenade das Hotel Atoll gebaut, für das der Kursaal von 1959 weichen musste. Zwar spricht das Atoll erfolgreich neue Besucherkreise an, doch mit seiner unmaßstäblichen Baumasse und der vielgliedrigen Fassadenarchitektur stellt es einen Fremdkörper im baulichen Gefüge dar.

Da innerhalb der geschlossenen Siedlungsstruktur weitere Hotelneubauten nicht möglich sind, muss der Bestand entsprechend ertüchtigt werden. So wurde etwa das Hotel Insulaner schon 1985 um eine Etage aufgestockt sowie 1996 mit dem angrenzenden Haus Südstrand zusammengelegt. Für einen neu angelegten Wellnessbereich wurde der rückwärtige Garten als Liegewiese gestaltet. Der heutige Hotelbetrieb bezieht sogar die Eigenheiten der Wiederaufbau-Architektur ins Marketingkonzept ein und wirbt bewusst mit dem 50er-Jahre-Flair des Hauses.

Wohnhäuser und Hotels können, wenn auch mit einigen Anstrengungen, weiterhin in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt werden, ebenso wie viele der öffentlichen Gebäude. Für die Hummerbuden hingegen war ein neues Nutzungskonzept erforderlich. Als Werkstätten der Helgoländer Hummerfischer errichtet, haben sich die kleinen Häuser mit ihren bunten, an skandinavische Fischerdörfer erinnernden Fassaden längst als architektonisches Symbol des neuen Helgoland etabliert. Doch infolge der Überfischung der Küstengewässer haben sie ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt, und wurden mittlerweile nach dem Leitbild »Kunst, Kultur und Knieper« umgenutzt. Kleine Kunstgalerien, Museen und Fischrestaurants machen die am Helgoländer Binnenhafen gelegenen Hummerbuden nun zum neuen touristischen Anziehungspunkt der Insel.

Damit ist eine Konversion gelungen, die sinnbildlich für die gesamte Insel steht. Auch wenn die Nachkriegskonzepte in vielerlei Hinsicht nicht mehr den heutigen Bedürfnissen entsprechen, prägt die Wiederaufbau-Architektur doch das Image von Helgoland. Als harmonische Komposition aus Formen und Farben, von einem nordisch herben Charakter gekennzeichnet, verträgt das Helgoländer Ensemble aber nur wenige Störungen. Nach den Umbrüchen und damit verbundenen Kontroversen der letzten drei Jahrzehnte befindet sich die Insel inzwischen auf einem guten Weg, sich mit ihrem einzigartigen Architekturerbe auszusöhnen und dessen touristisches Potenzial verstärkt zu nutzen.


  • Standort: 27498 Helgoland
  • Vom Autor dieses Beitrags ist auch ein Buch zum Thema erschienen:
    Jan Lubitz: Architektur auf Helgoland, Rickmers Verlag & Archiv, 2014

Auf seinen Architekturführungen weiß unser Kritiker Jan Lubitz (links) die Ruhe in der Bremer Straße, nur eine Straßenecke vom trubeligen Restaurant Lung Wai entfernt, sehr zu schätzen.

Jan Lubitz

Studium der Architektur und Denkmalpflege an den TUs Braunschweig und Berlin. 2006-08 freie Mitarbeit am Denkmalschutzamt Hamburg. 2009-14 Wiss. Mitarbeit an der Universität Stuttgart, 2013 Promotion. 2014-15 Lehrauftrag an der Hochschule Fresenius, Hamburg, 2018 an der TU Braunschweig. Seit 2017 am Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.