Endlich Geld für Stadtentwicklung

Oslo

Die nordische Metropole galt lange Zeit als verschlafen. Seit viele soziale Ziele des Wohlfahrtsstaats in trockenen Tüchern sind, stehen nun auch Gelder für Stadtentwicklungsprojekte zur Verfügung: Industriell geprägte Hafengebiete werden als Erweiterung der Innenstadt erschlossen; ehedem verrufene Arbeiterstadtteile mausern sich zu In-Quartieren, es weht ein neuer Wind. Doch sind dabei auch Fehlentwicklungen zu beklagen: Dem Wohnungsbau fehlt es an Qualität und der Glanz der prominenten Leuchtturmprojekte wird von städtebaulichen Mängeln in ihrem Umfeld getrübt.

Text: Clemens Bomsdorf

Am besten nähert man sich der Stadt vom Wasser her, mit der Fähre aus Kiel oder Dänemark. Schon eine gute halbe Stunde, bevor das Boot am Terminal festmacht, ist die bescheidene Skyline von Deck aus zu sehen und wird erkennbar, wie die Natur Oslos Stadtbild prägt. Die Landschaft ist wie ein Kessel geformt, in dessen Grund das Stadtzentrum liegt. Im Osten steigt der Ekeberg empor und im Westen der Holmenkollen mit der berühmten Skisprungschanze – das aktuelle, im März erst eröffnete Modell hat JDS aus Kopenhagen entworfen. Holmenkollen und Ekeberg gehören zu den teuersten Wohngegenden der Stadt. Moderne Architektur ist hier eher selten, ältere Einfamilienhäuser dominieren das Bild. Beide Berge sind – mit viel Wald und guter Aussicht versehen – gleichzeitig Naherholungsgebiete.
Zwei Gebäude stechen hervor: in Pipervika, der westlichen Hafenbucht, das dunkelrote Rathaus und in der östlichen, Bjørvika, die schneeweiße Oper. Mit seiner monumentalen Architektur und der Schwere, die der dunkle Stein ausstrahlt, steht das von Arnstein Arneberg und Magnus Poulsson 1930 entworfene, aber erst 1950 fertig gestellte Rathaus für das alte Oslo. Die aus Carrara-Marmor gebaute Oper des Büros Snøhetta hingegen liegt wie ein steinerner Eisberg am Ufer des Oslofjords und symbolisiert den Aufbruch in neue architektonische Zeiten.
Lange schien es unmöglich, so viel Geld für Architektur auszugeben. Erst, so hieß es, müsse in dem durch Öl und Gas so reich gewordenen Land noch mehr in den Wohlfahrtsstaat investiert werden. Doch letztlich hatte das lang anhaltende Bohren dicker Bretter der Kulturszene Erfolg. Nachdem klar war, dass nicht nur ein überdurchschnittliches Wohlfahrtsniveau gesichert ist, sondern auch die Peripherie Kulturbauten zugesichert bekommen hat, war Oslo bereit für eine neue, für das pietistisch geprägte Land eigentlich viel zu teure Oper, die im April 2008 eröffnet wurde.
Hafenblüte
Architektonisch geschieht in Oslo derzeit am meisten im Hafengebiet, das vom Containerhafen zum Wohn- und Kulturgebiet umgebaut wird. Die Oper ist das augenfälligste Zeichen dieser Umwidmung, die bereits in den 80er Jahren mit der kombinierten Shopping-, Wohn- Büro- und Vergnügungsmeile Aker Brygge beim Rathaus begann. Doch erst jetzt ist der Umbau so umfassend, dass nicht nur punktuell Bauten entstehen, sondern in weiten Teilen des Hafengebiets. »Was wir momentan in Oslo sehen, sind die größten Veränderungen im Stadtbild seit 1840 die Prachtstraße Karl Johan und das Schloss gebaut wurden«, sagt Ulf Grønvold, Architekt und Kurator am norwegischen Nationalmuseum. Auch sein Arbeitsplatz wird in nicht allzu ferner Zukunft umgesiedelt werden.
Zwischen Rathaus und Aker Brygge soll auf dem Vestbanetomten bis 2017 das neue norwegische Nationalmuseum entstehen. Als Sieger des Architekturwettbewerbs wurde im April 2010 Kleihues + Schuwerk mit Büros in Berlin und Neapel gekürt. Obwohl kantig und durchaus monumental wird das neue Nationalmuseum sich im wahrsten Sinne des Wortes ›
› im Hintergrund halten und das in einem alten Bahnhofsgebäude davor untergebrachte Nobel Friedenszentrum nicht in den Schatten stellen. In der Verlängerung von Aker Brygge, also nur ein paar hundert Meter entfernt, entsteht derzeit ein weiterer neuer Stadtteil – Tjuvholmen. Zum dortigen Aushängeschild soll der von Renzo Piano entworfene Neubau des privaten Astrup Fearnley Museums für Moderne Kunst werden.
Ob Aker Brygge oder Tjuvholmen – die Mietpreise sind selbst für Osloer Verhältnisse sehr hoch und die Stadtentwicklung dort stärkt zudem den Westen der norwegischen Hauptstadt, jene Gegend, wo traditionell das wohlhabende Bürgertum lebt. Die im Staate regierende sozialdemokratische Arbeiterpartei hingegen möchte traditionell den Osten der Stadt stärken. Deshalb wurde die neue Oper dort, mehr als einen Kilometer Luftlinie entfernt, platziert. In unmittelbarer Nähe soll in den kommenden Jahren auch das neue Munch Museum entstehen. Um den vom spanischen Büro Herreros geplanten Siegerentwurf gibt es aber Streit. Große Teile der Osloer Kulturszene meinen, das hohe Gebäude würde die Oper in den Schatten stellen. Entsprechende Bedenken gibt es gegen die teilweise schon fertig gestellten sogenannten Barcode-Hochhäuser hinter der Oper. Diese würden den Blick auf die Altstadt verbauen. Die Stadtautobahn E18 versperrt zurzeit den Weg vom Wasser in die Stadt. Die baldige Untertunnelung löst das Problem nicht komplett, weil ein Teil des Verkehrs weiterhin oberirdisch fließen wird. Bis 2020 soll zudem der erst 2001 umgebaute Hauptbahnhof nochmals erheblich erweitert werden. Über die konkreten Pläne wird noch diskutiert.
Problemkind Wohnungsbau
Jan Olav Jensen, Partner im Osloer Büro Jensen & Skodvin und Mitglied im Rat für Stadtarchitektur, einem beratenden Organ, hat an der Neuentwicklung des Hafengebiets wenig auszusetzen. Er klagt aber über die Mängel in der generellen Stadtplanung (unzureichender öffentlicher Nahverkehr, Dominanz des Automobils) und vor allem beim Wohnungsbau.
Oslo ist in den vergangenen Jahrzehnten massiv gewachsen und wie in den anderen nordischen Hauptstädten auch herrscht Wohnungsnot. Im historischen Stadtkern sind in den vergangenen drei Jahrzehnten so gut wie keine neuen Wohnbauten entstanden und was außerhalb gebaut wurde, sind eher Schlafstädte. Beispielhaft nennt Jensen die Umnutzung des Geländes des ehemaligen Flughafens Fornebu, westlich des Zentrums auf einer Halbinsel gelegen. In der Mitte der Wohnbauten dort befindet sich ein Park, von dem fingerartig Wege abgehen, die die einzelnen Häuser verbinden. »Es fehlt aber etwas, das urbanes Leben schafft«, so Jensen. Das Problem kennzeichne die meisten aller größeren Wohnbauprojekte im Hauptstadtgebiet. Auch im Inneren sind die Häuser oft nicht optimal. Die Wohnungsnot gibt den Investoren viel Macht. Sie müssen nicht mittels interessanter Gestaltung um Käufer buhlen, sondern können fast jede »Billigware« verkaufen.
Trotz einiger Positivbeispiele wie einem soeben fertiggestellten Zwölf-Parteien-Haus des Architekten Reiulf Ramstad meint Jensen, »das historische Urteil über das Gros der in den vergangenen Jahrzehnten entstandenen Wohnbauten wird nicht gut ausfallen«.
Ramstads auffälliger Bau mit Fassaden aus dunklem Ziegel und schwarz gerahmten Fenstern liegt im Stadtteil Grünerløkka, einem lebendigen Beweis dafür, dass trotz einiger Fehlplanungen in Norwegens Hauptstadt urbanes Leben entstehen kann. Das Arbeiterviertel war ehemals ein heruntergekommener und entsprechend billiger Stadtteil, der viele Studenten und Künstler anzog. Dann kamen die Cafés und mit ihnen die Kreativen, die mehr Geld zur Verfügung hatten und die Preise nach oben trieben. Doch weil jene, die vor zehn Jahren eine Wohnung kauften, immer noch in Grünerløkka leben, ist eine lebendige Mischung erhalten geblieben. Oft wird der Stadtteil, wenngleich um einiges kleiner, mit dem Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg verglichen. Die norwegische Künstlerin Ane Graff, in Oslo und Berlin ansässig, findet den Vergleich nicht ganz abwegig: »Grünerløkka ist wie ein kleines Dorf, hier gibt es eine zentrale Straße (Thorvald Meyers gate), an der alles angesiedelt ist: Vom lokalen Gemüsehändler und Bäcker bis zum Supermarkt.« In einem allerdings unterscheidet sich der Stadtteil von einem Dorf. Es gibt nicht nur eine Dorfkneipe, sondern jede Menge Bars und Cafés. »Außerdem gibt es erstaunlich viele Frisöre. Das sagt wohl etwas über die Sozialstruktur der Bewohner aus«, so Graff. Nur was die Preise angeht, ist Oslo mehr Weltstadt als Berlin: Der Frisörbesuch ist kaum unter 70 Euro zu haben und eine 40 m² große Zweizimmerwohnung in Grünerløkka kostet schon einmal über 1300 Euro. •