Wohnhausaufstockung in Paris (F)

Der Sonne entgegen

Ein schattiger Hinterhof mitten in Paris, ein äußerst begrenztes Budget, eine Chance für zwei junge Architekten: Zwischen hohen Brandwänden planten sie ein vierstöckiges, hölzernes »Lebensmöbel« für eine Familie, aufbauend auf der recht maroden Bausubstanz des Ursprungshauses. Großflächig verglast, sind helle Innenräume entstanden, die in der eingezwängten Lage überraschen.

  • Architekten: Bang architectes
  • Kritik: Wilhelm Klauser Fotos: Julian Lanoo
Die Situation ist von der Straße aus nicht einzusehen. Das Grundstück versteckt sich zwischen hohen Brandwänden, irgendwo im 20. Arrondissement von Paris. Eine alte Betontreppe führt zu einem Eingang an der Straße. Die Tür ist alt. Von hier aus geht es durch einen dunklen, nur 90 cm breiten Flur in einen lang gestreckten, kleinen Innenhof. Dort türmt sich das neue Haus zwischen den Brandwänden. Es scheint geradezu die Sonne zu suchen. »Heliotrope« haben es seine Architekten getauft, denn es gab beim Entwurf auf Wunsch der Bewohner nur eine Prämisse: Der Sonne entgegen. Über zehn Jahre schon wohnte die schließlich vierköpfige Familie auf 60 m2 in dem niedrigen Hinterhaus, das nun aufgestockt wurde. Die Bauherren wollten nicht weiter ein Schattendasein führen, aber auch nicht umziehen, da sie sich an den Ort gewöhnt hatten. Allerdings stand auch ein Abbruch der maroden Bausubstanz nie zur Diskussion – »Sentimentale Gründe«, erklären die Architekten.
Ein wesentlicher Vorteil der Gegend ist die Lage – ruhig und zentral. Wer sich in Paris vor zehn Jahren dort niedergelassen hat, weiß den Ort nun zu schätzen. Denn die Immobilienpreise lassen für Normalverdiener ein Leben in der Innenstadt eigentlich nicht mehr zu. Trotzdem braucht es eine große Portion Fantasie, um sich vorzustellen, dass man hier länger leben will.
Über Mundpropaganda erhielten die jungen Architekten den Auftrag. Die Rahmenbedingungen seitens des Bauherrn waren klar, und auch baurechtlich blieb wenig Spielraum. Die Architekten füllten mit ihrer Aufstockung nun das aus, was durch die Gesetzgebung möglich war: 6 m Abstand zu den rückwärtig angrenzenden Grundstücken, einige Brandwände, an die man sich anlehnen durfte, Abstände zu den Nachbarn dort, wo eventuell Blickkontakt entstehen könnte. Zuletzt gab es auch noch das Budget: 270 000 Euro waren da, mehr nicht. ›
Ein Holzhaus in Paris
Der Flur war die einzige Möglichkeit, die Baustelle überhaupt zu erreichen. Hätte man einen Kran aufgestellt, um über das Vorderhaus zu reichen, wäre gar kein Bau entstanden – er wäre viel zu teuer gewesen. So also musste alles durch den Flur getragen und vor Ort angepasst werden. Sinnvoll waren daher leichte, flächige Materialien und große Fensterformate. Aber auch um auf das existierende Gebäude überhaupt aufsetzen zu können, kam nur eine leichte Konstruktion in Frage. Entstanden ist daher ein Holzhaus in Paris, mit nun 170 m2. Die Architekten suchten einen Zimmermann, der bereit war, in dieser beengten Situation zu arbeiten. Ihm übergaben sie auch die Statik – ein in Frankreich durchaus gängiges Verfahren, insbesondere dann, wenn es sich um kleinere Bauaufgaben handelt. Das ist mit Risiken verbunden, gewiss. Letztlich sind die Planer damit auch von gestaltrelevanten Entscheidungen abgekoppelt. Aber ein junges Büro hatte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2009 keine große Wahl. Der Markt ist eng geworden und der Zugang zu größeren Projekten schwierig.
Das alte Haus wurde komplett entkernt, sein kruder Grundriss verändert. Über die Jahrzehnte hinweg wurden dort immer wieder neue Zimmer angefügt – so, wie es gerade gebraucht wurde; von einem Wohnzimmer ging es über ein Bad in ein Kinder- und dann in ein Schlafzimmer. Ein neues Treppenhaus aus Holz, eingefasst von einem großen Regal, ist nun das Zentrum des Hauses. Mit einem großen Oberlicht versehen, steigt man durch Bücher der Sonne entgegen.
Im EG wurde ein Atelier eingerichtet, darüber entstanden zwei kleine Kinderzimmer mit einem Bad. In der Aufstockung selbst befindet sich das Schlafzimmer der Eltern und ganz oben, auf der letzten Etage, der gemeinsame Wohn- und Lebensbereich der Familie. Das Interieur ist in strahlendem Weiß gehalten. Ob das alltagstauglich ist, sei dahingestellt. Aber noch wirkt es gut. Zumal die Zimmer selbst recht eng sind. Im neuen Aufbau gibt es keine Türen – auch diese Entscheidung, die die Architekten mit den Bauherren aushandelten, trägt wesentlich zur unerwarteten Großzügigkeit der Erweiterung bei.
Die alte Bausubstanz wurde bei der Aufstockung nur marginal berührt: Wo notwendig, wurde sie ausgebessert und gedämmt; und dort, wo der Bestand zu fragil anmutete, wurden vor die alten Wände Holzstützen gestellt, um die Lasten aus den Holzdecken abzutragen. Die Konstruktion der neuen Fassaden besteht aus 38 cm tiefen Leimbindern aus Douglasie. Leicht abgefast auf der einen Seite, lässt der Kunstgriff die Rahmen der Fassade filigraner wirken, als diese in Wirklichkeit sind. Das Wasser läuft auf der abgefasten Fläche ab. Dahinter wurden große, deckenhohe Isolierverglasungen mit anthrazitfarbenen Aluminiumrahmen montiert. Den Anschluss an die Brandwände bilden mit Holzwolle gedämmte Wände, die mit einer Stülpschalung aus Lärchenholz versehen sind.
Massgefertigtes »Lebensmöbel«
Das, was die beiden Architekten hier geplant haben, kann sich wirklich sehen lassen: Das Haus wirkt wie ein Möbel, das zwischen große Wände gestellt wurde, eine maßgefertigte Einrichtung für einen Hinterhof. Dank der dominierenden Fassadenkonstruktion behauptet es sich zwischen den hohen und abweisenden Ziegelmauern der angrenzenden Brandwände. Auch wird es als etwas Neues und Eigenständiges wahrgenommen. Gleichzeitig erweitern die großen Fensterflächen den Wohnraum optisch, beziehen die Hoflandschaft als Teil des Lebensraums mit ein, spielen damit. Dieses Konzept, sich von der Umgebung abzusetzen, in ihr aber auch Chancen zu erkennen und zu nutzen, geht auf und ist bemerkenswert souverän durchformuliert. Die Aufstockung stößt nun auch auf das Interesse anderer Bewohner im Quartier. Bereits aus zwei weiteren Hinterhöfen haben die jungen Architekten Anfragen bekommen. Aber Nicolas Gaudard und Nicolas Hugoo wissen genau, dass sie mit dem Bau solcher Intarsien in der Stadt nicht weiterkommen. Zu groß ist das Risiko, das sie eingehen müssen, und die Honorare sind selbstverständlich nicht auskömmlich.
Erstaunlich ist das Budget, mit dem sie auskamen, denn das, was gebaut wurde, sieht nach mehr aus. Fakt ist aber, dass das Geld nicht ausgereicht hat, und so hat man an der Haustechnik sparen müssen. Eingesetzt wurde wieder eine Elektro-Speicherheizung, wie sie schon im alten Haus existierte. Optimal ist das nicht, und solche Entscheidungen werden sich rächen. Aber die Architekten versichern, dass es im letzten Winter nicht kalt wurde. Die Bauherren hätten sich nicht beschwert und ihre Entscheidung, einen Hinterhof zu bewohnen, haben sie auch nicht bereut. •
  • Standort: Rue de la Mare, 20th Paris Bauherr: privat Architekten: Bang architectes, Nicolas Gaudard, Nicolas Hugoo BGF: 170 m2 BRI: 466 m3 Baukosten: 270 000 Euro Bauzeit: Oktober 2009 bis Oktober 2010
  • Beteiligte Firmen: keine Angaben

  • Paris (F) (S. 38)

    bangarchitectes
    Nicolas Gaudard
    1971 geboren. 1992-2000 Architekturstudium in Paris. 2000-07 Mitarbeit in verschiedenen Pariser Architekturbüros. Seit 2008 gemeinsames Büro mit Nicolas Hugoo.
    Nicolas Hugoo
    1976 geboren. 1997-2003 Architekturstudium in Delft, La Coruña und Lille. 1996-2007 Mitarbeit in Architekturbüros in Lille, Dünkirchen, Rotterdam, Paris und Marseille. Seit 2008 gemeinsames Büro mit Nicolas Gaudard.
    Wilhelm Klauser
    1961 geboren. 1983-87 Studium von Architektur und Städtebau in Stuttgart und Paris. 1989-91 Mitarbeit im Architekturbüro Striffler, Mannheim, 1992-98 in Tokio, u. a. bei Riken Yamamoto und Yamshita Sekkei. 1999-2003 eigenes Büro in Paris, seit 2003 in Berlin. Autor und Kritiker, Architekt und Urbanist.