Florian Nagler ergänzt St. Martha Kirche in Nürnberg

Hölzernes Geflecht

Ähnlich wie bei Notre Dame in Paris: Nach einem schweren Brand galt es auch in Nürnberg, die verbliebenen Reste einer Kirche zu retten und zu ergänzen. Florian Nagler ersann dafür eine Holzdecke, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt.

5. Juni 2014, gegen 2.30 Uhr nachts: Aus ungeklärten Gründen bricht im Dachstuhl der Kirche St. Martha ein Feuer aus. Am Folgetag ist das bauzeitlich historische Dach des Hauptschiffs komplett abgebrannt, der Dachstuhl des Chors in Teilen zerstört, am Sandsteinmauerwerk zeigen sich stellenweise erhebliche Schäden, die freistehenden Giebelwände sind wegen der nun fehlenden Längsaussteifung sogar akut einsturzgefährdet. Das 1385 eingeweihte Gotteshaus in der südöstlichen Nürnberger Altstadt bedarf sofortiger Sicherungsmaßnahmen: Mit Gewichten beschwerte Stützgerüste werden aufgebaut, die beiden Giebel daran verankert.

Florian Nagler Architekten aus München schlagen im Rahmen eines Wettbewerbs zum Wiederaufbau von St. Martha vor, zwar deren alte Außenkonturen wiederherzustellen, im Innern jedoch mit zeitgenössischen Konstruktionen zu arbeiten. Statt der unbeleuchteten, dunkelbraun gestrichenen Tonnendecke von früher ziehen sie flache Holzdecken mit eingearbeiteten Lichtspots in die fünf unterschiedlich hohen Schiffe ein. Die Decken sind aus vier Lagen Brettern aus unbehandelter heimischer Weißtanne gefertigt, die wiederum in einem rauten- oder kreuzförmigen Muster als Schichten übereinander liegen. Sie sorgen einerseits für die statisch notwendige Gebäudeaussteifung und tragen den neuen Dachstuhl aus unverleimten Vollhölzern; andererseits übernehmen sie auch akustische und gestalterische Funktionen.

Nicht mehr tragfähige Sandsteine lassen die Planer ersetzen, schadhafte oder deformierte Mauerwerks- und Stützenteile ergänzen. Auf diese Weise entsteht ein Flickenteppich aus altem Stein, teils schichtweisen Ergänzungen und den ausgetauschten Vollquadern. In Absprache mit dem Denkmalschutz bleiben diese Schäden bzw. deren Behebung sichtbar, aber nur auf den zweiten Blick: Nach dem Fugenverschluss wird daher alles mit Sumpfkalk überstrichen, einer mit Wasser stark verdünnten Kalkschlämme, die nicht komplett deckt und erst bei genauem Hinsehen die Unterschiede offenbart.

Weil der Brand auch das Gestühl samt der Unterkonstruktion aus Holzpodesten vernichtet hat, ist der unebene historische Fußboden aus Sandsteinplatten und Backsteinpflaster zutage getreten, der nach denkmalpflegerischer Vorgabe erhalten werden muss. Die Architekten lassen darauf zunächst eine höhenausgleichende Dämmschicht aus Blähglasgranulat einbringen, den Abschluss bildet ein diffusionsoffener Stampflehmboden mit integrierter Fußbodenheizung und induktiver Höranlage. Im Chorraum ist in den Lehmboden eine Intarsie aus den teils im Original dort befindlichen, teils neuen Platten aus Solnhofener Kalkstein im Rosenspitzmuster eingebettet.

~Tanja Feil