Palazzo Rhinoceros in Rom

Römische Erzählungen von Jean Nouvel

Wenn jede freigelegte Schicht ein weiteres erhaltenswertes Zeitzeugnis ist, werden Sanierungen zur Herausforderung. In einem Altbau im Herzen Roms hat Jean Nouvel sie mit einem Konglomerat aus einem Restaurant, Galerien und Apartments gemeistert.

Am Janusbogen zu Füßen des Palatins hat Jean Nouvel einen barocken Wohnkomplex in einen Ort interdisziplinärer Kunst verwandelt: Auf rund 3500 m² Fläche verteilen sich eine Galerie und 25 jeweils individuell gestaltete Hotelapartments der Fondazione Alda Fendi Esperimenti. Den oberen Abschluss bildet ein Dachterrassen-Restaurant mit 360-Grad-Blick über das historische Zentrum Roms.

Komponiert ist der »Palazzo Rhinoceros« getaufte Komplex aus drei Baukörpern, die aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammen. Sie umfassen zum Teil drei, zum Teil sechs Etagen, zeichnen sich u.a. durch unterschiedliche Geschosshöhen aus und wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut. Für ihr Projekt kaufte die Kunstmäzenin und Philanthropin Alda Fendi 2012 die teilweise leerstehenden Gebäude in desolatem Zustand von der Stadt Rom auf – die 32 Familien, die darin noch wohnten, entschädigte sie mit Häusern am Stadtrand.

Bauen im Zentrum Roms bedeutet, den historischen Charakter seiner Architektur nicht zu verfälschen. Daher beschränkte sich Nouvel bei der Sanierung der Gebäudehülle auf minimal notwendige Eingriffe, arbeitete aber einzelne Versatzstücke, die vom Lauf der Zeit zeugen, dezidiert heraus. Dazu gehören Fragmente der Marmorverkleidung oder eines Blindfensters, aber auch Putzflächen, die feine Risse, gar Frakturen aufweisen und, abgetragen, ältere Schichten sowie bauliche Modifikationen freigeben. Ziel war nicht eine glatte Edelsanierung, sondern das Sichtbarlassen historischer Spuren und Brüche.

Das Narrativ-Konservatorische setzt sich im Inneren des Gebäudes fort. Allerdings addierte Nouvel hier zeitgenössische Elemente – ein gestalterischer Spielraum, der ihm an der Fassade verwehrt geblieben ist. Beispiele für den Kontrast von Alt und Neu sind die stählernen Treppenkonstruktionen vor dem Hintergrund freigelegten Mauerwerks, aber auch die Edelstahlkuben für Bad und Küche in den Hotelapartments bzw. einstigen Wohnungen. Dort hatten Generationen von Bewohnern ihre Spuren hinterlassen, wie z.B. krumme Mauerwerksschlitze, allen voran aber Putz- und Fliesenschichten in diversen Altersstufen, Mustern und Farben. All diese Fragmente fügte Nouvel wie in einer Collage zusammen. Zusätzlich ließ er Elemente, die an innenliegende Fensterläden erinnern, in einem speziellen Verfahren mit großformatigen Fotos bedrucken, die den Zustand der Räume vor der Restaurierung zeigen. Sie reflektieren das Sonnenlicht und bewirken einen Trompe-l’oeil-Effekt.

~Katja Pfeiffer