Mehrfamilienhaus in Berlin

Im Dreck gewühlt

Im Rahmen eines Kunstprojekts hat Alexander Wolff die Hofdurchfahrt eines einfachen, gründerzeitlichen Mietshauses überarbeitet. Für die Farbschichten seiner Wandgestaltung verwendete er ein außergewöhnliches Pigment: zusammengekehrten Straßenschmutz.

Die Richardstraße in Neukölln gehört nicht unbedingt zu den Nobelmeilen Berlins. Während des rasanten Stadtwachstums um 1900 wurde sie v.a. mit einfachen Mietshäusern bebaut. Als eines dieser Gebäude unlängst zur Sanierung anstand und eingerüstet war, nutzten die Eigentümer die Gelegenheit für eine künstlerische Intervention. Sie beauftragten Alexander Wolff mit der Gestaltung einer Brandwand von 6 x 20 m; Wolff nahm sich aber auch der Durchfahrt an, die von der Straße zum Treppenhaus und weiter zum begrünten Hof führt. Sein Ansatz: die Straße ins Haus und den Garten auf die Wand holen – durchaus im wörtlichen Sinne. Straßenschmutz und Pflanzenerde sind zu Pigmenten verarbeitet und bilden die materielle Basis für wandfüllende Malereien, sodass eine Verbindung zwischen dem Gebäude und seiner Umgebung entsteht.

Was die Bewohner jeden Tag mit ihren Schuhen tun, den Schmutz des Bürgersteigs in die Hofdurchfahrt tragen, vollzog Wolff mit künstlerischen Mitten nach. Mit Handbesen, Kehrschaufel und Eimer sammelte er auf der Richardstraße Staub und Dreck ein. Gesiebt, mit Acrylbinder gemischt und mit Wasser verdünnt, ergab der Kehricht dann das Farbmaterial für die Wände der Durchfahrt – unterschiedliche Helligkeitsstufen ließen sich durch einfaches oder mehrfaches Auftragen erzeugen. Die grafische Gestaltung der Flächen nimmt Bezug auf den Raum und die Bewegungen seiner Nutzer. Wie Pfeile zeigen große Dreiecke auf vorhandene Türen und Durchgänge, weisen dem Besucher gleichsam den Weg. Zur Gebäudemitte hin verdichten sie sich und werden dunkler, während in Richtung des Gartentors hellere Nuancen dominieren.

Die Brandwand im begrünten Hof ist nach ähnlichen Prinzipien gestaltet. Als Grundstoff für die bräunlich-grauen Farbflächen dient hier jedoch Gartenerde. Die Komposition des Gemäldes entsteht aus der Überlagerung mehrerer gebäudebezogener Raster. Horizontale Linien verweisen auf die dahinterliegenden Geschossdecken, diagonale Linien ergeben eine Art Fächer, der dem abknickenden Verlauf der Dachlinie folgt. Mit den Pflanzen im Garten wiederum korrespondieren weich geschwungene Formen. Weil die Flächen nicht nur in Grau-, sondern auch in Blautönen gehalten sind, scheint zudem der Himmel, in viele kleine Ausschnitte zerteilt, bis hinab in den Hof zu reichen. So vereint das Wandgemälde Innen und Außen, Architektur und Natur.

Die Kulturwissenschaftlerin Siglinde Lang hat Wolffs Projekt in einem Buch dokumentiert, zusammen mit drei Arbeiten anderer Künstler, die ebenfalls Sanierungen in Berlin begleiteten. Unter dem Titel »Kunst im UmBau« ist der Band bei Jovis erhältlich.

~Christian Schönwetter

 

Kunst im UmBau. Dokumentation einer Berliner Projektreihe im Kontext urbaner Wohnraumverknappung. Von Siglinde Lang. 208 Seiten, 80 farb. Abb., Klappenbroschur, 30 Euro, Jovis Verlag, Berlin 2019