Stuck an Fassaden und in Innenräumen

Vom Profil zum Ornament

Bei der Instandsetzung von Gebäuden ist es wichtig, sich mit der Geschichte des Hauses vertraut zu machen und sich über die alten Materialien, Handwerkstechniken und Bauteile zu informieren. Dazu zählen auch Verzierungen aus Stuck, die sich sowohl an der Fassade als auch in Innenräumen finden.

Für die einen ist es Kitsch, für die anderen Kunst oder Poesie, für viele Architekten kommt es bis heute gar einem Verbrechen gleich: das spielerische Verzieren von Fassaden und Innenräumen mit phantasievoll gestalteten Ornamenten. In seinem „Universallexicon aller Wissenschafften und Künste“ [1] definierte Johann Heinrich Zedler im Jahr 1732, also zur Blütezeit des Rokoko, die Begriffe „Ornamentum“ und „Zierrath“ in Band 35 so: „Schmuck, Putz, Ornat, Zierrath, Ornatus oder Ornamentum, heißt überhaupt alles dasjenige, was zwar auf dem Leibe, nicht aber so wohl zu nötiger Bedeckung desselben als vielmehr nur zum Staate und Pracht getragen wird“. Nach der Antike war den Ornamenten im Zeitalter der Renanaissance und des Barock erstmals ein gewisser Eigenwert zugestanden worden, der sie aus der Rolle einer eher untergeordneten Kunstgattung allmählich befreite und ihnen schließlich in der Architektur des Rokoko eine stilprägende Rolle zuwies. Untrennbar verbunden mit der Kunst des Ornaments war zu jener Zeit das Handwerk des Stuckierens.

Wer es verstand, die meist verputzten Decken, Gewölbe, Innenwände und Fassaden ästhetisch mit Mörtel plastisch auszuformen, erhob sich vom Maurer und Verputzer in den Stand eines „Stuckadorers“. Es entstanden Schulen und Werkstätten, an denen man die Techniken des Ziehens und Ausformens von Gesimsen, Profilen und Kassetten erlernen und verfeinern konnte – so brachte zum Beispiel die berühmte Wessobrunner Schule, eine Benediktinerabtei in Oberbayern, ab Ende des 17. Jahrhunderts viele bekannte Kunsthandwerker hervor und beeinflusste im 18. Jahrhundert maßgeblich die Stuckkunst in Deutschland. Speziell im Süden, in Österreich sowie in Italien und Frankreich, entstanden während der dreihundert Jahre, in denen die Stuckdekoration ab dem Ende des 16. Jahrhunderts fester Bestandteil der Innenraum- und Fassadengestaltung war, bedeutende Sakral- und Profanbauten. Und zwar nicht nur im plastisch überladenen Rokoko, sondern auch in der Renaissance, dem Klassizismus und im Jugendstil.

In der Abfolge der Epochen änderten sich die Form und Gestalt der Ornamente von strenger Kassettierung mit wenig Zierrat hin zu lockerem Rollwerk, runden Stäben, blumigen Rosetten und Formen, bis sich schließlich mit der Rocaille der Stuck zu höchster Blüte entfaltete. Was jedoch bis heute blieb, waren im Prinzip die Techniken und Werkzeuge, um Stuckprofile mit Schablonen am Tisch zu ziehen (Ziehstuck) oder figürliche Ornamente und Friese direkt auf die Oberflächen aufzutragen (Antragstuck).

Material und Technik

Aus was besteht Stuck? Es ist ein Mörtelgemisch aus Bindemittel und Zuschlagstoffen, das mit Wasser angemacht und zu einer breiartigen, formbaren Masse vermengt wird. Die Kunst des Anmischens besteht darin, die Bindemittel Gips und gelöschter Kalk ins richtige Verhältnis zu den verschieden möglichen Zuschlagstoffen Sand, Gesteinsmehl (Marmor), Holzkohle, gehauenen Holzlatten, Häcksel und Tierhaaren zu setzen. Trifft man auf sehr frühe Stuckaturen aus dem frühen 17. Jahrhundert, können diese aus Sumpfkalkmörtel bestehen, dem Kälberhaare als „Bewehrung“ beigemischt wurden. Erst mit dem Übergang in das 18. Jahrhundert trat Gips auf den Plan – was vermutlich italienischen Einflüssen zu verdanken ist. Besteht ein Stuckprofil oder ein Gesims nur aus einer dünnen Schicht Gipsmörtel, also reinem Gips, unter der Gipskalkmörtel mit Sandzusatz zum Vorschein kommt, kann man davon ausgehen, dass es sich um gezogenen Stuck handelt, der an Ort und Stelle hergestellt wurde. Hingegen ist es wahrscheinlich, dass ein Profil, das durchgehend aus Gips besteht und in Abständen Fugen aufweist, auf der Werkbank gezogen (Bankzug) und erst danach an Ort und Stelle versetzt wurde.

Wie vor 300 Jahren finden sich noch heute in modernen Stuckateurbetrieben einfache Werkzeuge für das Antragen oder das Ziehen von Stuck: Neben Kellen, Kratzern, Spachteln, Schlingen, Schienen und verschiedenen Schneideisen gehören dazu eine Vielzahl an Schablonen, um den Gipsmörtel auf der Bank, der Wand oder der Decke in die gewünschte Form zu ziehen. Für das freie Antragen von Stuck sind hingegen Spachteln wichtigstes Hilfsmittel. Auch das Herstellen und Gießen von Formen gehört zum Handwerk des Stuckateurs, um aus einem einzelnen Original viele gleiche Abgüsse herzustellen. Es ist viel einfacher, ein detailreiches Motiv als Gips-, Holz- oder Wachsmodell aufzubauen, um anschließend daraus eine negative Gießform herzustellen, in welche die Gipsmasse eingefüllt wird. Damit sich das Gipsmotiv nach dem Austrocknen gut aus der Gießform löst, benutzt man ein Trennmittel. Als Material zum Herstellen der Gießform diente früher Gips oder Leim, heute streicht man die Modelle mit Silikon ein.

Instandsetzen historischer Stuckarbeiten

Viele Stuckarbeiten in Bestandsbauten weisen mehr oder weniger starke Beschädigungen oder Fehlstellen auf. Diese materialgerecht und originalgetreu zu restaurieren oder zu ersetzen gehört heutzutage zu den alltäglichen Aufgaben eines Stuckateurs, der sich intensiv mit Stucktechniken auskennt und beschäftigt. Doch nicht immer sind historische Stuckarbeiten zu retten. Vor allem, wenn Feuchtigkeit oder Erschütterungen der Eigenstabilität des Stucks und dessen Anhaftung am Untergrund allzu sehr zugesetzt hat. Oft bleibt dann nur noch die Möglichkeit, die noch vorhandenen Profile und Ornamente fotografisch und zeichnerisch zu dokumentieren, um sie auf neuem Untergrund nachzubilden. Wiegen die Zerstörungen und Fehlstellen nicht so schwer, kann man versuchen, die späteren „Zutaten“ und Anstrichschichten sorgsam zu entfernen, um die Lücken und Löcher Stück für Stück nachzuarbeiten. Dazu muss unbedingt festgestellt werden, wie das Mörtelgemisch des Originalstucks zusammengesetzt ist. Mürben Gipsstuck kann man, sofern noch ausreichend Gipsanteil vorhanden ist, mit Barytwasser tränken und bis zu einem gewissen Grad wieder härten [2]. Wichtig ist bei jeder Bestandsanalyse, die Tragfähigkeit und Unversehrtheit des Untergrundes zu erforschen – die Restaurierungstechniken sind vielseitig, erfordern aber viel Erfahrung und Geschick.

Autor: Klaus Siegele

Literatur und Quellen:
[1] Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschafften und Künste, 64 Bände und 4 Supplementbände, 1731–1754, inhaltlich erschlossen und digitalisiert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, www.zedler-lexikon.de
[2] Vierl, Peter, Putz und Stuck, Herstellen und Restaurieren, Callwey Verlag, München 1984
[3] Leixner, Siegfried, Adolf Raddatz, Der Stuckateur, Handbuch für das Gewerbe, Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart 1985
[4] Wilcke, Horst, Stuck- und Gipsarbeiten, VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1972
[5] Hoernes, Martin (Hrsg.), Hoch- und spätmittelalterlicher Stuck, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2002

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