Historische Fenster – Konstruktion und Form

Vom Stock zur Sprosse

Der Betrachter steht vor der Altbaufassade und fragt sich: Sind die Fenster bauzeitlich oder später hinzugekommen? Nicht immer ist dies auf den ersten Blick zu erkennen. Gut, wenn man über genug Wissen verfügt, um historische Fenster in Größe, Unterteilung und Konstruktion den Architekturepochen klar zuordnen zu können.

Ein Gebäude ohne hinreichend Öffnungen in der Fassade funktioniert nicht – das merkten sogar die Schildbürger, als sie ihr neues, aber fensterloses Rathaus einweihten. Ihre Idee, die Dunkelheit zu beseitigen, indem sie das Licht in Körben hineinschaufelten, war für die damalige Zeit gar nicht so schlecht , es gab ja weder Strom noch Glühbirnen, um schnell mal das Licht anzuknipsen. Außerdem waren Fenster in mittelalterlichen Gebäuden prinzipiell eine große Schwachstelle, fehlte es doch allerorten an teurem Glas, um die Kälte außen vor zu halten. Abgesehen von den wenigen bedeutenden Sakral- und Profanbauten, deren Maßwerk und Fensterstöcke mit kostbaren Scheiben versehen waren, behalf man sich bis zum 18./19. Jahrhundert im traditionellen Wohnhaus mit möglichst kleinen Fenstern, die man vorwiegend mit Tierhäuten, Pergament oder Holzläden verschloss.
Die Funktion des Fensters war lange Zeit sichtlich zweigeteilt – es gab den primitiven Holzschiebeladen zum Lüften und daneben den fest eingespannten, nicht öffenbaren Fensterverschluss aus mehr oder weniger lichtdurchlässigen Materialien. Zum Schutz vor Kälte und Langfingern waren historische Fenster im Winter mit Läden und im Sommer mit Gitterwerk verschlossen. Bis zur Renaissance blieb in Steinbauten das Steinstützenfenster prägendes Merkmal der Fensterarchitektur. Ab dem 18. Jahrhundert begann sich dann prinzipiell der Holzrahmen mit runden, in Bleiruten gefassten Gläsern durchzusetzen. Auch die Beschlagtechnik machte vor allem zur Zeit des Barock erhebliche Fortschritte, was zu öffenbaren Schiebe- und Drehflügeln führte und somit den hölzernen Schiebeladen aus den Fensteröffnungen verbannte. Was bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten blieb, war die begrenzte Scheibengröße in den Fenstern, die bis heute Kinder dazu veranlasst, beim Malen eines Hauses die Fenster mit einem dicken Kreuz und feinen Sprossen zu unterteilen.

Vom Großen ins Kleine

Dieses in den Köpfen festgesetzte Bild des mehrfach unterteilten Fensters hat statische, funktionale und herstellungstechnische Gründe. Eine Öffnung in einer tragenden Außenwand zu überwinden, setzte den Baumeistern bis ins 19. Jahrhundert enge Grenzen. Waren größere Fenster gefordert, sahen sie daher mehrere, etwa ein Meter breite Fensteröffnungen nebeneinander (Zwillings- und Drillingsfenster) vor, abgeteilt durch Steinsäulen, Fachwerkständer oder Kreuzstöcke. Ein Kreuzstock erfüllte zudem einen wichtigen funktionalen Zweck: Er bot die Chance, das Fenster in vier kleine Felder aufzuteilen, um neben der Festverglasung auch einfache bewegliche Schiebe- oder Drehflügel zu integrieren [1]. Die nächste, weitaus feinere Unterteilung war dem flächigen Fensterverschluss geschuldet, der herstellungsbedingt auch nach Einführung des Fensterglases nur mit sehr begrenzten Scheibengrößen machbar war. Für das Verglasen der Flügel mit runden Butzen oder rechteckigen beziehungsweise wabenförmigen Scheiben bedurfte es daher entweder Blei- oder Holzsprossen.

Rahmen, Flügel und Glas für historische Fenster

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war es üblich, die öffenbaren Fensterflügel entweder in einfachen Nuten aufzuschieben oder in Angeln (Kloben) einzuhängen, die man innenseitig direkt in grob gefalzte Naturgewände oder Fachwerkständer eingearbeitet hatte. Das änderte sich mit Beginn des Barockzeitalters, als die einfachen Steinstützenfenster zunehmend vom Mittelkreuzstockfenster verdrängt wurden, das man als vorgefertigten Holzrahmen in die vorhandene Fensteröffnung einsetzte. Damit war das bis heute übliche Konstruktionsprinzip aus Rahmen, Flügel und Verglasung geboren. Die Ecken der Rahmen und Flügel waren entweder als Schlitz- und Zapfenverbindung ausgeführt oder überblattet und mit Holznägeln gesichert. Charakteristisch für das Kreuzstockfenster war dessen halbrunde Profilierung von Kämpfer und Setzholz. Später ersetzte der Überschlag der Fensterflügel, der sogenannte Stulp, das untere Setzholz. Historische Fenster dieser Bauart hatten Glasfächen, die zunächst mit Bleisprossen, später (etwa gegen Ende des 17. Jahrhunderts) mit genuteten Holzsprossen in kleinformatige Felder unterteilt waren. Die Profilierung der Sprossen erfolgte entweder als Viertelrundstab mit Kehle, Viertel- oder Halbrundstab mit flankierenden kleinen Rundstäben oder in Form des typischen Karniesprofils.

Keine Verglasung ohne Sprossen

Eine frühe Form der Verglasung im 16. Jahrhundert waren die sogenannten Quartiersscheiben, die sich aus vier Rechteckscheiben, die an jeweils einer Ecke angeschnittenen waren und einer mittig platzierten Butzenscheibe zusammensetzten. Daneben gab es die reine Butzenverglasung (rund, rechteckig, wabenförmig), in die zur besseren Durchsicht hin und wieder ein klares Glas (Zylinderglas) mit eingefügt wurde. Ab dem 18. Jahrhundert setze sich das im Zylinderverfahren hergestellte Tafelglas durch. Die rechteckigen Gläser ließen mehr Licht durch und mussten nicht mehr, wie die Bleiverglasungen, zusätzlich mit Windeisen gesichert werden. Auch bei den Tafelgläsern war die Größe begrenzt, weshalb weiterhin Holzsprossen für die Verglasung nötig waren. Mit dem Aufkommen des Fensterkitts war es nun möglich, die Scheiben nachträglich über einen Kittfalz einzusetzen – die Nut in den Sprossen konnte entfallen und fortan konnten die Scheiben auch bei Bruch einfacher ausgetauscht werden.

Industrielle Fertigung ersetzt Handarbeit

Bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert war das Anfertigen von Fenstern noch echte Handarbeit – erst um 1830 waren erste Maschinen erhältlich, mit denen sich die Fertigung erleichtern und beschleunigen ließ. Leim ersetzte komplizierte handwerkliche Holzverbindungen, industriell hergestellte Beschläge und Verriegelungen ließen sich genauer einpassen, Schrauben traten an die Stelle von Nägeln. Zudem vereinfachten sich die Fenstergeometrien. In der Zeit des Klassizismus war das Rechteckfenster das bevorzugte Format, hin und wieder ergänzt durch Rundbogenfenster. Das Segmentbogenfenster blieb hingegen bis zum zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts als barocke Form verpönt. Die Fensterunterteilung verschob sich vom Kreuzstock zum Galgenfenster mit zwei hochformatigen Drehflügeln und quer darüber angeordnetem Oberlicht, das als Kippflügel konstruiert war. Das historistische Fenster verabschiedete sich von den Sprossen, deren Ära nur in der Jugendstil- und Gründerzeit noch einmal kurz aufflackerte: In Form einer gewollt engen Teilung im Oberlicht, als spannungsvolles Pendant zu den großflächigen Flügeln unterhalb des Kämpfers. Die einst so notwendige Sprosse verkam zum puren Gestaltungselement, dessen stilistische Unschuld spätestens mit dem Einzug der Isolierverglasung endgültig verloren ging.

Autor: Klaus Siegele

Literatur und Quellen:

[1] Manfred Gerner und Dieter Gärtner: Historische Fenster, Entwicklung, Technik, Denkmalpflege, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996
[2] Hermann Klos: Zur Kulturgeschichte des Fensters, in: PaX-Tagungsband, Fenster im Baudenkmal 2002, Lukas Verlag, Berlin 2002

[3] Christian Schittich, G. Staib, D. Balkow und andere: Glasbauatlas, Institut für Internationale Architekturdokumentation, München 1998
[4] Dieter Gärtner: Farbe, Glas und Beschläge am historischen Fenster, in: PaX-Tagungsband, Fenster im Baudenkmal 1996, Lukas Verlag, Berlin 1996

[5] Ursula Baus, Klaus Siegele: Öffnungen, Vom Entwurf bis zur Ausführung, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006

 


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