Ehemaliger Hauptgüterbahnhof Hannover

Vom Abstellgleis geholt

Satte 20 Jahre nach Aufgabe seiner eigentlichen Bestimmung holen AFF architekten den zur Müllkippe verkommenen Hauptgüterbahnhof mit feinem Gespür aus der Schmuddelecke. Die Wiederbelebung der Halle am Cityring der Nordstadt Hannovers war überfällig.

Seit 1930 steht die Hauptgüterhalle entlang der Trasse Hannover–Hamburg/Bremen und war seinerzeit die größte und modernste Güterhalle Europas. In den 50er Jahren wurde sie noch auf 40 000 m² erweitert und war mit ihren Abmessungen von 377 m Länge und bis zu 101 m Breite ein wahrer Gigant. Doch nachdem die Bahn hier 1997 den letzten Güterwaggon abgefertigt hatte, verfiel sie zusehends. Zahlreiche Tauglichkeitskonzepte waren entwickelt, aber immer wieder verworfen worden – zumeist, weil kommunale Behörden eine Genehmigung verweigerten. Glücklicherweise konnten sich 2013 AFF architekten im Team mit den Landschaftsplanern von TOPOTEK 1 bei einem Einladungsverfahren mit ihrer Studie zur Umnutzung für Gewerbezwecke durchsetzen; 2016 erfolgte die Beauftragung zum Umbau der Güterhalle.

Nach einem Teilabbruch waren zwei Fassaden nicht mehr vorhanden. Sie wurden als gedämmte Stahlkonstruktion mit anthrazitfarbenem Trapezblech neu errichtet und knüpfen an den industriellen Charakter des Bestands an. Die erhaltene Südfront dagegen bekam eine Innendämmung, außen wurden die Klinker lediglich gereinigt und neu verfugt, das sichtbare Stahltragwerk erhielt einen Korrosionsschutz. Die Ostfassade schließlich präsentiert sich mit einem WDVS, auf dem Flachverblender und detailgetreu nachgebildete Stahlprofile das alte Erscheinungsbild wiederaufleben lassen. Sämtliche Fensterbänder sind mit Polycarbonatplatten ausgefacht. Obgleich der Bau nicht unter Denkmalschutz steht, betrachteten ihn Bauherr und Denkmalpflege aufgrund seiner konstruktiven Gestaltung und städtebaulichen Prägnanz als besonders erhaltenswerte Substanz, sodass nach § 24 der EnEV eine Ausnahme zum Nachweis des Mindestwärmeschutzes möglich war.

Der Zugang zur Halle erfolgt über den großen Vorplatz von der südlichen Schauseite her, bzw. über die westlich gelegene Stadtterrasse. Der Bodenbelag, eine den Bau umschließende, kontrastreiche Topographie aus schwarz-weißer Zebrastreifung, setzt sich auch im Innern fort und kennzeichnet dort die öffentlichen Bereiche. Der gewaltige Raum wurde mit Leichtmetallwänden so unterteilt, dass zwei Passagen entstehen, die zu den Flächen diverser Gastronomie- und Sportanbieter führen. Da die gesamte Halle mit einer Sprinkleranlage ausgestattet ist, gab es keine Anforderungen an die Feuerwiderstandsdauer des mächtigen Stahlfachwerks. Mit seinen gleichmäßig gesetzten Nieten lässt es unverändert die Industrie-Architektur der 1930er Jahre lebendig werden.

~Hartmut Möller