Büro- und Geschäftshaus in Hannover

Leichtigkeit Ade

Ernst Friedrich Brockmann prägte die Nachkriegsarchitektur von Hannover wesentlich mit. Jammerschade, dass einige seiner besten Gebäude durch nachlässigen Umbau ins Mittelmaß abrutschen – wie jüngst geschehen bei einem Geschäftshaus im Stadtzentrum.

Text: Hartmut Möller

Ernst Brockmann war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Wiederaufbau der niedersächsischen Landeshauptstadt beteiligt. Bereits 1947 zeichnete er zu einem erheblichen Teil für die Entstehung des lokalen Messegeländes verantwortlich. Besonders seine später für die CeBIT errichtete Halle 1 fand mit ihrer enormen Ausstellungsfläche von über 70 000 m² als weltgrößter Schauraum seiner Art sogar international Anerkennung. In den 50er bis 70er Jahren realisierte der Architekt unter Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht zahlreiche repräsentative Verwaltungs- und Geschäftsbauten, die sich im Stadtbild wohltuend vom üblichen Einheitsbrei absetzen.

Neben der öffentlichen Hand und diversen Warenhäusern zählten vor allem Versicherungen zu seinen Auftraggebern. In Bahnhofsnähe entwarf er 1964 ein Büro- und Geschäftshaus für den österreichischen Konzern »Erste Allgemeine Versicherung« (Leser mittleren Alters mögen sich an die Popband »Erste Allgemeine Verunsicherung« erinnern, die den Unternehmensnamen für sich verulkte). Über dem EG, das sich als spitzes Halbrund weit in den Thielenplatz vorschiebt, erhebt sich rückspringend ein viergeschossiger Quader als Abschluss einer Randbebauung in der Lavesstraße. Neun Läden füllten das Parterre; eine über Eck querende Passage trennte vier vordere Einheiten vom Hauptgebäude ab. Ihr Planer verstand sich bestens darauf, seinem Bauherren die Vorteile des werbewirksamen Durchgangs mit vollverglasten Vitrinen und verführerischen Schaufenstern zu vermitteln – auch wenn die Passage einen Verzicht auf Verkaufsfläche bedeutete.

Derzeit wird die gesamte Etage von drei Gaststätten genutzt, zuvor musste die bezaubernde Mini-Promenade bedauerlicherweise weichen. Ob diese zur Schmuddelecke verkam oder Nachtschwärmer sie als Toilette missbrauchten, ist nicht belegt, ein Flanieren und Schwelgen ist hier heute jedenfalls nicht mehr möglich! Leider hat auch die Komposition der beiden Einzelvolumina insgesamt ihren Reiz verloren. Der einheitlich gestaltete Flachbau wirkte nach Fertigstellung, als wäre er unter den aufgeständerten Kubus geschoben, wodurch dieser regelrecht zu schweben schien. Heute dagegen macht ein Wechsel unterschiedlicher Materialien und Farben an der Fassade des Pavillons den gewünschten Effekt gänzlich zunichte. Hinzu kommen seine neue überbreite Attika und die bodentiefe Verglasung als Ersatz für die Schaufenster, die sich früher als leicht vorstehendes horizontales Band elegant vom Trottoir lösten.

Wegen der unmittelbaren Nähe zum anliegenden Gleisbett der Bundesbahn hatte Brockmann für die vier Obergeschosse damals eine glatte Außenhaut vorgeschlagen, um Staub und verkehrsbedingten Abrieb der Schienen und Züge vom Regen abwaschen zu lassen. Helle Brüstungen im kontrastierenden Wechsel mit dunklen Fensterbändern betonten den schichtartigen Aufbau des aufgeständerten Volumens und nahmen ihm seine Schwere. Die großformatigen Aluminiumplatten tauschte man nun gegen kleinteilige Bleche aus. Noch mehr ins Gewicht fällt aber die Entfernung der einst durchgängig dunkel eingefassten Fensterbänder: Die ehemals rhythmisierte Gebäudeansicht wurde durch eine charakterlose Stanzfassade ersetzt, die dem Bauwerk jegliche Leichtigkeit nimmt. Der Verlust edler Substanz, wie Fußböden in norwegischem Quarzit, Schaukästen in natureloxiertem Aluminium auf Keramiksockeln, eingeschobener Holzdecken oder Ganzglastüren bildet das i-Tüpfelchen einer architektonischen Bankrotterklärung.

Es bleibt unbegreiflich, wieso das seinerzeit ausdrucksvolle Objekt ohne jegliches Feingefühl zu einem zusammengepfuschten Durchschnittseinerlei degradiert wurde. Zum Glück gibt es in Hannover noch einige (zumeist denkmalgeschützte) Bauten, deren Eigentümer den gestalterischen Wert von Brockmanns Architektur erkannt haben und mit kompromissloser Sorgfalt erhalten.


Dieses und sämtliche weiteren Gebäude Brockmanns finden sich – jeweils in Bezug zu historischen Lichtbildern des Originalzustands – in dem Band »Ernst F. Brockmann in Hannover«, den unser Autor im Wasmuth Verlag veröffentlicht hat.