Großtankstelle Brandshof in Hamburg

Passende Nutzung gefunden

Bis ins kleinste Detail atmet eine Tankstelle in Hamburg-Rothensburgort heute wieder den Geist der 50er Jahre – dank zweier Oldtimer-Liebhaber, die das denkmalgeschützte Bauwerk originalgetreu instand setzten. Mit großem Engagement richteten Alex Piatscheck und Jann de Boer dort ihre eigene Autowerkstatt und Prüfhalle mit angegliedertem Bistro ein. Dabei setzten sie zeitgemäße bauphysikalische Anforderungen um, ohne den ursprünglichen Charakter des Servicegebäudes zu verfälschen.

{Text: Claas Gefroi

Den Stellenwert des Automobils im Westdeutschland der 50er Jahre kann man gar nicht überschätzen. Ein eigener Wagen bedeutete Status, Komfort und Freiheit. Die Motorisierung der Massen ging Hand in Hand mit dem Leitbild der »autogerechten Stadt«. Hamburg wurde besonders stark für die Erfordernisse des anschwellenden Individualverkehrs umgebaut – mit zahlreichen neuen Durchgangsstraßen, aber auch dazugehörigen Servicebauten. Doch von all den Garagen, Motels und Tankstellen der Nachkriegszeit ist fast nichts geblieben, weil die Bauwerke nicht mehr heutigen Anforderungen genügten und zumeist nicht unter Denkmalschutz standen. So war es ein großer Glücksfall, dass nahe des heutigen Großmarktes, am westlichen Ende des Billhorner Röhrendamms, eine Großtankstelle in einer Art blindem Fleck die Jahrzehnte überdauerte.
Unikat mit kurzer Lebensdauer
Die Anlage am Brandshof von 1953 gehört zu den wenigen heute noch existenten Beispielen für eine individuelle Gestaltung, denn bereits kurz nach Kriegsende entwickelten die Mineralölkonzerne standardisierte Tankstellen mit einheitlichen Formen, Materialien und Erscheinungsbildern (deren Grundlagen damals immerhin noch von Architekten entwickelt wurden). Der Billhorner Röhrendamm bildete einst im Oberhafengebiet die Verbindungsstraße von den Elbbrücken in die Hamburger Innenstadt und das entsprechend hohe Fahrzeugaufkommen war wohl der Grund für die Entscheidung der Deutschen Benzol- Vertriebs GmbH, diese Station als Unikat von den Architekten Wilhelm Mastiaux und Ulrich Rummel gestalten zu lassen. Drei Zapfinseln mit sieben Säulen, ein Verkaufs- und ein Erfrischungsraum, eine Wartungshalle mit zwei Plätzen, ein Tankwarthaus und ein auskragendes Dach, das von einer Pilzsäule gestützt wird, gehörten zu diesem eleganten Ensemble.
Doch war der Station keine gute Zukunft beschieden, denn der Großmarkt sollte von der Innenstadt hierher verlegt werden. 1954, im Jahr der Tankstellen-Eröffnung, fand der Architekturwettbewerb für die neue Großmarkthalle statt. Mit ihrer Er- öffnung im Jahr 1962 wurde der Billhorner Brückendamm zur Sackgasse und Anlieferstraße degradiert. Den Todesstoß versetzte der Tankstelle jedoch ausgerechnet der Öffentliche Personennahverkehr: Keine zehn Meter entfernt wurde 1983 für die S-Bahn-Linie nach Harburg eine neue Hochbrücke gebaut, für deren Fundament das Grundwasser abgesenkt werden musste. Man fürchtete, infolge des sinkenden Wasserspiegels könnten die unterirdischen Kraftstofftanks reißen und baute sie kurzerhand aus – die Tankstelle konnte fortan nur noch als Werkstatt genutzt werden, stand jahrelang leer und verfiel zusehends.
Neuanfang nach altem Vorbild
Es war eine glückliche Fügung, dass die beiden Maschinenbauer und Automobil-Enthusiasten Alex Piatscheck und Jann de Boer auf der Suche nach einer alten Tankstelle waren, die sie als Werkstatt und Prüfstelle nutzen konnten. Noch im Verfall erkannten sie die grazile Schönheit der mittlerweile im städtischen Eigentum befindlichen Anlage und so nahmen sie im Jahr 2010 die Sanierung und Restaurierung in Angriff – in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt, denn das Gebäude war bereits ein »erkanntes Denkmal« (in Hamburg gab es bis vor Kurzem noch eine Unterscheidung zwischen erkannten und in die Denkmalliste eingetragenen Denkmälern).
Piatscheck und de Boer waren kompromisslos: Als Oldtimer-Verrückte wollten sie die Tankstelle unbedingt möglichst originalgetreu wiederherstellen – was alles andere als einfach ist, denn viele Ausstattungsdetails aus den 50er Jahren, aber auch handwerkliche Fähigkeiten sind heute kaum noch vorhanden. Als beratender Architekt zeichnete Michael Piatscheck, der Vater von Alex Piatscheck, verantwortlich. Das Team ging dabei nach dem Grundsatz vor, alles aus der Entstehungszeit Vorhandene, wenn es irgend möglich war, zu erhalten und instand zu setzen, ansonsten aber möglichst authentisch zu ersetzen – von der Türklinke über die Lüftungsrosette bis zur Glaseinfassung. Um im Inneren die alten Geometrien und Raumfolgen wiederherzustellen, wurde eine später eingezogene Wand entfernt. Wunderbar ist es anzuschauen, wie sich entlang einer mittels Durchgängen, Glastüren und -fenster gebildeten Sichtachse alles hintereinander aufreiht – vom gläsernen »Erfrischungsraum« mit seinen gebogenen Scheiben über das Büro bis in die Werkstätten. Sogar eine kleine Küche fand Platz, in der nun täglich gekocht wird.
Damit es sommers nicht zu heiß und winters nicht zu kalt wird, musste das Dach gedämmt werden. Die Bauherren wollten dabei von außen den Eindruck der zeittypischen dünnen Kragplatte erhalten; so wählten sie eine äußerst geringe Dachneigung und verringerten die Dämmung im Dachrandbereich bis auf null. Tagsüber betont die schmale rot gestrichene Seitenkante die Leichtigkeit der Konstruktion, abends das wiederhergestellte umlaufende weiße Leuchtröhrenband. Für Wärme sorgen im Winter in den Aufenthaltsräumen zeittypische Konvektoren und in den Werkstätten unauffällig unter der Decke installierte ringförmige Strahlungsheizungen, um einen Bruch des stimmigen Gesamtbildes zu vermeiden. Mollig warm wird es in dem Gebäude mit seinen großen Glasflächen damit zwar nicht, aber 12 bis 15 Grad werden doch erreicht. Alle alten Verglasungen mussten wegen unterrosteter Rahmen entfernt werden. Die alte Einscheibenverglasung wurde ersetzt durch VSG mit integrierter Sicherheitsfolie und Wärmeschutzbeschichtung. Die fehlenden oder kaputten Außenwandfliesen brannte Keramikspezialist Hans Kuretzky neu, der auch schon für viele alte Hochbahnstationen Fliesenfelder restauriert hat. Sogar eine der drei Zapfinseln wurde mit alten Zapfsäulen wiederhergestellt, auch wenn sie wegen fehlender Tanks (vorerst) Dekoration bleiben.
Die Innenausstattung der Räume konnte, weil es keine entsprechenden Fotodokumente gab, nur annäherungsweise erfolgen. Im einstigen Kassenraum befindet sich nun ein »Erfrischungsraum« benanntes Bistro mit Theke, Tischen und Stühlen in bester Nierentisch-Resopal-Optik. Original erhalten ist hier die schöne, in die Decke integrierte und von Milchglasscheiben verkleidete Beleuchtung. Selbst kleinste Details wie Blumenvasen und Zuckerdöschen fügen sich perfekt in diesen Fifties-Kosmos.
Treffpunkt Tankstelle
Doch wer deshalb denkt, hier würde eine längst enteilte Vergangenheit von zwei aus der Zeit gefallenen Besessenen für ihresgleichen konserviert und musealisiert, der irrt. Hier kann und soll jedermann einkehren. So gibt es wochentags bereits ab vier Uhr morgens Frühstück und später einen täglich wechselnden Mittagstisch, was besonders von den Großmarktmitarbeitern sehr geschätzt wird. Davon abgesehen: Die Tankstelle trifft einen Nerv unserer Zeit. Dieser Ort ist längst der Dreh- und Angelpunkt für die immer größer werdende Old- und Youngtimer-Szene Hamburgs geworden. Hier lässt man seinen alten Wagen warten, zeigt ihn stolz her, trifft sich am Wochenende zum Austausch mit Gleichgesinnten. Der Rückgriff auf die Geschichte wird dabei zu einem Akt der Rebellion gegen eine Zeit, in der immer austauschbarere und kurzlebigere Produkte in immer schnelleren Zyklen auf den Markt geworfen werden. Das ist keine Flucht in die Vergangenheit, sondern eine Rückkehr von Schönheit, Individualität und Dauerhaftigkeit in unsere Gegenwart. •
Standort: Billhorner Röhrendamm 4, 20539 Hamburg
Auftraggeber: Piatscheck & de Boer GmbH, Hamburg, www.tankstelle-brandshof.de
Architektonische Beratung: Dipl.-Ing. Architekt Michael Piatscheck, Hamburg
Denkmalpflegerische Beratung: Albert Schett, Denkmalschutzamt Hamburg, www.hamburg.de
Förderung Dachsanierung: Stiftung Denkmalpflege Hamburg, www.denkmalstiftung.de
BGF: ca. 290 m²
Beteiligte Firmen:
Dachdämmung: EPS, Jaeger Spezial-Dämmstoffe, Lüttow- Valluhn, www.jaeger-daemmstoffe.de
Dachabdichtung: Elastomerbitumen-Kaltselbstklebebahn BauderTEC KSA, Paul Bauder, Stuttgart, www.bauder.de
Isolierverglasungen: Sonderanfertigung, Glaserei Mecker, Hamburg, www.glaserei-mecker.de
Baukeramik/Fliesen: Restaurierung/Sonderanfertigung, Hans Kuretzky Keramik, Borstorf, www.kuretzky.de bzw. Fliesenhandel Konrad Schittek, Hamburg, www.kuretzky.de
Deckenradiatoren: Klix, Rottweil, www.klix-deckenradiatoren.de
Fotos: Dorfmüller / Klier, www.dorfmuellerklier.de
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
  • 1 Zapfinsel
  • 2 Tankwart/Büro
  • 3 Bistro
  • 4 Prüfhalle
  • 5 Küche

Hamburg (S. 116)
Claas Gefroi
s. db 5/2013, S. 96