Cité Le Lignon in Vernier (CH)

Der Koloss von Genf

Wohnhäuser mit Vorhangfassaden sind selten — vor den Toren Genfs findet sich mit der »Cité Le Lignon« ein riesiges Beispiel einer derartigen Ausnahme. Was jedoch tun, wenn ein solcher Koloss mit einer komplexen Eigentümerstruktur grundlegend saniert werden soll, ohne die ursprüngliche Erscheinung zu gefährden? Ein Team um Franz Graf und Giulia Marino verglich systematisch verschiedene Konzepte miteinander, die eine denkmalgerechte Modernisierung der Wohnanlage ermöglichen.

Text: Jürg Graser

Kulturelle Ressourcen sind nicht erneuerbar, wie das bei natürlichen oft der Fall ist – es ist darum umso sorgsamer mit ihnen umzugehen. Die Wohnanlage Le Lignon, die zwischen 1962 und 1971 nach Plänen von Georges Addor erbaut wurde, ist nach Erachten der Eigentümer kein Sorgenkind, sondern eine Chance. Das Haus sollte daher soweit wie möglich bestehen bleiben. Das betraf nicht nur die äußere Erscheinung, sondern auch die technischen Bauteile, von denen möglichst viele im Original erhalten bleiben sollten. Seit 2008 steht das Haus – auch auf Wunsch der Eigentümer – unter Denkmalschutz.
Fassade, kilometerlang
Le Lignon, das sind 86 Treppenhäuser, die 2 780 Wohnungen mit 10 687 Zimmern in einer 1,6 km langen, geknickten Zeile und in zwei Scheibenhochhäusern erschließen. Die drei Betonbauten wurden in Schottenbauweise errichtet, ummantelt von einer 125 000 m² großen Curtain-Wall-Fassade aus Aluminiumprofilen und Glas. Wie lässt sich eine solch riesige Wohnanlage, die noch dazu von komplexen Eigentumsverhältnissen geprägt ist, denkmalgerecht sanieren? Angesichts der Größenordnungen leuchtet es ein, dass sich die Eigentümer vor der Instandsetzung der Fassade bis ins Detail überlegen, wie viel sie pro Wohnung investieren wollen. Ein Team um Franz Graf und Giulia Marino von der ETH Lausanne nahm sich der Frage nach einer wirtschaftlichen Sanierung an. In einem ersten Schritt analysierte das Architektenteam den Zustand der Fassade. In einer minutiösen Recherche wurden alle relevanten Bauteile zeichnerisch erfasst, vor Ort sorgfältig geprüft, fotografiert und benotet. Was von außen als reine Aluminiumfassade erscheint, ist tatsächlich eine Holz-Metall-Konstruktion. Die farblos eloxierten Aluminiumprofile sind verdeckt mit Kiefernholzrahmen verbunden, die Verglasung besteht aus einem äußeren und einem inneren 3 mm dicken Einfachglas, dazwischen liegt ein von Hand bedienbarer Raffstore. Alle Fenster lassen sich entweder mit Dreh- oder Dreh-Kipp-Beschlägen öffnen. Die geschlossenen Paneele sind mit 30 bis 50 mm Mineralwolle gedämmt, hinterlüftete emaillierte Gläser dienen als Wetterhaut. Der U-Wert der bestehenden Fassade beträgt erstaunlich günstige 0,86 W/m²K. Unerwartet gut ist auch der Allgemeinzustand der einzelnen Bauteile. Sie zeigen eine mäßige Alterung mit leichten Gebrauchsspuren, einzig die innere Dampfsperre der geschlossenen Module ist in schlechtem Zustand.
Suche nach einem Kompromiss
Ausgehend von diesem Befund entwickelte der »Lehrstuhl für Technik und Bewahrung Moderner Architektur« der ETH Lausanne, dem Franz Graf als Professor vorsteht, vier Erneuerungsszenarien mit verschiedenen Interventionstiefen: Wartung (A), Instandsetzung (B), Modernisierung (C) und Ersatz (D) der Fassade. War die Unterschutzstellung eine qualitative (kulturpolitische) Entscheidung, handelt es sich bei dieser Variantenstudie um eine quantitative Betrachtung der beiden ausschlaggebenden Kriterien Energiesparen und Kosten.
Variante D schied aus, weil man die exorbitant höheren Kosten im Vergleich zur Variante C, gemessen an der zusätzlich eingesparten Energie, als nicht gerechtfertigt erachtete. Varianten A und B wurden als Lösungen von geringer Dauerhaftigkeit verworfen. Weil die Variante C das beste Verhältnis zwischen Energiereduktion und Kosten aufwies, wurde sie weiter ausdifferenziert. In Variante C.1 untersuchte man die Wirkung von konventioneller Polyurethan-Dämmung, bei C.2 ersetzte man diese durch eine Hochleistungswärmedämmung, C.3 und C.4 betrachten den Ersatz der tragenden Holz- durch Aluminiumrahmen. Bei der Sanierung einer Musterwohnung, die als Vorlage für die erste Etappe mit 32 Wohneinheiten diente, wurde schließlich die Variante C.1 ausgeführt. Dabei wurden die Fassaden von außen gereinigt, die Dichtungen ausgewechselt und einzelne beschädigte Oberflächengläser ersetzt. Von innen tauschte man die bestehende Wärmedämmung gegen eine konventionelle Polyurethan-Dämmung aus, erneuerte die Dampfbremse und verkleidete das Paneel neu. Bei den durchsichtigen Bauteilen wurden hinter den äußeren Einfachscheiben neue Raffstores und ein Zweifach-Wärmedämmglas eingesetzt. Ein Vorteil dieser Variante ist, dass das einheitliche äußere Erscheinungsbild durch den Erhalt von Originalbauteilen der äußersten Fassadenschicht erhalten bleibt. Außerdem ermöglicht die Sanierung von innen, dass die zahlreichen Eigentümer sie unabhängig voneinander zu verschiedenen Zeitpunkten durchführen können. Diese Lösung wurde aber vor allem deshalb bevorzugt, weil sie von allen C-Varianten am kostengünstigsten ist, was die Akzeptanz der Maßnahme bei den Eigentümern erhöht und dennoch zu einer deutlichen Energieeinsparung führt: Der Heizenergiebedarf sinkt um rund 40 %. Damit beträgt er zwar noch immer rund das Zweieinhalbfache des heutigen gesetzlichen Grenzwerts. Wenn man aber auch die graue Energie berücksichtigt, die bei einem Ersatz der Fassade weggeworfen würde, wird die Energiebilanz positiv. Als Abschluss der Untersuchungen wurde ein Katalog erstellt, der den Eigentümern als Handbuch für die Sanierung zur Verfügung gestellt wurde.
Hypnotische Wirkung
Wie ist die Modernisierung aus architektonischer Sicht zu beurteilen? Serialität und der Rhythmus der horizontalen und vertikalen Fugen und Flächen werden auch nach der vollständigen Sanierung den architektonischen Ausdruck bestimmen. Durch Abstraktion und Reduktion erzeugt die Fassade dann nach wie vor einen gleichzeitig homogenen und abwechslungsreichen Eindruck. Auf den Betrachter hat das eine beinahe hypnotische Wirkung, weil sein Blick zwischen dem Ganzen und dem Detail hin und her springt. Diese Qualität, mit der viele der in der Hochkonjunktur vor der Ölkrise von 1973/74 erstellten Gebäude aufwarten, wird oft nicht erkannt. Totalersatz der Fassade oder gar Abbruch des ganzen Bauwerks sind dann häufig die Folge. Das Konzept für die Cité Le Lignon, das mit dem Preis »Europa Nostra« auszeichnet wurde, zeigt, dass es auch anders geht und es sich lohnt, diese Bauten vor einer etwaigen Sanierung genau unter die Lupe zu nehmen. •
Standort: Avenue du Lignon, CH-1219 Vernier
Bauherr: Diverse Eigentümer, Vernier
Konzept Sanierung: Giulia Marino, Franz Graf, STSAM Labor, Lausanne
Bauzeit: laufende, abschnittsweise Sanierung

Genf (CH) (S. 88)

EPF Lausanne, TSAM Labor
Franz Graf
Architekturstudium an der EPF Lausanne, seit 1989 eigenes Büro in Genf. Promotion. 1989-2006 Lehrtätigkeit an der Universität Genf, seit 2005 Professur an der Accademia di Architettura di Mendrisio, seit 2007 an der EPFL. Veröffentlichungen u. a. zu Auguste Perret, Jean Prouvé und Angelo Mangiarotti. Vorsitz von Docomomo Schweiz, Beratung und Forschung zur Wiederherstellung von Architektur des 20. Jahrhunderts.
Giulia Marino
Architekturstudium an der Universität Florenz (I), Promotion an der EPFL. 2004-08 Forschungstätigkeit an der Fondation Braillard Architectes in Genf. Seit 2007 Lehr- und Forschungstätigkeit am TSAM-Labor der EPFL. Veröffentlichungen u. a. zum CAF-Gebäuden in Paris.
Jürg Graser
1965 in Bern (CH) geboren. Studium an der EPFL und der ETH Zürich, 1991 Diplom. Berufstätigkeit in Paris, seit 2001 eigenes Architekturbüro in Zürich. 2008 Promotion an der ETHZ. Lehrtätigkeit an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW.