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Wohnhaus in Charrat (CH) | clavienrossier architectes

Wohnhaus in Charrat (CH)
Nehmen und Geben

Im Rhonetal im Kanton Wallis wurde ein ehemaliges Bauernhaus mit angegliederter Scheune zu einem Wohnhaus für eine vierköpfige Familie umgebaut. Die Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz sind bei aller Radikalität durchaus angemessen ausgefallen.

    • Architekten: clavienrossier architectes
      Tragwerksplanung: Philippe Bruchez

  • Kritik: Rainer Schützeichel Fotos: Roger Frei
Eine wirkliche Ordnung findet sich in Charrat nicht. Der kleine Ort im Schweizer Kanton Wallis entwickelte sich aus dem allmählichen Zusammenwachsen zweier Weiler, und so bildete sich die Verbindung der ehemals eigenständigen Häusergruppen eher als diffuses Flickwerk, denn als geordnete Anlage aus. Charakteristisch für den Ort ist der landschaftliche Kontext mit der imposanten Bergkulisse und den flacheren, für den Weinanbau genutzten Hängen. Die Winzer haben den Rebfeldern mit Terrassenmauern aus Natursteinen der Region über Jahrhunderte hinweg eine einprägsame Textur gegeben. Über die Verwendung des heimischen Baumaterials sind diese, vom Menschen vorgenommenen Eingriffe mit der Landschaft verwoben.
Entfernen und Ergänzen
Das Volumen des bestehenden, im frühen 20. Jahrhundert errichteten Bauernhauses mit angeschlossener Scheune war für die gewünschte Nutzung als neues Wohnhaus für eine vierköpfige Familie schlicht zu groß. Doch der Umbau war alternativlos: Zum einen forderte die emotionale Bindung der Bauherrin, die das Haus aus Familienbesitz geerbt hatte, die modifizierende Erhaltung; zum anderen hätte das beschränkte Budget die teurere, durchaus aber zulässige Lösung von Abriss und anschließendem Neubau nicht erlaubt.
Die Architekten Valéry Clavien und Nicolas Rossier gingen beim Umbau des Bauernhauses mit einer gehörigen Portion Pragmatismus ans Werk: Sie beließen und revitalisierten vom Bestand das, was die Erfüllung der gestellten Aufgabe erforderte, den überflüssigen Rest entfernten sie. Benötigt wurden die massiven Wände der unteren Geschosse. Von diesen Wänden wurde außen der Zementputz abgeschlagen, so dass sich nunmehr die Qualität des aus lokalen Steinen bestehenden Mauerwerks zeigt. Der so akzentuierte Sockel des Hauses tritt in einen mehrstimmigen Dialog mit der umgebenden Landschaft, den benachbarten landwirtschaftlichen Gebäuden und den Terrassenmauern der Weinberge. Mit dem Entfernen der oberen Geschosse und des Satteldachs nahmen die Architekten einen radikalen Eingriff in die bestehende Bausubstanz vor. Die Konsequenz der Mittel erklärt sich aus dem Zweck: Das zu große Gebäude wurde verkleinert und Forderungen nach ausreichender Belichtung der Wohnräume erfüllt. Da die Konstruktion der bestehenden Mauern ›
› keine großformatigen Fensteröffnungen zugelassen hätte, entschieden sich Clavien und Rossier dafür, Teile der Scheune und des Bauernhauses abzutragen und durch zwei neue, niedrigere Geschosse in Betonkonstruktion zu ersetzen. In diese ließen sich großzügige Öffnungen »schneiden« und die geringere Höhe der nun flach gedeckten Aufbauten verringert zudem das Gesamtvolumen des Hauses.
Der Wunsch nach maximaler Belichtung und damit auch Öffnung des Innern führt zu einem markanten Zuschnitt der Betonwände im äußeren Erscheinungsbild, da die Laibungen in spitzen Winkeln bis an die Wandecken geführt werden. Willkommener Nebeneffekt: Während die massiven Wände den Schutz vor rauer Witterung auch bildlich darstellen, werden die tief in den Laibungen sitzenden Fenster im Sommer durch diese verschattet. Denn, obschon die Lage an der Talsohle dazu führt, dass oft ein starker Wind über die Ebene weht und die Häuser einen entsprechenden Schutz brauchen, ist die Gegend dennoch sonnenverwöhnt.
Der Weiterbau der bestehenden Wände wurde im Innern wie nach außen denkbar einfach durchgeführt: Die Wände aus gefärbtem Beton wurden schlicht aufgesattelt, was das 60 cm dicke Naturstein-Mauerwerk spielend erlaubte. Innen trennt eine Luftschicht die – nie ganz trockene – Bestandsmauer vom neu errichteten Ständerwerk der Leichtbauwände, die die Wärmedämmung aufnehmen und deren Gipskartonplatten einen »sauberen« Raumabschluss ermöglichen. Die einfachsten Lösungen sind selten die schlechtesten. In den beiden oberen Etagen des Hauses finden sich die Wohnräume – das Wohnzimmer, das die gesamte Grundfläche der ehemaligen Scheune einnimmt, die Küche und drei Schlafräume –, die über raumhohe Öffnungen miteinander verbunden sind. Gemeinsam mit den großformatigen neuen Fenstern gibt diese Öffnung der Räume zueinander, die durch das schwellenlos verlegte Eichenparkett noch betont wird, dem gesamten Wohnbereich ein weitläufiges Gepräge.
Ein energetisches Problem stellt sicher die durchge- hende Bestandswand zwischen altem und neuem Gebäudeteil dar, welche die Altbausubstanz und den ehemaligen Übergang zur Scheune ins Gedächtnis ruft. Sie grenzt sowohl an beheizte und unbeheizte Innenbereiche als auch an den Außenbereich. Und die an den Zwickeln der Laibungen recht dünnen, mit einer nur 6 cm dicken Dämmung versehenen Betonwände dürften hier und da Wärmeverluste begünstigen.
Bestärkende Kontrastwirkung
Doch ist die energetische Frage vielleicht die Gretchenfrage des Bauens im Bestand. Modernisierende Umbauten führen allzu oft zu hypertechnischen Nachrüstungen mit entsprechendem Kostenaufwand oder aber zu ästhetisch fatalem Fassadenpfusch. Eine finanzielle Beschränkung einerseits und das ästhetische Gespür der Architekten andererseits verhinderten in Charrat das eine wie das andere. Der dortige Umbau ist eine bemerkenswerte Leistung, die den Bestand aufwertet und ihren Mehrwert aus einem sowohl respektvollen als auch pragmatischen Weiterbauen gewinnt. ›
› In ihrem Umgang mit dem Bestand setzten die Architekten auf einen bewussten Kontrast zwischen Alt und Neu. Doch obschon sich das Neue deutlich – ja nahezu plakativ – vom Alten absetzt, respektiert es den Bestand, indem es dessen Logik subtil fortsetzt. So wurde etwa der massiven Mauer eine ebenfalls massive Konstruktion aufgesattelt, wodurch sie zu einem Sockel umgedeutet und ihre tragende Funktion betont wird. Auch ist die Erzeugung von Kontrasten nicht Selbstzweck, sondern dient dazu, die Eigenheiten des Bestands wirkungsvoll zu betonen: Der monolithisch gegossene Beton agiert als Antagonist der handwerklich gefügten Natursteine. Und das Hinzufügen liegender Fensterformate in den neuen Aufbauten veranschaulicht die Eigenschaft des Mauerwerks, das nur stehende Formate zulässt.
Zwar kommt das Äußere des Gebäudes fotogen daher, doch entwickelte sich der Entwurf nicht aus diesem »Bild«. Er wurde stattdessen von den inneren Ansprüchen an ein offenes Familienwohnen mit der Möglichkeit des privaten Rückzugs her gedacht. Es sind zudem die Bindungen des Bestands und die Einflüsse der Umgebung, die zur Gestalt des Hauses geführt haben. Gelingt es – wie in Charrat –, solch komplexe Einflüsse in einen beinahe selbstverständ- lichen, einfachen Ausdruck zu übersetzen, so hat man es mit guter Architektur zu tun. •
    • Standort: Rue des Marronniers 16, CH-1906 Charrat
      Altbau: Bauernhaus mit Scheune (frühes 20. Jahrhundert)
      Bauherr: Privat Architekten: clavienrossier architectes, Genf, Valéry Clavien, Nicolas Rossier
      Tragwerksplanung: Philippe Bruchez, Fully
      BGF: 364 m² Nutzfläche: 261 m²
      BRI: 1 034 m³ Baukosten: 472 000 Euro
      Bauzeit: Januar 2009 bis März 2010
    • Beteiligte Firmen: Rohbau: Tonibat Sàrl, Saxon Schreinerarbeiten Joris Maurice, Orsières, www.jorismauricesa.ch
      Schiebefensterbeschläge: Gretsch-Unitas Baubeschläge, Ditzingen, www.jorismauricesa.ch
      Parkett: Bauwerk Parkett, St. Margrethen, www.jorismauricesa.ch
      Küche: MAJO, Saxon, www.jorismauricesa.ch

Charrat (CH) (S. 32)

clavienrossier architectes


Valéry Clavien
Studium an der Ecole d’Ingénieurs et Architectes EIA in Fribourg (CH), 1999 Diplom. Mitarbeit in Architekturbüros in Zürich und bei Devanthéry & Lamunière in Genf. Seit 2009 gemeinsames Büro mit Nicolas Rossier.
Nicolas Rossier
Studium an der Ecole d’Ingénieurs et Architectes EIA in Fribourg (CH), 1998 Diplom. 2000-02 Mitarbeit bei Daniel Libeskind in New York und Berlin. Gegenwärtig Masterstudium und wiss. Assistenz in Genf. Seit 2009 gemeinsames Büro mit Valéry Clavien.
Rainer Schützeichel
1977 in Remagen geboren. Architekturstudium an der FH Köln und der TU Wien, 2006 Diplom. 2005-07 Volontariat bei »Der Architekt«. 2008-10 Postgraduiertenstudium »Geschichte und Theorie der Architektur« an der ETH Zürich. Seit 2009 Assistenz am Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus der ETH Zürich.
 
 
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