Sitz des »Tribunal de Grande Instance de Paris« (TGI)

… Paris (F)

~Christine Desmoulins
(aus dem Französischen von Achim Geissinger)

40 Jahre nach dem Centre Pompidou übergibt Renzo Piano der Stadt ein zweites Meisterwerk, das prompt mit dem Prix de l’Equerre d’argent ausgezeichnet wurde. Als Frucht einer öffentlich-privaten Partnerschaft zwischen dem Justizministerium und dem Baukonzern Bouygues Construction, nimmt der Neubau eine von drei Instanzen auf, deren moderner Betrieb den altehrwürdigen Justizpalast auf der Île de la Cité zunehmend überlastete. Mit mehr als 100 000 m² Nutzfläche, 2 500 Angestellten und 8 500 Besuchern am Tag ist das TGI der größte Gerichtskomplex in Europa.

Direkt an der Autobahn Périphérique, nahe dem Martin-Luther-King-Park und inmitten des neu auf ehemaligem Bahngelände entstehenden Quartiers Clichy-Batignolles beherrscht der gewaltige Wolkenkratzer aus Glas und Metall weithin das Umfeld. Seine 160 m hohe Silhouette mit den vier gekonnt übereinander gestapelten, von bepflanzten Terrassen akzentuierten Volumen ist von überall zu sehen.

Im Wettbewerb wollte das Ministerium Büros und öffentliche Bereiche noch in zwei einzelne Baukörper aufgeteilt wissen. Renzo Piano fasst nun beide Funktionen in einem zusammen, dessen Monumentalität den Aufschwung im lange vernachlässigten Quartier signalisiert und eine visuelle Brücke über die Autobahn hinüber schlägt. Die Hauptachse des TGI bezieht sich auf eine Achse, die den Park diagonal durchzieht, und leistet dadurch einen Beitrag zur Verbindung von Stadt und Banlieue.

Über den mineralischen Vorplatz erheben sich der L-förmige Sockel mit fünf bis acht Etagen, je nach Höhe der Geschosse, und die drei scheinbar übereinander schwebenden Quader des Büroturms. Die Ost- und die Westfassaden greifen über die Gebäudekubatur hinaus und verstärken mit messerscharfen Klingen den luftigen Eindruck dieses ungekünstelten Gebäudes, dessen Ästhetik zuallererst der konstruktiven Vernunft entspringt.

Von der Wandelhalle aus werden die öffentlichen Funktionen und die Sitzungssäle auf verschiedenen Ebenen rund um das ausgedehnte, 28 m hohe Atrium im Herzen des Sockels erschlossen. Stahlstützen rhythmisieren den Raum, Lichtkanonen bringen ihn zum Flirren. Die mit Gehölzen bepflanzte Terrasse im 8. Stock lädt auf 7 000 m² zum Flanieren ein. Im 19. und 29. Stock nehmen die Büroblöcke in visueller Verlängerung des Parks weitere »hängende Gärten« auf.

Standort: 29-45 Avenue de la Porte de Clichy, F-75017 Paris
Architekten:
Renzo Piano Building Workshop, Paris
Übergabe:
Juni 2017; Betriebsbeginn: April 2018