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Die Scheune kommt

Reichlich Vorschusslorbeeren

Zweckoptimismus ist gefragt. Denn die Weichen für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum sind gestellt. Es bleibt die Hoffnung, dass Herzog & de Meuron ein besseres Haus bauen als der Entwurf vermuten lässt.

~Falk Jaeger

Die Kritik war scheinheilig. Plötzlich monierte Stefan Braunfels – und »belegte« dies durch eigene Renderings – dass das neue Museum der Moderne auf dem Berliner Kulturforum die Sichtachse von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie hinüber zu Scharouns Philharmonie verstellen werde. Nachdem er selbst diesen Standort beplant hatte. Warum diese Sichtachse nun so heilig sein sollte, die ja Scharoun in seinem ursprünglichen städtebaulichen Entwurf für das Kulturforum mit seinem Gästehaus ebenfalls zubauen wollte, bleibt rätselhaft.

Jedenfalls war seine Initiative gegen das Projekt von Herzog & de Meuron ebenso wenig von Erfolg gekrönt wie eine Reihe von Brandartikeln in den Berliner und überregionalen Medien, die vor exorbitanten Baukosten warnten und an dem Vorhaben kein gutes Haar ließen. »Diese Scheune ist ein Skandal« titelte zum Beispiel die FAZ mit Schaum vor dem Mund. Der Haushaltsausschuss jedenfalls folgte der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und winkte das teure Prestigeprojekt durch. Nun kann gebaut werden.

Zuletzt hatten selbst die Architekten Herzog & de Meuron, ansonsten im Bewusstsein ihrer Position als internationale Stararchitekten über kleinliche Anwürfe v. a. finanzieller Art erhaben und von stoischer Gelassenheit, dünnhäutig reagiert. Die erste Freigabe von 200 Mio. Euro durch den Bundestag sei ohne Vorliegen einer Planungsgrundlage erfolgt (was stimmt). Und erst nach dem Wettbewerb habe man konkret planen und berechnen können. Dann Planänderungen: Kleinere Grundfläche, und somit der Zwang, das Haus tiefer in den bekannt sumpfigen Berliner Baugrund einzusenken. Die nun eingeräumten Kosten von 364,2 Mio. Euro mit offiziell kommunizierter Steigerungsoption auf 450 Mio. werden von Fachleuten bereits auf 600 Mio. taxiert.

Am 18. November, vier Tage nach der Mittelfreigabe, präsentierten Stiftung und Architekten den neuesten Planungsstand, sodass die Architektur selbst in den Mittelpunkt der Debatte rücken kann.

Es hörte sich nicht schlecht an, wie Jacques Herzog den Entwurf verkaufte. Das Haus sei Zentrum des Kulturforums und nach allen Seiten offen, es kommuniziere mit allen anderen Kulturbauten im Umkreis, es habe keine Rückseite. So ganz stimmt das nicht, denn der Südgiebel öffnet sich zwar durch scheunentorgroße Schiebewände, aber nur um das Oberlicht zu belichten.

Hineingehen kann man hier nicht. Denn die das Haus querende Nord-Süd-Passage hat hier das UG erreicht und taucht unter der Sigismundstraße hindurch, um den Neubau unterirdisch mit der Neuen Nationalgalerie zu verbinden (warum eigentlich? Wird der Tempel von Mies, der seinen Eingang an der Potsdamer Straße hat, durch den Kellereingang nicht völlig umgekrempelt?).

Im neuen Haus kreuzen sich Nord-Süd- und Ost-Westpassage, also die Kraftlinien von Außerhalb. Was Herzog nicht erwähnt: Die große Geste funktioniert nicht. Die Achsen kreuzen nicht, die eine überbrückt die andere.

Eine Verbindung des »Boulevards« mit der Querspange gibt es nur über versteckte Treppenhäuser.

Vorzüge des Hauses, wenn auch im Wortsinn teuer erkaufte, sind weite, offene Räume mit viel Tageslicht, die breite Treppenhalle, die informeller Treffpunkt und Auditorium sein kann. Die Ausstellungssäle sind sehr unterschiedlich in Zuschnitt, Ausstattung und Charakter, mit den Einschränkungen an Universalität, die eine solche Raumspezifik mit sich bringt. Direktor Kittelmann freut sich auf vielfältige Räume, die immer wieder neu bespielt werden. Es werde sich »keine Routine des Sehens« einstellen.

Während die Großform des Bauwerks nach wie vor eine Reihe vehementer Kritiker hat (»ALDI-Markt«, »Oktoberfestzelt«), Herzog spricht ja selbst von einer »Scheune«, von einer »archaischen Form«, die sich zwischen den gebauten Ikonen des Kulturforums behaupten muss ohne sie zu dominieren, überwiegt bei der Gestaltung der Fassaden und der Detaillierung abwartende Zurückhaltung.

Die Backsteinwände sollen ja perforiert sein, von innen leuchten. Die Simulationen sehen noch sehr pusselig aus, kunsthandwerklich geradezu. Aber an ihnen wird noch gearbeitet, gibt Jacques Herzog zu bedenken, doch das hat er schon vor einem Jahr gesagt, als er die überarbeiteten Pläne vorgestellt hat. Wird man abends an elendlangen fensterlosen Fassaden am Matthäikirchplatz entlanggehen, wenn die Schiebewände am Eingang, »große, dynamische Hangartore, die mit LED lebendig bespielt werden« (Herzog), geschlossen und die Lichter ausgeknipst sind? Wird die ruhige, brave Architekturhaltung außen der versprochenen Radikalität des Innern gerecht?

Am interessantesten verspricht wohl der gegen die Philharmonie gerichtete offene, einladende Nordgiebel zu werden, mit seiner Freitreppe hinauf zum Multifunktionssaal linkerhand, der Gastronomie zur Rechten und dem eigentlichen Haupteingang in der Mitte.

Man traut den Architekten angesichts ihres großartigen bisherigen Werks einfach zu, dass wir am Ende vor einem überzeugenden Bauwerk stehen werden, das Faszination und Aura ausstrahlt. Reichlich Vorschusslorbeeren also. Die Erwartungen sind nicht so hoch, wie sie bei der Elbphilharmonie angesichts der faszinierenden Bilder von Anbeginn waren, die Hoffnung auf ein Happy End ist bei allen Beteiligten groß, doch das Publikum bleibt skeptisch.

{Der Autor lebt als Publizist und freier Architekturkritiker in Berlin.


Museum des 20. Jahrhunderts »

Nationalgalerie20 (aktuelle Ansichten des Entwurfs von Herzog & de Meuron) »


aktueller Stand
(Spatenstich für das Museum des 20. Jahrhunderts am 3.12.2019):

»Die vorliegende Entwurfsplanung ist derzeit im Prüfungsverfahren.
Bei der anschließenden Ausführungsplanung geht es um die weitere Verfeinerung und Detailierung des Entwurfs. Auf dem Baufeld wird es zunächst bauvorbereitende Maßnahmen geben, bevor mit dem Ausheben der Baugrube begonnen werden kann.«
Stiftung Preußischer Kulturbesitz »