Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Perfektion des Gedenkens

Es war 1987, als der Historiker Eberhard Jäckel und die Journalistin Lea Rosh mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit traten, ein Mahnmal zu errichten, das an die menschenverachtende Rassenpolitik des nationalsozialistischen Regimes und an die Millionen Toten erinnern sollte, die dem Rassenwahn zum Opfer fielen. Die diesem Aufruf folgenden Diskussionen füllen Bände und sie sind noch immer nicht verstummt. Die wichtigste Frage, die aus Kreisen der Bevölkerung und der Betroffenen zu hören ist: Warum ein Denkmal nur für die ermorderten Juden, warum nicht für alle verfolgten Volks- und Bevölkerungsgruppen?

1999 hat der Bundestag den Bau des Denkmals beschlossen. Aus dem langwierigen Wettbewerbsverfahren mit einer ersten, offenen Runde, deren Ergebnisse allgemein verworfen wurden, und einer Einladungsrunde an der Gesine Weinmiller, Jochen Gerz und Daniel Libeskind beteiligt waren, ging der New Yorker Architekt Peter Eisenman als Sieger hervor.
Es gibt zu denken, dieses eineinhalb Hektar große Feld aus 2711 »Stelen«. Jeder Besucher hat seine eigene Deutung. Von Kriegsgräbern in Reih’ und Glied ist gesprochen worden, doch solche Gräber hat man noch nie gesehen. Das Material wiederum, aus anthrazitgrau durchgefärbtem Beton, lässt an Panzersperren denken, die bewegte Oberfläche an ein wogendes Kornfeld. Vielfältige Assoziationen stellen sich ein, doch eine »offizielle« Deutung gibt es nicht, weder von den Initiatoren der Gedenkstätte noch von ihrem Architekten. Alle Besucher jedoch sind beeindruckt von der Größe. Ein ganzer Straßenblock wird von der Anlage eingenommen. Das Grundstück liegt südlich des Brandenburger Tores, zu Füßen der Südseite der Bebauung am Pariser Platz – Hotel Adlon, Behnischs Akademiegebäude, Gehrys DZ-Bank und an der Westecke die in Bau befindliche Amerikanische Botschaft. Seine Westgrenze bildet die ehemalige Akzisenmauer der barocken Stadterweiterung gegen den Tiergarten. Südlich davon die Vertretungen der Bundesländer und die Voßstraße, der Ort, wo sich Hitlers Reichskanzlei befand. Östlich lagen an der Wilhelmstraße die Palais der preußischen Ministerien. Durch deren Gärten, die so genannten »Ministergärten«, gelangte Hitler ohne Aufsehen in die Akademie, wo Speer die Modelle seiner »Reichshauptstadt Germania« aufgebaut hatte.
Heute müsste er sich durch das Labyrinth des Mahnmals stehlen. Die schwer lagernden Blöcke – der Begriff »Stelen« ist ein Notbehelf – aus selbstverdichtendem, präzise verarbeitetem und Beton sind knapp einen Meter breit, zweieinhalb Meter lang, und scheinen aus dem Boden zu wachsen. Einige sind erst fußhoch aufgestiegen, andere ragen bis zu 4,70 Meter in die Höhe. Sie sind im präzisen Raster gesetzt, doch sie irritieren durch Unregelmäßigkeiten, denn sie sind in verschiedene Richtungen leicht gekippt. Hin und wieder gibt es »Fehlstellen« im Raster. Dort sind Bäume gepflanzt, Geweihbäume, Felsen- birnen, Schwarz- kiefern. Die Zwischenräume, knapp meterbreite Gänge, vereinzeln die Besucher. Der gepflasterte Boden sinkt wellenförmig ab; je weiter der Besucher vordringt, desto höher überragen ihn die Stelen. Ein Labyrinth entsteht, das schon nach wenigen Metern des Eindringens die umgebende Stadt vergessen macht. Es gibt keine Symbolik (auch die Zahl der Stelen hat keine Bedeutung), keine Erklärungshilfe für die Anlage, es gibt keinen Weg, kein Ziel, keinen zentralen Gedenkort. Der Besucher ist mit seinen Empfindungen allein – jeder. Orientierungslos? Verunsichert? Irritiert? Jedenfalls irgendwie in Spannung, nicht im Normalzustand. Es ist wohl die größte Leistung des Architekten Peter Eisenman, der in der Anfangsphase des Entwurfs mit dem Bildhauer Richard Serra zusammengearbeitet hatte, dass dieses Mahnmal, das sich den Vertrautheit oder Gewissheit bietenden Vergleichen entzieht, alle Menschen anspricht, zum Schweigen bringt. Nicht dass es die Schrecken der Deportationen und der Konzentrationslager zurückrufen könnte oder sollte, wie manche erwartet haben, ein »KZ-Simulator« kann und soll es nicht sein.
Das leistet für den, der sich darauf einlässt, der unterirdische »Ort der Information«, der in der dritten Entwurfsphase hinzukam, vier große und mehrere kleine Räume, deren Raster in Eisenman-Manier gegen das Stelenraster um 10 Grad verdreht sind. Die Stelen zeichnen sich an der Decke ab, tauchen in einem Raum sogar herab und dienen als Bildträger. Im »Raum der Dimensionen«, im »Raum der Familien« oder im »Raum der Namen« wird der Versuch unternommen, das Grauen zu personalisieren. Man lernt einzelne Familien, ehrbare Leute, bildhübsche Kinder kennen und erfährt etwas über die Leben vor 1933 und die Schicksale danach. Der voyeuristische Blick, unmittelbare Bilder des Grauens sind vermieden, doch der Beklemmung ist genug. Wenn eine Gefühl des Unbehagens über diese Gedenkkultur zurückbleibt, dann wegen der Akribie, mit der hier Datenbanken präsentiert werden, alle Namen, alle Familien, sämtliche Vernichtungsorte, sämtliche Gedenkstätten, die komplette Diskussion um das Mahnmal, insgesamt eine sehr deutsch anmutende Präzision, die man gerade an diesem Ort besser vermieden hätte. Falk Jaeger
Katalog über das Denkmal und die Ausstellung erhältlich im »Ort der Information«; 9,90 Euro oder ab August in der Nicolaischen Verlagsbuchhandlung, Berlin; 29,90 Euro. Im Stadtwandel Verlag ist der Architekturführer mit der Nr. 70 zum Holocaust-Denkmal erschienen, 2,50 Euro