Oslos Reichtum

~Nikolaus Bernau

Knapp über dem tiefgrünen Wasser steigt die zarte Schale auf, gebogen wie ein flach springender Wal, oder eine Muschel; man kann sich viele maritime Metaphern ausdenken, um das neue Astrup Fearnley Museum zu beschreiben, das nach den Plänen Renzo Pianos vor Kurzem in Oslo eröffnet wurde, direkt am Fjord gelegen, als öffentlicher Teil eines luxuriösen Wohnungs-Investitionsprojekts auf der Insel Tjuvholmen. Ein kleiner Bau, mit knapp 4 000 m2 Ausstellungsfläche in einer luftigen Halle unter dem Glasdach und kleineren Räumen auf der anderen Seite eines schmalen Kanals, der das Museum in zwei Hälften teilt. Ein winziges Fenster öffnet sich hier zum Fjord und erinnert nur schwerlich an die Naturlichtflut von Pianos jüngeren Museen in Chicago, New York oder dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston.
Die Museumsleute in Oslo scheinen vielmehr der Meinung zu sein, dass Naturlicht die Kunst stört. Auch das von den Berliner Architekten Kleihues + Schuwerk entworfene neue Nationalmuseum nahe dem Rathaus soll außer einer diaphanen Steinhalle nicht einmal für die kostbare Sammlung älterer Malerei Oberlichtsäle erhalten – obwohl das ohne wesentliche Veränderung des Entwurfs möglich wäre. Eine überraschend konservative Ideologie angesichts der modernen Glastechnik und der Begeisterung, die alte Museen und auch Pianos oder Chipperfields Neubauten gerade wegen ihres lebendigen Naturlichts hervorrufen.
Beide Projekte sind Teil der viel debattierten Umgestaltung des Hafenbeckens von Oslo (s. db 7/2010, S. 44), die manche Vollbremsung erlebt. Zu rühmen ist der 2008 vollzogene Sturz von Rem Koolhaas‘ Entwurf einer neuen Stadtbibliothek. Zu groß, zu kalt, zu maschinell und v. a. am falschen Platz. Jetzt will man die Bibliothek zentraler zwischen dem Hauptbahnhof und der Nationaloper von Snøhetta bauen. Bei der jüngsten Ausstellung in der Deichmann-Bibliothek zeigte sich der Entwurf von Lund Hagen von 2009 immer noch sehr dramatisch, sehr auf Form ausgerichtet. Umstrittener aber ist der Neubau für das städtische Munch-Museum. Kürzlich haben die Rechtsnationalen im Stadtrat populistisch durchgesetzt, dass das Projekt von Herreros Architects auf dem Paulsenkai gestoppt wird. Ihre Frage war aber nicht unberechtigt: Warum soll das »alte« Munch-Museum in einem Arbeitervorort aufgegeben werden, nach nur knapp 30 Jahren Nutzung? Wäre es nicht sinnvoller, dort zu erweitern – oder die alte Nationalgalerie zu nutzen? Bisher ist nämlich nicht einmal ansatzweise klar, was mit diesem wunderbaren historischen Bau nach dem Auszug der Nationalmuseumssammlungen geschehen soll. Norwegen kann sich solche Verschwendung offenbar leisten.