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Im Klötzchenregen

Mutlosigkeit statt Visionen im deutschen Städtebau

Der Städtebau in Deutschland ist nie über die Postmoderne aus der Zeit der Berliner IBA 1987 hinweggekommen. Allerorten klammert man sich an das Diktat der heiligen städtebaulichen Trinität aus kontextgebundener kritischer Rekonstruktion, Blockraster und Europäischer Stadt.

~Jürgen Tietz

Kaum Vision, wenig Innovation. Die städtebauliche Variationsbreite bleibt überschaubar. Mal wird der orthogonale Klötzchenregen der Bauvolumen ein bisschen nach rechts verschoben, mal ein wenig nach links. Das war’s. Da bildet auch das jüngste Stadtplanungsbaby keine Ausnahme, die Siemensstadt 2.0. Auf dem historischen Industriestandort im Nordwesten Berlins will Siemens, einer der wenigen verbliebenen deutschen Global Player, einen smarten Innovationscampus errichten. Ziel ist es, Arbeiten, Forschen und Wohnen mit internationaler Strahlkraft zu vereinen. Doch wird der jetzt prämierte Entwurf von Ortner und Ortner (Berlin) diesem hohen Innovationsanspruch gerecht? Ganz berlinisch dreht er das Rad der europäischen Stadtentwicklung ein kleines bisschen weiter – etwas höher, etwas dichter, etwas gemischter, etwas grüner. In einem orthogonalen Raster aus Straßen und platzartigen Aufweitungen sollen Neubauten den Bestand mit eingestreuten kleinen Hochpunkten umwuchern. Und weil ein neues Quartier auch ein neues bauliches Markenzeichen benötigt, ragt in der Mitte ein weit-hin sichtbares Hochhaus 120 oder gar 150 m empor. Kann man so machen. Muss man aber nicht. Was die einen als ein robustes dichtes Stadtgerüst loben, das kann man nämlich ebenso gut mit einem Schulterzucken als fade Klötzchensuppe abtun. »Hallo SIEMENS«, möchte man rufen. Ist das wirklich Eure Vision eines Innovationscampus? Ist das die smarte Zukunftsstadt?

Berlin ist kein Einzelfall. Quer über die Republik verteilt sich die städtebauliche Agonie, eingepfercht in eine Ängstlichkeit im Entwurf. Die Variationsbreite erschöpft sich im Grad der Öffnung von Blockrändern oder einer moderaten Höhenstafflung. In der Ausführung wird das meist mit architektonischer Belanglosigkeit gepaart, wie bei der neuen Berliner Europacity oder der gruseligen neuen Mitte Altona. Mutiger Städtebau wie das Dortmunder Phoenix-See (Deutscher Städtebaupreis 2018) bilden die Ausnahme. Dazu gesellt sich ein standardisiertes Konsens-Wording. V. a. »europäisch« muss alles sein, dazu »urban«, »robust« und »pragmatisch« und zuvorderst »dicht«.

Die geplante Dichte erzeugt jedoch selten gebaute Qualität. Als ganz wichtig gelten die offenen, »belebten« EG-Zonen, damit die Bewohner sie anschließend fix zuhängen oder die großen Filialisten sie mit Folien verkleben. Super urban. Reine Wohnsiedlungen? Absolutes Teufelszeug! Lieber noch ein umweltunfreundliches Café to go am städtischen europäischen Platzrand geschaffen. Ultra nachhaltig. Ansonsten gilt: kein Ebenezer Howard, kein Camillo Sitte, kein Le Corbusier weit und breit. Nirgends die provozierende Innovationsfreude von BIG, Snøhetta oder Patrik Schumacher.

Was wäre die Alternative? Toyotas »Woven City«? Die entwickelt Bjarke Ingels (schon wieder der!) gerade am Fuß des Fujiyama in Japan. Dort wird das Gewebe des allgegenwärtigen Wegerasters ein bisschen in organisch gerundete Bewegung gebracht. Immerhin. Oder lautet die Lösung doch Sidewalk Toronto vom (Achtung!) »bösen« Google?

In einem skeptischen Kommentar zur Smart-City hat der Soziologe Harald Welzer kürzlich darauf hingewiesen, dass es das Bier auch in der smartesten City »immer noch am Tresen gibt«. Recht hat er. Allerdings stellt sich die Frage, wie dieser Tresen städtebaulich aussehen soll. Muss er in der Konvention des Altbekannten ersaufen? Dahinter leuchtet die grundlegende Frage nach den Formen des künftigen Zusammenlebens auf, nach der digitalen, smarten Stadt der Zukunft. Bisher hat sie ihre Form nicht gefunden. Eine Stadt, die sowohl Erlebnis- als auch Begegnungsräume schafft und zugleich Rückzugsorte bietet. Eine Stadt, die hohe Flexibilität mit Nachhaltigkeit verbindet. Eine vernetzte Stadt, die sich in der Spannung zwischen funktional determinierten und offenen Räumen bewegt. Was das bedeutet? Eine Stadt zu entwerfen, die sich endlich aus der Klötzchenkonvention einer verspäteten Postmoderne befreit. Die atmet, ausprobiert und anregt. Die Siemensstadt 2.0 böte sich dafür als Experimentierfeld an. Schließlich blinzeln hier Hans Scharoun und Hugo Häring aus dem Berliner Siedlungswelterbe um die Siemensstädter Ecke. Mit dem Innovationscampus der Siemensstadt 2.0 bietet sich für Berlin die großartige Gelegenheit, wieder ein international beachtetes Labor der Moderne zu werden. Doch dazu bedarf es mehr Mut. Wer sich heute mit seinem städtebaulichen Entwurf jenseits der Konvention des Minimalkonsenses bewegt, wird in Deutschland gnadenlos ausjuriert. Die Folge ist Mainstream allerorten. Aber der Mainstream verwaltet höchstens die Gegenwart. Eine Zukunftsvision hat er noch nie geformt. Städtebauliche Entwürfe in Deutschland müssen nicht nur digitaler und smarter werden. Sie müssen informeller, mutiger, grüner und organischer werden. Herr, lass urbane Fantasie regnen anstatt der immer gleichen Klötzchen.

~Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.


Nähere Informationen zur Siemensstadt 2.0:
www.siemensstadt-dialog.de »