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Foto: Marco Verch
Wie entsteht ein guter Entwurf?

Komplexität steigert Kreativität

Wer kreativ sein wolle, müsse sich von jedem Einfluss lösen, lautete einer der markigen Sprüche der alten Entwerfer, denen man als Student mit Ehrfurcht lauschte. Und: Zu viele Randbedingungen beeinträchtigten den Entwurfsprozess. Wohlbekannt ist auch die Ansicht, man sei beim Entwerfen am kreativsten, wenn man in einem leeren weißen Raum mit zwei Flaschen Rotwein säße … Aus heutiger Sicht wirken diese Aussagen ziemlich skurril – womit nicht die zwei Flaschen Rotwein gemeint sind. Sie sind auch nicht ganz richtig. Neben den gestalterischen Anforderungen an Innen- und Außenraum werden die technischen Anforderungen an ein Gebäude immer komplexer. Aus diesem Grund kann die Frage nicht länger lauten: »Wie bekomme ich diese Anforderung in meinen Entwurf integriert?«, sondern muss heißen: »Mit welchen Anforderungen muss ich entwerfen?«

Warum das im Endeffekt zu besseren Gebäuden und einem reibungsloseren Bauprozess führt, zeigt ein Blick in die Kreativitätsforschung. Das ist ein Bereich der Psychologie, der sich aus der Intelligenzforschung gelöst hat und sich u. a. mit der Übertragbarkeit von kreativen Prozessen beschäftigt. Dem aktuellen Verständnis nach werden dabei die für das Entwerfen grundlegenden Einflüsse des Talents und der Begabung – deren Ausprägung angeboren und von Umgebungsbedingungen abhängig ist – um Wissen und Kompetenz, aber auch um bestimmte Persönlichkeitsprägungen und die Motivation ergänzt.

Gerade das Wissen und Können nehmen dabei eine Schlüsselfunktion ein, ohne die laut dem deutschen Psychoanalytiker Rainer M. Holm-Hadulla »grundsätzlich keine neuen Werke erschaffen« werden. Schaut man sich kreative Geister wie Goethe, Einstein oder Hawking an, wird dies besonders deutlich, denn sie verfügten neben ihrer Begabung auch über ein bemerkenwertes, kontinuierlich ausgebautes Wissen. Die These wird von Erkenntnissen aus der Neurologie, etwa von der Heidelberger Neurobiologin und Leibniz-Preis-Trägerin Hannah Monyer gestützt. In unserem Gehirn werden bei einer Gedächtnisleistung nicht Einzelinformationen abgerufen, sondern stets komplexe Inhalte und Schemata. Mit jeder dieser stattfindenden Aktionen werden neue Informationen mit unseren bekannten Routinen vernetzt und entweder bestätigt oder falsifiziert und dadurch das Wissen vertieft.

Um zukünftig komplexen Entwurfsaufgaben gewachsen zu sein, muss sich daher das Verständnis von Kreativität im Architekturprozess verändern. Konkret bedeutet dies, dass der Entwurf eine gleichberechtigte Symbiose mit Anforderungen wie der Technik, Ökonomie und der Nachhaltigkeit eingeht. Für die Hochschullehre lässt sich daraus ableiten: Die unterschiedlichen Fachinhalte müssen gestalterisch und technisch auf vielen Ebenen und kontinuierlich miteinander vernetzt werden. Damit kann es gelingen, aus der Linearität unserer fordistischen Arbeitsweise auszubrechen, die lediglich konkrete Aufgabenfelder mit fest definierten Arbeitsmethoden bearbeitet. An deren Stelle sollte eine grundlegende Netzwerklehre rücken, die Technik und Gestaltung als sich wechselseitig beeinflussendes komplexes System berücksichtigt.

~Thomas Lehmann

Thomas Lehmann bewegt sich seit über 20 Jahren in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der Architektur.
Gegenwärtig leitet er das Wettbewerbsteam der FH Aachen für den Solar Decathlon Europe SDE21. Sein Promotionsthema befasst sich mit Hochschuldidaktik in der Architektur.


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