Wir brauchen eine bessere Vermittlung der Bauphysik im Studium

Wer ist eigentlich diese Dampfbremse?

Warum tun sich Studierende eigentlich so schwer damit, Dampfsperren in ihren Bauko- und Detailplänen korrekt einzuzeichnen? Eine falsche Beschriftung ist dabei nur das kleinste Übel, ein Höhepunkt der nahtlose Übergang einer Flachdachabdichtung in eine Fassadendampfsperre inklusive fantasievollen Attika-Durchquerungen.

Doch warum sind Dampfbremse, Dampfsperre und dampfdiffusionsoffene Unterspannbahn so missverstandene Wesen im Studienalltag? Beim Verständnis hilft vielleicht eine kleine Bestandsaufnahme. Eine Dampfsperre ist in gemauerten Altbauten nie zu finden, denn sie war zu deren Errichtungszeit unnötig. Fenster und Türen waren ohnehin keine dichten Bauteile und der Lehmputz ein hervorragendes Speichermedium für Wasserdampf. Erst Energieeinsparung und alternative Konstruktionsmethoden wie der Holzbau machten Dampfsperrschichten notwendig. Heute ist die Dampfsperre ein unumgängliches, aber auch fehlerträchtiges Bauteil in jedem Gebäude. Es verlangt einerseits für Planung und Objektüberwachung ein hohes Maß an Sorgfalt und andererseits Verständnis für den handwerklichen Einbau.

Vielleicht liegt genau in dieser Übergangszeit, in der wir uns heute (noch) befinden, einer der Gründe, warum die dampfbremsende Schicht in der Lehre immer noch eine untergeordnete Rolle spielt und so viele Studierende ihre Funktion nicht verinnerlicht haben. Viele der heute Lehrenden haben vor Einführung der EnEV studiert. Im praktischen Büroalltag mussten sie die Dampfbremse zwar anwenden, in der akademischen Lehre wird ihr jedoch nur ein Nebenschauplatz zugewiesen – und das, obwohl die Dampfdichtheit heute einer der elementarsten Planungsgrundsätze ist. Doch diese Thematik ausschließlich als Generationenproblem zu sehen, wäre wohl etwas zu einfach.

Marcus Baumann, Rektor der FH Aachen, sagte einmal: »Wir sind alles ganz hervorragende Wissenschaftler in unserem Fach, sonst wären wir nicht hier. Wie man allerdings gute Lehre macht, das sagt uns niemand.« Dieses Fachwissen kollidiert oft mit der Grundlagenlehre, die naturgemäß auf »Unwissende« ausgelegt sein sollte. Und genau in der Hochschuldidaktik setzt auch die Lösungsfindung an – mit »Decoding the Discipline«. Bei dieser Methode definiert man ein sogenanntes Bottleneck, also ein grundlegendes Problem, das wiederkehrend an derselben Stelle auftritt. Dann findet ein Gespräch zwischen einem Fachmann und einem »Unwissenden« statt. Dabei versucht der Unwissende durch gezielte Rückfragen, die Problematik zu verstehen, wodurch gemeinsam ein Lösungsansatz entwickelt werden kann.

In Bezug auf die Dampfbremse konnten zwei Kernprobleme herausgearbeitet werden. Eins: Oft bekommen Studierende nicht einmal die elementaren Grundsätze »Wasser bleibt draußen und Wärme bleibt drinnen« in den Fächern Baukonstruktion und Bauphysik miteinander verknüpft. Bauphysik bleibt immer nur das ungeliebte Fach mit den abstrakten Zahlen und Buchstaben. Zwei – und viel wichtiger: die Erkenntnis, dass jungen Studierenden die Übertragung von 2D-Strichzeichnungen in dreidimensionale Bauteilschichten nicht gelingt und viele Lehrende offensichtlich an der Vermittlung scheitern. Diese Kluft gilt es zu überwinden!

Vielleicht hilft BIM bei diesem Verständnis, vielleicht braucht es aber auch die Rückbesinnung auf das an manchen Hochschulen bereits abgeschaffte Baustellenpraktikum …

~Thomas Lehmann

Thomas Lehmann bewegt sich seit über 20 Jahren in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der Architektur. Gegenwärtig leitet er das Wettbewerbsteam der FH Aachen für den Solar Decathlon Europe SDE21. Sein Promotionsthema befasst sich mit Hochschuldidaktik in der Architektur.


Lesen Sie dazu auch:
Mehr Praxis ins Studium! »
Welche Qualifikationen erfordert das Berufsbild Architekt?
von Thomas Lehmann


Lesen Sie dazu auch:
Welchen Wert hat der Splitter im Daumen? »
Plädoyer für das Baustellenpraktikum
von Thomas Lehmann