Vom Problemfall zum Erfolgsmodell

Geglückte Stadtentwicklung in Rostock seit 1990

Wenn von ostdeutschen Erfolgsgeschichten die Rede ist, dann wird meist auf Leipzig, Dresden oder Jena verwiesen. Weniger bekannt ist Rostock. Doch gerade hier kann eine erstaunliche Dynamik besichtigt werden: Rostock entwickelte sich nach 1990 zu einem Labor für einen erfolgreichen Stadtumbau, in dem mit unterschiedlichen Strategien und Instrumenten experimentiert wurde.

~Matthias Grünzig

Rostock ist eine alte Hansestadt, die ihren größten Aufschwung aber nach 1945 erlebte. Damals wurde Rostock zum größten Hafen und wichtigsten Werftenstandort der DDR ausgebaut. Gleichzeitig entstanden neue Wohngebiete: Während die ersten Quartiere Reutershagen I und II noch in traditioneller Bauweise errichtet wurden, kam bei den folgenden Großsiedlungen Südstadt, Lütten Klein, Evershagen, Lichtenhagen, Schmarl, Groß Klein, Dierkow und Toitenwinkel die Plattenbauweise zur Anwendung. Diese Siedlungen wurden durchaus mit hohen Ansprüchen gestaltet: Ornamentale Fassadengestaltungen mit Keramik- und Klinkerelementen, abgetreppte Häuser und geschwungene Wohnschlangen sorgten für ein abwechslungsreiches Stadtbild. Riesige Wandbilder an den Hausgiebeln, kunstvoll gestaltete Brunnen und zahlreiche Plastiken machten die Quartiere zu großen Freiluftgalerien. Die eleganten Schalenbauten von Ulrich Müther, wie die Gaststätte »Kosmos« in der Südstadt und die Mehrzweckhalle in Lütten Klein, setzten Kontrapunkte zu den Wohnblöcken. Die Wohnungen waren dagegen weniger vielfältig, es dominierten standardisierte Grundrisse mit kleinen Küchen und Bädern. Dank dieser Neubauten stieg die Einwohnerzahl von 92 000 im Jahr 1945 auf 254 000 im Jahr 1989.

Die deutsche Einheit stürzte Rostock zunächst in eine schwere Krise. Der Warenumschlag im Überseehafen sank von 20 Mio. t 1989 auf 8 Mio. t 1991, die Werften reduzierten ihre Belegschaft, weitere Industriebetriebe mussten ganz schließen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über 20 %. Die Folgen waren Abwanderung, Bevölkerungsrückgang auf 195 000 Einwohner im Jahr 2002 und ein Anstieg des Wohnungsleerstands auf 8 %.

Chancen erkennen und nutzen

Auf der anderen Seite verfügt Rostock aber auch über erhebliche Potenziale. Die Stadt zeichnet sich durch eine landschaftlich reizvolle Lage an Warnow und Ostsee aus. Der Überseehafen war trotz des rückläufigen Warenumschlags noch immer ein Wirtschaftsfaktor. Doch ein ganz großes Pfund war der umfangreiche gemeinnützige Wohnungsbestand. Denn die Neubauwohnungen der DDR-Zeit, die in Rostock rund 75 % des Bestands ausmachten, befanden sich fast ausschließlich im Eigentum der kommunalen Wohnungsgesellschaft WIRO und mehrerer Genossenschaften.

Die Rostocker Stadtverwaltung nutzte diese Potenziale entschlossen zur Bekämpfung der Krise. Dabei verfolgte die Stadtentwicklungspolitik v. a. zwei Ziele: Einerseits sollte der Bevölkerungsrückgang gestoppt werden. Andererseits ging es um eine gleichwertige Entwicklung der Gesamtstadt. Angestrebt wurde eine Stärkung aller Stadtteile, um ein Auseinanderdriften in begehrte Quartiere und soziale Brennpunkte zu vermeiden. Bei der Umsetzung dieser Strategie ging die Stadtverwaltung neue Wege: Sie nutzte die WIRO systematisch als wichtigstes Instrument der Stadtentwicklung: Die WIRO sanierte und errichtete Wohnungen, erschloss neue Baugebiete, betrieb soziale Einrichtungen, Sportplätze, Turnhallen und eine Schwimmhalle.

Die wichtigsten Schauplätze des Stadtumbaus waren naturgemäß die Großsiedlungen, die einen Großteil der Wohnungssubstanz ausmachten. Im Unterschied zu anderen ostdeutschen Städten, die flächenhafte Abrisse in den Großsiedlungen realisierten, setzte Rostock auf einen behutsamen Umbau und eine Aufwertung. Mit diesem Ziel wurde eine ganze Palette an Maßnahmen umgesetzt. Ein Baustein war der Umbau des undifferenzierten Wohnungsbestands, bei dem die Plattenbauten eine ungeahnte Flexibilität offenbarten: Innenwände konnten problemlos versetzt oder ganz beseitigt werden, aus Standardeinheiten wurden großzügige Wohnungen mit großen Küchen und Bädern. Schlecht erschlossene fünf- und sechsgeschossige Wohnblöcke, deren obere Geschosse schwer vermietbar waren, erhielten Aufzüge.

Soziale Mischung

Ein kleiner Teil der Wohnungen wurde sogar zu Luxusapartments für eine zahlungskräftige Kundschaft umgebaut. Ein spektakuläres Projekt war der Umbau der Wohnanlage »Rasmus« an der Knud-Rasmussen-Straße in Evershagen, der zwischen 2000 und 2002 durch das Rostocker Büro ArchitektenPartner realisiert wurde. Den Ausgangspunkt bildete ein 213 m langer Wohnriese mit 544 Wohnungen. Die Planer nutzten die Größe des Blocks, um ganz im Sinne Le Corbusiers eine »Stadt in der Stadt« mit Schwimmbad, Wellnessbereich, Conciergeservice und Ladenstraße zu gestalten. Auch hier wurden die Wohnungsgrundrisse verändert, bis hin zum Umbau in Maisonettewohnungen. Auf dem Dach entstanden Penthäuser mit großen Dachterrassen, die einen fantastischen Panoramablick bieten. Das Ergebnis waren 356 hochwertige Wohnungen, die schnell Mieter fanden. Andere Gebäude erfuhren nur eine einfache Sanierung, diese boten dann preisgünstige Mieten. Dank dieser Strategie ist es gelungen, in allen Stadtteilen eine Mischung aus preiswerten und teureren Wohnungen sowie eine entsprechende soziale Mischung zu verwirklichen.

Daneben wurden die Großsiedlungen um neue Wohnformen ergänzt. Zunächst musste die Stadt auf den Bedarf an Einfamilienhäusern reagieren. Da in der DDR kaum welche gebaut wurden, bestand nach 1990 eine große Nachfrage. Viele Häuslebauer wanderten in das Umland ab und erfüllten sich dort ihren Traum vom Eigenheim.

Auch in diesem Fall engagierte sich die WIRO, um die Bürger in der Stadt zu halten. Sie kaufte systematisch Flächen von insgesamt 540 ha auf und entwickelte sie zu Baugebieten. Die neuen Quartiere wurden allerdings nicht planlos über die Stadt verteilt, sondern als kompakte Einheiten im Anschluss an die Großsiedlungen errichtet, was sich bald als vorteilhaft für beide Seiten erwies: Die Einfamilienhausgebiete konnten die Infrastruktur der Großsiedlungen, wie Schulen und Kindergärten, nutzen. Und die Großsiedlungen gewannen eine größere Vielfalt an Wohnformen.

Eine Ergänzung erfuhren die Umbaumaßnahmen durch die Verbesserung der Infrastruktur. Seit 1998 wurden rund 14 km neue Straßenbahnstrecken gebaut, die Evershagen, Lütten Klein, Lichtenhagen und die Südstadt mit der Innenstadt verbinden. Als weitere Attraktionen entstanden zwischen Schmarl und Groß Klein der IGA-Park (2003, WES LandschaftsArchitektur, Hamburg) und die Hansemesse (2000-02, gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg). Beide Vorhaben wurden anlässlich der Internationalen Gartenbau-Ausstellung realisiert.

Die Südstadt dagegen profitierte vom Bau eines neuen Universitätscampus an der Albert-Einstein-Straße mit zahlreichen Neubauten. Nicht zuletzt hat die Stadt viel Geld in die Aufwertung der öffentlichen Räume investiert.

Ein besonders gelungenes Projekt ist der Umgang mit dem Lichtenhäger Brink, einem denkmalgeschützten Grünbereich der eine der Großwohnsiedlungen mit Beeten, Brunnen, Freizeitsportanlagen und Kunstwerken durchzieht. Er wurde zwischen 2015 und 2019 denkmalgerecht saniert und bildet einen wichtigen Treffpunkt im Stadtteil Lichtenhagen.

Daneben hat Rostock eine erfolgreiche Wirtschaftsförderung betrieben. Der Überseehafen wurde zu einem leistungsfähigen Universalhafen umgebaut. Der Warenumschlag steigt seit 1995 wieder an, derzeit liegt er mit rund 26 Mio. t pro Jahr über jenem Niveau zu Zeiten der DDR. In der Nähe des Überseehafens konnten neue Betriebe, wie der Windkraftanlagenbauer Nordex, der Baumaschinenproduzent Caterpillar und der Baggerhersteller Liebherr, angesiedelt werden. Dank dieser Bemühungen ist es tatsächlich gelungen, den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. Seit 2003 verzeichnet die Stadt steigende Einwohnerzahlen und kommt mittlerweile wieder auf 208 000.

Innenentwicklung

Dieses Wachstum führt zu ganz neuen Herausforderungen. So ist in den letzten Jahren die Nachfrage nach Mietwohnungen gestiegen. Dieser Bedarf wird z. T. durch die Erweiterung bestehender Siedlungen gedeckt. Ein Beispiel ist ein Neubauprojekt der WIRO am Fritz-Meyer-Scharffenberg-Weg in Groß Klein (s. Bild 6, 2013-15, Bastmann + Zavracky Architekten, Rostock). Noch wichtiger ist die Revitalisierung von Industriebrachen z. B. im Petriviertel. Auf dem 15 ha großen Gelände östlich der Altstadt entstehen seit 2011 rund 600 Wohnungen. Als Entwicklungsträger fungiert die kommunale Sanierungsgesellschaft RGS, eine Tochtergesellschaft der WIRO. Auch hier wird eine Mischung aus genossenschaftlichen und privaten Wohnungen verwirklicht, die eine soziale Mischung sichern soll. Bereits fertiggestellt sind die Wohnanlagen der Wohnungsgenossenschaft Warnow (s. Bild 8, 2013-15, Lankes Koengeter Architekten, Berlin, und MPP, Rostock) und der Baugenossenschaft Neptun (2017-19, A-Quadrat Architekten + Ingenieure, Hamburg).

Derzeit versucht die Stadt, unter Bürgerbeteiligung die finanziell noch wacklige und in ihrer Sinnhaftigkeit stark angezweifelte BUGA 2025 in trockene Tücher zu bekommen. In ihrem Fahrwasser sollen innerstädtische Uferbereiche weiter erschlossen und durch eine Fußgängerbrücke über die Warnow hinweg mit den gegenüberliegenden Grünflächen verbunden werden, in der Diskussion stehen zudem Neubauten für das Archäologische Landesmuseum und eine Markthalle.

Parallel soll endlich ein lang gehegter Traum in Erfüllung gehen: Der Neubau des Volkstheaters an prominenter Stelle am Bussebart steht schon seit über 60 Jahren auf der Wunschliste, immer wieder musste das Vorhaben wegen finanzieller Probleme verschoben werden. Voriges Jahr wurde ein Realisierungswettbewerb durchgeführt, den das Berliner Büro Hascher Jehle Assoziierte für sich entscheiden konnte. Die Planer schlagen ein geschwungenes Gebäude mit einem begehbaren Bühnenturm vor. Wenn alles nach Plan läuft und die Wettbewerbssieger den Kostendeckel von 110 Mio. Euro einhalten, könnte sich 2026 vielleicht schon der Vorhang heben.
Die Chancen stehen gut, dass die Rostocker Erfolgsgeschichte auch künftig weitergeht.

~Der Autor ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Architektur, Stadtentwicklung und Denkmalpflege. Er lebt in Berlin.