Foto: Paul Zsolnay Verlag / Lukas Beck

Friedrich Achleitner (1930-2019)

Als sich im Jahr 2008 die Gespräche im Kuratorium der Schelling Architekturstiftung unter dem Thema der Nachhaltigkeit auf Fragen der Materialität, Präzision und auch der »Handwerklichkeit« im Bauen zu konzentrieren begannen, war die Entscheidung für den Theoriepreis vorgezeichnet: In der Präzision, Souveränität und Gelassenheit der Texte steht das literarische Werk Friedrich Achleitners abseits aller Aufgeregtheiten der aktuellen Architekturdiskurse – und wirkte doch in sie hinein als Instanz und als Maßstab, inzwischen seit einem halben Jahrhundert.

Theorie und Baupraxis

1958 hatte sich Friedrich Achleitner als gelernter Architekt zwar nicht gegen diese Profession, aber gegen ihre Berufspraxis entschieden, um das nicht minder schwierige Leben eines freien Schriftstellers zu beginnen, was auch seinem Naturell geschuldet sein mag, da er sich selbst eher als »Nachtarbeiter« und nicht als Frühaufsteher verstand. Wehe dem, der beides sein muss. Diese andere Wirklichkeit der Baupraxis war ihm damals schon wohlbekannt. Nach dem Diplom bei Clemens Holzmeister 1953 war er freischaffender Architekt in Arbeitsgemeinschaft mit Johann Georg Gsteu, geriet aber bald in den Kreis um H. C. Artmann und Gerhard Rühm, gründete mit ihnen das Literarische Kabarett, wechselte seinen Beruf und wurde Mitglied in der später legendären Literatenvereinigung Die Wiener Gruppe.

Seit dieser Zeit publizierte er, zunächst nur nebenbei, kritische Berichte zur Architektur, seine Kolumne »Bausünden« in der Wiener Abendzeitung blieb bis heute einmalig. Erstmalig war zudem die regelmäßig aktuelle Architekturkritik, die über ein Jahrzehnt in der Samstagsausgabe der Tageszeitung Die Presse erschien. Ein Doppelleben hinterließ seine Spuren. Seine Poesie gewann frappierende Anschaulichkeit: Im »Quadratroman« verdichtete er Anfang der 70er Jahre typographische Studien zu einprägsamen Bildern – und seine Texte zur Architektur gewannen eine literarische Präzision, in der kein Punkt oder Komma zuviel, kein Und oder Oder überflüssig erscheint.

Sprache ist nicht bloß Instrument der Beschreibung, sondern ein Medium der Welterfahrung sui generis, in seiner Eigenlogik stets neu zu erproben, auch, um immer wieder durch Ironie und Skepsis Distanz gewinnen zu können gegenüber der oft allzu selbstverständlichen, bedrängenden Wirklichkeit, gegenüber der die Sprache ein eigenes Leben zu entfalten und zur Selbstvergewisserung in den Absurditäten des Alltags beizutragen vermag.

Dazu ein Beispiel der für Achleitner typischen Selbstreflexion, konsequent in egalitärer Kleinschreibung der Substantive geschildert an der Begegnung von Punkt und Komma: »zwischen beiden ein verhältnis zu stiften, fällt schwer. der punkt, im bewusstsein seiner endgültigkeit, hat keinen sinn für das launische komma, das im deutschen so despektierlich beistrich genannt wird. schon die unsicherheit, wo dieses komma anzutreffen sei, würde den punkt zum wahnsinn treiben. lass mich in ruhe mit diesem komma, diesem punkt mit dem ausrutscher, diesem abweichling, der sich zu keinem einzigen ende entscheiden kann, zu keinem punktum und basta. aber so ein partner müsste für dich doch interessant sein in deiner ausweglosen endgültigkeit, versuchte ich einzuwenden, so einer, dem immer noch etwas einfällt, der immer noch eine möglichkeit offen hat, hinter dem immer noch was nachkommt.« So einer war Achleitner auch, dem immer noch etwas einfiel, eher Komma als Punkt. Bei ihm kam immer noch was nach, aber er setzte manchen Punkt, oft als Pointe, selten als Basta.

Kritik

Solche Sprachspiele spiegeln sich in besonderer Weise auch in der lapidaren Poesie seiner Texte zur Architektur, in der Disziplin der Worte und der Präzision der Kritik, die zugleich von seiner Erfahrung als Architekt, von intimer Kenntnis der Akteure und der Bedingungen ihrer Praxis geprägt ist, doch überwölbt von einem Kosmos der Literatur, insbesondere der österreichischen, in der sich die Genauigkeit Wittgensteins mit der Ironie eines Karl Kraus und der melancholischen Menschenfreundlichkeit von Joseph Roth verbindet.

So ist seine Kritik nie verletzend – oder gar vernichtend polemisch, sondern auf Anregung und Weiterdenken hin angelegt. In stets freundlicher Bescheidenheit war Friedrich Achleitner nicht nur Chronist, Kritiker und Theoretiker der Architektur, sondern mit wachsendem Einfluss auf Entscheidungsprozesse auch zum Förderer, zum Ermöglicher riskanter Projekte geworden. Nicht nur durch sein schriftliches Werk, sondern auch durch seine persönlich engagierten Einmischungen und politischen Interventionen war er eine weit über Österreichs Grenzen hinaus wirksame Instanz, die nicht zufällig – etwas pathetisch – als das »Gewissen der Architektur« bezeichnet wurde. Aus dem breiten Spektrum seiner Schriften zwischen Stellungnahmen zur Baupolitik bis hin zur Theorie des Regionalismus ist v. a. seine kontinuierliche Arbeit am Führer zur österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert hervorzuheben, der seit 1980 in Einzelbänden erschien und über Jahrzehnte vor allem die oft übersehene Qualität der unauffällig alltäglichen Bauten ins öffentliche Bewusstsein hebt.

Sammeln, Sichten, Aufklären

Über Jahrzehnte hat er einen schier unendlichen Materialbestand an Plänen, Fotografien und Publikationen in seinem Archiv gesammelt, das er zu seinem 70. Geburtstag der Stadt Wien übergeben und über das Architekturzentrum Wien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Anders als andere hat er seine Sammlung nie als Machtbasis und persönlichen Besitz begriffen, sondern als Beitrag zu einer gleichsam volkspädagogisch wirksamen Aufklärung über Baukultur.

Sein Anliegen war der Appell an das Bewusstsein der Verantwortung aller für die Qualität des Bauens, nicht die Verklärung der Säulenheiligen der Architektur. Mit seinem Hauptwerk zur Baugeschichte in Österreich hat er, als Vorbild für andere Länder, eine Herkulesarbeit geleistet, jeden Tag mit wachem Blick auf seine Umgebung, die er meisterhaft mal in literarischen Skizzen, mal in Lob oder Kritik des Gebauten porträtiert.

Ohne jede Eitelkeit ist er zum Anwalt eines besseren Bauens, einer wahrhaft menschenfreundlich gestalteten Umwelt geworden, auch wenn er sehr wohl die Dilemmata des Entwerfens unter den Bedingungen einer profitorientierten Bauwirtschaft kannte. Und vielleicht hat er daher beiläufig in einer seiner Einschlafgeschichten ein ironisches Selbstportrait versteckt, mit Hinweis auf seine Profession als lebensprägende Leidenschaft: »servus herkules. schon lange nicht gesehen. wie geht es dir? oh danke. was treibst du immer? du weisst ja, ich werfe säulen um. ich meine in der freizeit, am abend, zum vergnügen? auch da werfe ich säulen um. und was machst du im sommer, im urlaub? ach, da fahr ich nach griechenland, säulen umwerfen.«

~Werner Durth

Dieser Text ist eine leicht aktualisierte Fassung der Laudatio von Werner Durth auf Friedrich Achleitner anlässlich der Verleihung des Schelling Architekturtheoriepreises im Jahr 2008.