Realisierungswettbewerb Jacob und Wilhelm Grimm-Zentrum, Berlin

Ein Monument der Ära Stimmann

Seit mehr als einhundert Jahren wartet die heutige Humboldt-Universität in Berlin auf ihre neue Bibliothek, immer noch logiert sie als Untermieterin in der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden. Nun ist der Wettbewerb entschieden: Der aus der Schweiz stammende, in Berlin aber wohlverankerte Architekt Max Dudler hat gewonnen. Fast 280 Arbeiten wurden eingereicht, mehr als zwei Drittel davon kamen nicht aus Berlin. Endlich wieder einmal ein offener Wettbewerb, dachte mancher wohl. Und der Ort lockte: Die Museumsinsel ist nahe, die Stadtbahntrasse mit den Zügen von Moskau nach Paris geht direkt an dem Bibliotheksgrundstück vorbei. Das fordert flamboyante Architektur geradezu heraus – angesichts der alten Staatsbibliothek Ernst von Ihnes und der neuen Hans Scharouns, der Amerika-Gedenk-Bibliothek, deren fünfzigster Geburtstag jüngst in Anwesenheit des Architekten Fritz Bornemann gefeiert werden konnte. Noch höher liegt die Messlatte im weltweiten Vergleich; das durchaus kritische neue Buch »Bibliothèques. Architectures 1995 – 2005«¹ zeigt dies mit Bibliotheksbauten zwischen Alexandria und Kopenhagen, Sendai, Delft und Seattle.

Doch der Wettbewerb für den Neubau ging berlinisch-steinern aus: Von zwölf Preisen, Ankäufen und Belobigungen blieben neun in Berlin (darunter die ersten drei Preise), und eine im Berliner Vorort Kleinmachnow. Alle organisch, dekonstruktiv, technisch oder sonstwie alternativ erscheinenden Beiträge wurden ausjuriert, soweit sie überhaupt eingereicht worden waren. Kein Perrault, Ito, Koolhaas hatte teilgenommen. Solchen Kräften war mit dem ersten Blick auf die Jury klar, dass sie keine Chance hatten. Senatsbaudirektor Hans Stimmann und Manfred Ortner, dessen kantige, verschlossene Dresdner Landesbibliothek umstritten genannt werden darf, garantierten dafür. Die Berliner Architekten Volker Staab und Antje Freiesleben waren da kein politisches Gegengewicht. Und schon gar nicht die Vertreter der Universität. Schließlich weiß man als Bauherr in Berlin, dass die Senatsbauverwaltung jeden Entwurf, auf den sie Einfluss nehmen kann, seit 15 Jahren so lange zurechtfeilt, bis er in ihre Kantenideologie hineinpasst; man erinnere sich an das Ludwig-Erhard-Haus von Grimshaw an der Fasanenstraße.
Die wenigen Ausnahmen vom Kistenschema, wie etwa die Arbeit aus dem Büro Helmut Jahns, waren, milde gesagt, unausgereift, andere rein formalistische Kopien etwa des MVDRV-Pavillons in Hannover oder irgendwie zaha-hadidisch gebogen.
Insofern war der Wettbewerb trotz der großen Reichweite doch eine lokale Angelegenheit – ein schlechtes Zeichen für die Architekturpolitik Berlins, das sich doch als Ort des Neuen verkaufen will.
Dass der Wettbewerb fast ausschließlich »Kisten« hervorbrachte, ist allerdings nicht nur eine Folge der ästhetischen Überzeugungen in der Jury. Es gab auch ein überladenes Programm zu erfüllen: Auf dem nur knapp 6700 Quadratmeter großen Grundstück soll ein Bau mit fast 35000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen. 600000 Bände werden im Freihandbereich und 2,2 Millionen im Freihandmagazin stehen.
Die Bibliothek soll künftig das Zentrum der geisteswissenschaftlichen Institute und der Computertechnik der Universität werden.
Dudler gewann mit einem streng kantigen Haus, dessen niedrigerer Seitenteil an die historistische Bebauung der Geschwister-Scholl-Straße nahe der Museumsinsel anschließt. Der Hauptbau tritt zu Gunsten eines schmalen Passagenplatzes entlang der Stadtbahntrasse etwas zurück. Seine zehn Geschosse werden von übergreifenden Fassadenstäben optisch zu fünf zusammengefasst.
Den zweiten Preis erhielten Jaklin Tenbohlen Welp mit einem Entwurf, der Dudlers Härte mit einer gewaltigen Ziegelfassade und einem bis auf eine Art Laternendach verschlossenen Lesesaal noch übertrifft. Längs wird der Baukörper durchstochen von einer Passage, die aber nur ziellos von einer zur anderen Nebenstraße führt – das ist blanker Formalismus, ähnlich wie die Idee, dass in diese Passage noch Oberlicht aus dem darüber angeordneten Lesesaal fallen könnte. Der dritte Preis ging an das Büro von Thomas Müller und Ivan Reimann. Anstelle eines Monumentalbaus komponierten sie eine Anlage aus verschränkten Quadern, die sich sinnvoll zu einem kleinen Vorplatz Richtung Universität hin öffnen.
Dudler, einst Mitarbeiter von Oswald M. Ungers, hat wie dieser eine Leidenschaft für geometrische Grundformen. Auch sein Bibliotheksentwurf ist davon geprägt, vor allem der allgegenwärtige, schmal und steil proportionierte Lesesaal, umgeben von Pfeilergängen, durchläuft er einmal längs den Bau. Zur Mitte hin senken sich Innenterrassen, auf denen die Tische der Leser stehen. Ein gewaltiges Kassetten-Oberlicht zeigt auf den Planzeichnungen den Blick zum Himmel. Fraglich ist, ob dies Dach in der Ausführung so transparent bleibt. Auch wird das Licht des nach Norden orientierten Raumes, der gegen Süden vom hohen Magazintrakt abgeschirmt wird, niemals so lebendig-orangefarbig sein wie in der Perspektive, sondern eher kühl-blau. Über die Nutzung der Dächer etwa zur Stromgewinnung ist übrigens bislang nicht nachgedacht worden, so wie überhaupt ökologische Themen bis auf Standardantworten wie Platzverbrauch oder Materialauswahl im Wettbewerb keine Rolle spielten.
Wie in Ortners Dresdner Landesbibliothek wird hier (und in den meisten anderen Arbeiten) also ein introvertierter Lesesaal geplant. Man fragt sich, ob Architekten, die solche Säle entwerfen, jemals über längere Zeit hinweg in Bibliotheken gearbeitet haben. Die Vorstellung, Lesen sei eine Dauermeditation, die man am besten in völliger Abgeschlossenheit vollbringe, ist Zeichentischutopie, die geistiges Lernen als Last begreift, nicht als Lust, als schwere Arbeit, nicht als Befreiung oder gar Erheiterung.
Von den Preisträgern weichen nur Müller Reimann von diesem Schema ab. Auch sie schließen ihren Bau mit niedrigeren Flügeln an die vorhandenen Gründerzeithäuser an, auch bei ihnen ist die von Betonstäben geprägte Fassade nicht frei von Härte. Doch Müller Reimann gönnen den meisten Lesern direkte Blicke entweder auf grüne Bäume und Kunstwerke in einem hoch gelegenen und daher hellen Innenhof – vergleichbar etwa dem idyllischen Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie – oder durch große Fenster auf die Stadt. Selbst die Computer-Arbeitsplätze, die Dudler unter den Leserterrassen versteckt und die dort Kunstlicht brauchen werden, erhalten bei Müller Reimann indirektes, die Augen schonendes Naturlicht. Ein üppiges Foyer erlaubt Schweifen und Wandeln, ein Café öffnet sich zur Promenade an der Stadtbahn. Dieser Entwurf tritt nicht so streng und radikal-hart auf wie die ersten beiden Preisträger, ist nicht so sehr autonome Architektur-Kunst. Deswegen hat er wohl nicht bei der Jury reüssiert. Doch er ist eine leser- und lebensfreundliche Alternative, die vor einer Bauentscheidung diskutiert werden muss. Nikolaus Bernau
Der Autor ist freier Architekturkritiker und Publizist.
Unter www.competitionline.de sind die 22 Wettbewerbsarbeiten der letzten Runden einzusehen.
¹ Aldo de Poli, Bibliothèques. Architectures 1995 –2005, Actes Sud/Motta-Verlag, Paris, 2004, 278 S., 88,50 Euro, nur in italienischer und französischer Sprache