Die Denkmalpflege tut ihre Arbeit nicht

Immerhin 38 Neueintragungen kann Berlin laut dem Landesdenkmalamt für 2012 auf seiner Denkmalliste verzeichnen. Und mit 2,5 Mio. Euro Fördermitteln ist Berlin zwar nicht gerade üppig aufgestellt, aber doch auf

~Jürgen Tietz

einem besseren Weg als Nordrhein-Westfalen. Dort droht den knapp 100 000 Denkmalen des Landes ab 2015 nach Plänen der rot-grünen Landesregierung gar das Ende der Denkmalförderung. Kulturstaatsminister Bernd Neumann sieht in der geplanten Streichung eine »kulturpolitische Bankrotterklärung«. Das gäbe ein schlechtes Signal für andere Bundesländer. Recht hat er. Doch das Lamento über die Rahmenbedingungen, unter denen Erforschung und Erhaltung des kulturellen Erbes andernorts stattfinden, darf nicht davon ablenken, dass auch in Berlin nicht alles gut ist. Dort gibt es Denkmalprobleme, die hausgemacht sind. So befinden sich nach Auskunft des Landesdenkmalamts (LDA) die meisten Neueintragungen auf der Denkmalliste in Nikolassee und Wannsee. Warum? Über diese Ortsteile erschien just ein neuer Band der Denkmaltopographie Berlin. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wo nicht gerade eine Denkmaltopographie erarbeitet wird, bestehen für Denkmale kaum Chancen, neu erfasst zu werden. Doch auch im Umgang mit den bereits im öffentlichen Auftrag und Interesse schutzbefohlenen Zeugnissen der Vergangenheit wird das Klassenziel nicht immer erreicht. Beispiel Staatsbibliothek Unter den Linden. Gleich zwei Mitglieder des Berliner Landesdenkmalrats, der Journalist Nikolaus Bernau und der Schweizer Denkmalpfleger Bernhard Furrer, haben sich jüngst publizistisch für die Erhaltung der DDR-zeitlichen Lesesäle eingesetzt. Vielleicht weil die Berliner Verwaltung und die Politik sonst nicht auf das fachliche Votum des von ihr selbst berufenen, hochkarätig besetzten Gremiums hört? Das LDA jedenfalls hatte den Denkmalwert der Bibliotheksräume von 1967/68 nicht erkannt. Die Zeitschicht der Nachkriegsmoderne aus der DDR wurde zugunsten des Konzepts Ernst von Ihnes von 1914 preisgegeben. Ein differenzierter denkmalpflegerischer Umgang mit Zeitschichten sieht anders aus.
Leider handelt es sich bei der Staabi nicht um einen Einzelfall. Auch am Pergamonmuseum hat das LDA massiven Zerstörungen in der Denkmalsubstanz der Seitenflügel zugestimmt. Nach der langwierigen Diskussion um die Platzierung der Mschatta-Fassade (s. db 5/2011, S. 3), die erst von Mitgliedern des Landesdenkmalrats angestoßen wurde und nicht von der Fachbehörde, ist nun die Denkmalsubstanz der Kopfbauten des Hauses im Bereich der neuen Erschließung gefährdet. Hier wird künftig der vierte Museumsflügel entlang des Kupfergrabens andocken. Auch dies erfolgt mit dem Segen der Denkmalpflege, die den Entwurf von Oswald Mathias Ungers aus dem Jahr 2000 befürwortete, um eine Überdachung des Ehrenhofs des Museums zu verhindern. Doch genügt eine solche denkmalpflegerische Position tatsächlich den internationalen Standards im Welterbe? Wie ein angemessener Umgang mit dem Welterbe aussehen kann, das hat David Chipperfield gleich nebenan am Neuen Museum vorbildlich gezeigt. Paris, übernehmen Sie! Es ist allerhöchste Zeit, dass das Welterbebüro der UNESCO an der Seine endlich einen kritischen Blick auf das wilde Denkmaltreiben an der Spree wirft. Berlins Landeskonservator Jörg Haspel amtiert übrigens seit jüngstem als Präsident von ICOMOS Deutschland. Dieser internationale Rat für Denkmalpflege ist als Unterorganisation der UNESCO u. a. als Berater und Gutachter in Fragen des Welterbes aktiv.
Wie ein Treppenwitz der Denkmalgeschichte mutet es an, dass ausgerechnet O.M. Ungers an anderer Stelle keine Gnade vor den Augen der Berliner Denkmalpflege fand. Bei seinen IBA-Wohnbauten am Lützowplatz sah das LDA keine Hinweise auf eine mögliche Denkmalwürdigkeit und verzichtete auf eine weitere Untersuchung, wie Haspel einräumt. Nun sind die Häuser am Lützowplatz weg. Dabei brachten die Ungers-Bauten mit quadratischen Fenstern, Satteldach und Mietergärten nicht nur eine postmoderne Idylle ins West-Berliner Zentrum, mit ihnen wurde auch eine wichtige städtebauliche Stellungnahme der 80er Jahre zum Thema sozialverträgliches verdichtetes Wohnen in der Innenstadt formuliert.
Dass man selbst gegen massive politische Widerstände ein fachliches Urteil durchsetzen kann, könnte Berlin von anderen Bundesländern lernen. Längst steht das Aachener Klinikum als High-Tech-Architektur unter Schutz (und ist dennoch weiter in Betrieb) ebenso wie das Münchner Olympiastadion. In Berlin allerdings freut man sich schon, wenn wenigstens ein bisschen Abrissdruck vom ICC weicht. An eine Unterschutzstellung mag man gar nicht erst denken.
Während auf der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden derzeit – im übertragenen Sinne – das Stück »Der Gott des Denkmalgemetzels« gegeben wird und kaum ein Stein auf dem anderen bleibt, wird man bei der anstehenden Wiedereröffnung des Bikinihauses am Breitscheidplatz vermutlich den Horrorstreifen »Die entleibten 50er Jahre« sehen. Also schnell auf, um sich mit der Sakristei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Innern der St. Hedwigs Kathedrale in Mitte die nächsten akut gefährdeten Denkmale der Hauptstadt vor ihrer drohenden Zerstörung noch einmal anzuschauen!
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.