Auch das Volk irrt, wenn man es vor die falsche Wahl stellt

Fortsetzung Titel Architekten und Ingenieure inszenieren des Volkes Leben in der polis – und handeln damit politisch. In der Aristokratie

bestimmte der herrschaftliche Wille diese Inszenierung. In der Demokratie bestimmt diese das Wahlvolk, indirekt mittels Parlamentariern, direkt mittels Plebiszit. Im Streit um die Bewahrung des Weltkulturerbes in Gestalt der Elbauen-Stadtlandschaft Dresdens hat das Plebiszit einen Brückenschlag quer über die freie Elbaue am Waldschlösschen entschieden.

Dem bekannten ADAC-Motto »Freie Fahrt für freie Bürger« folgend, schlug das ungeduldige Volk die Androhung der UNESCO, Dresden das Prädikat »Weltkulturerbe« zu entziehen, in den Wind. Die Fragesteller hatten es gezielt nicht darüber aufgeklärt, dass für den die Elbaue querenden Verkehr nicht nur die sichtbar störende Überbrückung, sondern auch eine in Schubladen versteckte unsichtbare Untertunnelung möglich sei.
Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hat sich allein darauf beschränkt, die verfahrensgemäße Rechtsverbindlichkeit des missgeleiteten Volksbegehrens zu bestätigen und soeben hat dies das Bundesverfassungsgericht wiederholt: »Fiat vox populi, pereat mundus«, was bedeutet, der Wille des Volkes geschehe, auch wenn seine gewählte Mehrheit im Stadtrat dies für Blödsinn hält, die UNESCO düpiert wird und der Kompromissvorschlag des Bundesverkehrsministers Tiefensee, die (Mehr-)Kosten eines Elbtunnels zu bezahlen, verschenkt wird.
Architekten und Ingenieure sind keine freien Künstler, sondern geübt, in den Ketten vorgegebener Sachzwänge zu tanzen – möglichst unbeschwert und schön.
27 Brückenentwerfer erkannten beim ersten Wettbewerb 2003 die angeblichen Sachzwänge für den Brückenschlag gutgläubig an, auch ich als Vorsitzender des damaligen Preisgerichts. Auch das Preisgericht nahm dessen vorgegebene Unabänderlichkeit hin und beschloss angesichts des Zielkonfliktes zwischen Verkehrsnotwendigkeit und Landschaftsschutz einen Kompromiss. Es wählte zur Ausführung nicht eines der angebotenen und prätentiösen Ingenieurskunstbauwerke im Geiste des »Blauen Wunders« von 1902 bei Loschwitz, sondern eine bescheidener gestelzte Straße über den Auewiesen und eine niedrigere Bogenbrücke und empfahl deren optische Minimierung.
Als die UNESCO später das Weltkulturerbe deklarierte, war sie hiervon nicht richtig ins Bild gesetzt. Als sie sich 2007 schließlich – wie zuvor schon in Potsdam und Köln –, ultimativ diesem Brückenbau verweigerte, wurde zu einem zweiten Blitzwettbewerb eingeladen, um die beunruhigten internationalen Kulturwächter zu besänftigen. Wieder haben sieben Brückenbauer den Sachzwang zum Brückenschlag anerkannt, gutgläubig der Zu- sicherung trauend, auch alternative Tunnelprojekte würden ausgewertet. Wie Calatrava und Norman Foster habe auch ich zweifelnd den Auftrag abgelehnt. Wir meinten, keine Brücke sei die bessere Lösung.
Für mich persönlich kam noch berufliche Hygiene hinzu. Ich wollte mich als ehemaliger Preisrichter nicht auch noch als Wettbewerbsteilnehmer kompromittieren lassen.
Aber ich habe Pläne für die technische Machbarkeit des Tunnels außer Konkurrenz eingereicht. In Dresdens Partnerstadt Hamburg sind immerhin drei Elbtunnel mit vielfacher Länge, bei vollem Hafenverkehr, schwierigeren Bodenverhältnissen und unterschiedlichen Baumethoden realisiert worden. Das wäre in Dresden viel einfacher, zumal ohnehin schon ein wesentlicher Straßenabschnitt in Tunnellage gebaut werden soll.
Die Zusatzfinanzierung wäre ministeriell durch den Bund gesichert, die Neuauflage des Planfeststellungsverfahrens für Tunnel statt Brücke brächte nur einen Verzug von ein bis zwei Jahren; angesichts des durch die fertigen Autobahnum-gehungen entlasteten Stadtverkehrs durchaus hinnehmbar.
Die politische Verantwortung, die Würde und die Bürde des Weltkulturerbes zu tragen, liegt jetzt bei denjenigen im Stadtrat, die über die bestehende einfache Mehrheit hinaus die nötige Zweidrittel-Mehrheit für einen Beschluss verhindern, der ein weitergehendes Volksbegehren zur Frage Tunnel oder Brücke initiiert. Dann würde das Volk, vor die richtige Frage gestellt, sich nicht mehr irren.
~Volkwin Marg, gmp Architekten