Wohnturmexperimente in Manhattan

Architektur des Exzentrischen

New York City erlebte in den letzten Jahren die Rückkehr des Wohnens nach Manhattan. Man warb mit großen Architektennamen, enormen Gebäudehöhen und spektakulären Gesten um zahlungskräftige Kundschaft. Durch die Immobilienkrise erhielt das durchgestylte Wohnen in der vertikalen Stadt ab 2007 einen Dämpfer, die zwischenzeitlich fertiggestellten Häuser sind Ausdruck einer bereits vergangenen Zeit.

~Carsten Krohn

Die Bedeutung Manhattans als Wohnstadt nahm in den letzten 100 Jahren rapide ab. Allein zwischen 1910 und 1980 hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert. Zwar wächst die Bevölkerung Manhattans seit 30 Jahren wieder, doch ist diese Entwicklung mit massiven Verdrängungsprozessen verbunden. Eine beschleunigte Gentrifizierung hat New York zwar zur sichersten Großstadt der USA gemacht – aus diesem Grund leben hier heute mehr Frauen als Männer –, doch sie hat auch zu dramatischen Problemen für sehr viele Mieter geführt. Es war das größte Immobiliengeschäft aller Zeiten, als das Unternehmen Tishman Speyer vor vier Jahren den größten Sozialbaukomplex der Stadt, Stuyvesant Town mit 25 000 Bewohnern, für 5,4 Mrd. US-Dollar kaufte. Mit rabiaten Methoden ist man gegen alteingesessene Bewohner vorgegangen. Doch wenig später wurde der Wert der Anlage auf nur noch ein Drittel geschätzt, und das Unternehmen musste die Bauten den Gläubigern überlassen.
Die Zeit der Wiederaufbauplanung von Ground Zero wurde nicht nur von einem beispiellosen Spekulationswahn begleitet, sondern auch von einem unverhofften Architekturboom. Die Stadt öffnete sich für europäische und japanische Architekten und plötzlich war auch architektonische Qualität gefragt. Noch in den 90er Jahren hatte die Ansicht dominiert, dass Manhattan im Prinzip fertiggebaut sei. Den Immobiliengiganten der Stadt war es lange erfolgreich gelungen, ihr Revier gegen Eindringlinge zu verteidigen. Doch dann war ein neues Phänomen zu beobachten: Plötzlich stießen »Avantgarde«-Positionen hier auf fruchtbaren Boden, die internationale Stararchitektenriege befasste sich mit dem Wohnungsbau. Zum Zeitpunkt, als die Bank Lehman Brothers vor drei Jahren zusammenbrach, übertrumpften sich die New Yorker Bauvorhaben an Ausgefallenheit. Ein regelrechter Wettbewerb um die ungewöhnlichsten Formen war entbrannt, denn plötzlich versprach Architektur, sich als Kunstform vermarkten zu lassen.
New York war gerade im Begriff, sich als spektakuläre Wohnstadt neu zu erfinden, als 2009 schließlich der Baustopp eines Apartmenthochhauses des Architekten Frank Gehry – dem höchsten Wohnbau der westlichen Welt – verkündet wurde. Während sich die ökonomischen Erschütterungen weltweit auswirkten, wurden viele Projekte auf Eis gelegt.
Die zwischenzeitlich fertiggestellten Bauwerke wurden – Ironie des Schicksals – zu Zeugnissen einer bereits vergangenen Zeit. Und es geht weiter: Der Architekturblog »Curbed«, der die bauliche Entwicklung der Stadt dokumentiert, präsentierte kürzlich ein Rendering eines äußerst banal gestalteten Apartmenthauses an jenem Ort, für den Ben van Berkel einst einen ausgefallenen Entwurf lieferte. Auch wenn sich Wohnungen nicht mehr so gut verkaufen lassen wie noch vor ein paar Jahren, haben sich die Investoren des Gehry-Baus zu einer Fertigstellung durchgerungen, und auch andere ältere Vorhaben wurden nun wieder neu in der Öffentlichkeit präsentiert. Der Investor von zwei der spektakulärsten Projekte von Herzog & de Meuron und Jean Nouvel hat erklärt, mit dem Bau beginnen zu wollen. Während die Schweizer Architekten Wohnungen auf eine virtuos anmutende Art übereinanderstapeln, sodass sie sich unterschiedlich überlappen und Terrassen bilden, soll Nouvels MoMA Tower, mit einer Glashaut überzogen, wie ein Zacken aus der Skyline ragen. Trotz der gestalterischen Unterschiede, verbindet diese Projekte, dass sie sich deutlich von der Gleichförmigkeit der üblichen Fassadenraster abgrenzen. Während sich die New Yorker Wohnbauten sonst in die Textur der Stadt einfügen und sich in ihrer Anonymität dieser vollkommen unterordnen, streben die neuesten Stararchitekturen nach dem Gegenteil. So wie ein Kunstwerk erst durch die Eigenschaft als Unikat seinen Wert erhält, wird auch in der Vermarktung der Wohnungen eine Exklusivität herausgestellt. So werben die Investoren mit der Devise: Bewohnen Sie ein Kunstwerk!
Le Corbusiers Konzept eines Wohnhochhauses, das neben Wohnungen auch eine interne Ladenstraße, ein Restaurant, Kindergarten und eine Turnhalle auf dem Dach beinhaltet, erlebt gerade eine Renaissance. Schon in den frühen New Yorker Hochhäusern waren unterschiedliche Funktionen übereinandergestapelt, im Downtown Athletic Club (1930) waren es Fitnessstudios, Squashfelder, ein Schwimmbad, Gastronomie und sogar ein Golfplatz, kombiniert mit Minimalwohnungen als reine Schlafkabinen. Dieses Konzept einer Minimierung der privaten zugunsten einer Maximierung der kollektiven Räume, das Le Corbusier sogar innerhalb der einzelnen Wohnungen seiner Unité d’habitation umgesetzt hat, prägt auch die gegenwärtigen Vermarktungsstrategien. Seine Vision hatte nichts Geringeres als eine Veränderung der Gesellschaft zum Ziel. Die extravaganten Wohntürme mit ihren exklusiven Gemeinschaftseinrichtungen bedienen dagegen heute lediglich das oberste Luxussegment des Immobilienmarkts.
Die Bauten sind Ausdruck sowie Katalysatoren der Gentrifizierung, der gesellschaftlichen Umstrukturierung der Stadt. Bezeichnenderweise wachsen sie an jenen zentral gelegenen Orten empor, die für das luxuriöse Wohnen bisher unerschlossen blieben. Die Gebäude zeichnen sich durch eine extreme Offenheit aus. Am radikalsten hat der Japaner Shigeru Ban diese Offenheit inszeniert. Die großflächigen Verglasungen lassen sich wie Garagentore komplett hochfahren, sodass ein vollkommen offenes Wohnregal entsteht. Im Falle des Gehry-Turms ist die Fassade wie ein Falten werfendes Gewand gestaltet, das unzählige Bay-Windows erzeugt. Die exzentrische Geste begründet der Architekt nicht formal, sondern mit dem Erlebnis des Herausschauens, des unmittelbar in das Panorama der Stadt Eintauchens. Es präsentiert sich nicht nur die Skyline wie ein gerahmtes Bild, sondern auch der Bewohner selbst wie in einem Schaufenster. Dadurch dokumentiert der Bau aber auch den eigenen Leerstand. Denn selbst wenn sämtliche Wohnungen verkauft sein sollten, wird eine gewisse Leere zurückbleiben, da diese Bewohnerschicht in der Regel eine ganze Reihe von Immobilien besitzt, und viele Manhattan eben nur als Zweit- oder Drittwohnsitz nutzen. •