IJdock in Amsterdam (NL)

Insel ohne Ufer

Die Stadtplaner wollten nicht länger die bestehenden Uferlagen mit weiteren, vergleichsweise niedrigen Häusern verbauen, sondern konzentrierten die Flächen für Büros, Wohnungen und ein Hotel auf einer vorgelagerten Insel. Die Formen des skulpturalen Gebäudekomplexes sind von Sichtachsen und dem Wunsch nach städtebaulicher Kompaktheit bestimmt. Von der unter Sicherheitsaspekten kaum besser zu wählenden Lage im Wasser profitiert v. a. der neue Justizpalast.
    • Architekten: Dick van Gameren, Bjarne Mastenbroek, Zeinstra van Gelderen, Jan Bakers mit Ben Loerakker, Claus en Kaan Architecten Tragwerksplanung: Corsmit Raadgevend Ingenieursbureau
  • Kritik: Anneke Bokern Fotos: Sonia Mangiapane, John Lewis Marshall, David Rozemeyer, John van Helvert
Wie in vielen europäischen Städten, wurden auch in Amsterdam in den letzten Jahrzehnten ehemalige Hafengebiete als Lebensraum wiederentdeckt. Das gesamte südliche Ufer des IJ (sprich: Ei) wurde seit Mitte der 90er Jahre transformiert und an die Innenstadt angebunden. Das Schlussstück dazu bildet das 500 m nördlich des Hauptbahnhofs gelegene IJdock: eine künstliche Halbinsel mit auffällig skulpturaler Bebauung, so groß wie zwei Fußballfelder.
Wasserflächen als Baugrund zu nutzen, ist in Amsterdam keine neue Idee. Jahrhundertelang wurde dem IJ bei jeder Gelegenheit Land abgerungen, und schrumpfte die Wasserfläche immer mehr. Nachdem der Seitenarm der ehemaligen Zuiderzee und des heutigen IJsselmeers mit dem Noordzeekanaal 1876 eine direkte Verbindung zum Meer erhalten hatte, dehnte sich der Hafen allmählich entlang des gesamten IJ-Ufers aus. Überall wurde Neuland für neue Hafengebiete gewonnen – mit der Folge, dass das Stadtzentrum immer mehr vom Wasser abgeschnitten wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Hafen weiter nach Westen und ließ stadtnahe Brachen zurück, die seit den 90er Jahren im Rahmen einer Nachverdichtungsstrategie ungestaltet wurden. Auf insgesamt sieben Inseln und Halbinseln, die von Ost nach West phasenweise entwickelt wurden, entstanden neue Wohnviertel am Wasser, wurden aber auch gezielt öffentliche Gebäude und Kulturbauten angesiedelt.
Lichtgeometrie
Die letzte Funktion, die es am Ufer westlich vom Hauptbahnhof unterzubringen galt, war ein Kurzparker-Hafen in Kombination mit einem Hotel. Um das Projekt rentabel zu machen, wurde es noch um Wohnungen und Büros erweitert. Nur wohin damit? Man hätte die Gebäude einfach entlang des Westerdoksdijks aufreihen können, aber eine räumliche Konzentration schien ratsamer, da der Blick von der Uferstraße auf das Wasser ohnehin schon fast überall verbaut ist. 1996 entwickelten Dick van Gameren und Bjarne Mastenbroek ›
› einen ersten Masterplan, der zunächst noch aus einzelnen Gebäuden im Wasser bestand. In einem zweiten Schritt wurde daraus eine kompakte Insel, an deren Westseite ein geschützter Hafen für Freizeitboote liegt. Um genug Abstand zur Fahrrinne im IJ zu wahren, durfte sie max. 180 x 60 m groß sein; die max. erlaubte Bebauungshöhe lag bei 44 m.
Mit dieser Höhe gerät das IJdock allerdings von der historischen Altstadt aus ins Blickfeld. Die Architekten ließen deshalb in ihrem Modell entlang vier wichtiger Sichtachsen Licht durch die Straßenzüge streifen; wo das Licht auf den Block traf, machten sie Einschnitte. Da der Quader rechnerisch Büro- und Wohnflächen von 130 000 m² hätte umfassen können, aber nur 89 000 m² benötigt wurden, konnten insgesamt 41 000 m² herausgeschnitten werden, sodass ein dreidimensionales Puzzle aus Gebäuden, die aus dem orthogonalen Grundraster heraustreten, entstand. Im Grunde schließt das IJdock weniger an die Bebauung der Altstadt als vielmehr an deren Straßen und Grachten, also an die Leerräume an. Fünf Gebäude reihen sich zu beiden Seiten einer Nord-Süd-Achse auf, die die Insel mit dem Festland verbindet und sie diagonal durchkreuzt. Die auffälligste Sichtachse ist jedoch der »Keizersgrachtschnitt«: ein trichterförmiger Handkantenschlag, der mehrere Gebäude in teils bizarr geformte Stücke zerteilt und das IJdock von der Keizersgracht aus unsichtbar machen soll.
2009 wurde mit der Anlage der Insel begonnen. Der zunächst verfolgte Gedanke, sie als schwimmende Wanne zu realisieren, stellte sich als zu aufwendig heraus, da die tragfähige Sandschicht, auf der in Amsterdam alle Gebäude gegründet werden, an dieser Stelle mit fast 40 m sehr tief liegt. So wurde das IJdock letztlich auf 860 Pfählen errichtet.
Hochwasserschutz ist in Amsterdam kein Thema, da das gesamte Stadtgebiet mit Pumpen und Schleusen abgesichert ist und es keine Schwankungen im Wasserspiegel gibt. Wichtiger war die Frage nach Auffahrunfällen, denn das IJdock liegt in einer Kurve des IJ, durch die sich auch Kreuzfahrtschiffe zwängen müssen. Als Kollisionsschutz trieb man deshalb eine 11 m breite Doppelreihe aus Stahlrohren und Spundwänden in den Grund – eine Art Knautschzone. 50 000 m³ Schlick wurden bis auf eine Tiefe von 5 m unter Meeresspiegel abgesaugt und durch 30 000 m³ sauberen Sand ersetzt. Nach dem Abpumpen des restlichen Wassers und Plattwalzen des Sands, konnte mit der Pfahlgründung für die Gebäude begonnen und dann die 25 cm dicke Betonwanne gegossen werden.
Isoliert, sichtbar und zentral
Im basaltbekleideten Sockel befinden sich zwei Parkgeschosse mit etwa 500 Stellplätzen sowie, unter einer kaum wahrnehmbaren Anhöhe, ein Servicegeschoss. Darüber erheben sich, von West nach Ost, ein Bürobau, in dem ›
› auch die schon vorher an dieser Stelle ansässige Wasserpolizei unterkam, ein Hotel und ein Wohnblock mit Ladenflächen im EG. Ihre Architekten erhielten (wie in den Niederlanden üblich) Direktaufträge, z. T. mit vorhergeschalteten, geschlossenen Auswahlverfahren.
Auch die beiden östlichen Bauteile sollten Büronutzungen aufnehmen. Die jeweiligen Entwürfe mit reichlich Flächen für Restaurants und Geschäfte im EG und auffällig transparenten Fassaden stammten von Bolles & Wilson und Diederen Dirrix. Allerdings konnten sich dafür keine Investoren erwärmen.
Schließlich meldete der Gerichtshof Interesse an, der zuvor seinen Hauptsitz in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert gehabt hatte, das aber schon lange zu klein geworden war. Für die beiden Gebäude, die heute gemeinsam den Justizpalast bilden, legten fünf Büros, die aus einer europaweiten Ausschreibung hervorgegangen waren, dem Reichsbaumeister einen Vorentwurf vor. Man entschied sich für Claus en Kaan.
Felix Claus nimmt angesichts der vordefinierten Volumina kein Blatt vor den Mund: Er bezeichnet die Idee, das besonders komplexe Raumprogramm der Justizbehörde in eine bestehende Kubatur zu pressen, als »völlig bescheuert«. Er löste die Aufgabe, indem er auf der stadtzugewandten Westseite des Hauptbaus alle Verkehrsbereiche und Foyers und auf der zum Canyon orientierten Ostseite die Gerichtssäle und darüber die Büros stapelte. Im Souterrain befinden sich 26 Zellen. Eine gläserne Laufbrücke im sechsten Stock führt in den zweiten Gebäudeteil, in dem die Büros des Justizministeriums untergebracht sind.
Die Standortwahl fiel u. a. deshalb auf das IJdock, weil es zugleich isoliert, sichtbar und zentral liegt. Der Zugang auf der Halbinsel, am Ende einer Sackgasse, ist leicht zu kontrollieren. Wichtiger als die Sicherheitskriterien waren allerdings das Raumangebot, die Nähe zur Innenstadt und die Prominenz der Lage. Im Gesamten betrachtet entstand nun im Zusammenklang mit dem Hauptbahnhof, dem Muziekgebouw aan ‚t IJ (3XN), dem EYE Film Institute auf der gegenüberliegenden Flussseite (Delugan Meissl, s. db 6/2012, S. 61) und eben dem Justizpalast ein von diesen markanten öffentlichen Gebäuden definierter »Wasserplatz« auf dem IJ. Zu diesem hin orientiert, markiert eine 20 m große Auskragung wie eine vorgestreckte Kinnlade den Haupteingang und schafft einen überdachten öffentlichen Platz, der leider – ganz im Gegensatz zu den vorangegangenen Vorstellungen – spürbar als Durchgangszone gedacht ist und keinerlei Möblierung aufweist.
Beim Betreten des Justizpalasts hingegen staunt man nicht schlecht: Das außen gar so kühle und abstrakte Gebäude ist innen rundum mit chinesischem Marmor und hölzernen Kassettendecken ausgestattet. ›
Sachliche Aussenseite, spektakuläre Innenseite
Die Materialisierung der Bauten auf dem IJdock wurde von Dick van Gameren mitbestimmt, der als koordinierender Architekt für das Gesamtprojekt auftrat und den öffentlichen Raum entwarf. Damit sich der Komplex deutlich von der Bebauung der Altstadt unterscheidet, sollte er nach außen hell und modern auftreten und es durfte kein traditioneller Backstein verwendet werden. So entstand die glatte, sachliche Außenseite aus hellem Naturstein, Beton und Glas, die in starkem Kontrast zum Innenleben des IJdock steht: Dort präsentiert sich die Diagonale als spektakulärer Straßenraum mit einer messerscharfen Ecke à la Flat Iron Building, Fassaden aus grünen Klinkern mit muslimisch anmutenden Balkonbekleidungen und schrundigen Schieferplatten auf den Dachflächen. Bezug zum Wasser gibt es allerdings nur sehr sparsam dosiert: Auf der Ostseite wird der Blick entlang zweier schmaler Einschnitte zum EYE Film Institute am gegenüber liegenden Ufer gelenkt, aber verweilen möchte man in den zugigen Schlitzen nicht. Auf der ruhigeren Westseite versteckt sich hinter dem Hotel der Freizeithafen mit Café-Terrasse und führt eine von NEY + Partners entworfene Fahrrad- und Fußgängerbrücke vom Justizpalast auf das Festland. Aus Sicherheitsgründen dürfen am Brückengeländer keine Fahrräder angeschlossen werden, weshalb das Geländer komplett aus vertikalen Stäben ohne Querverbindungen besteht.
Das Resultat ist ein seltsam zwiespältiger Gebäudekomplex: gleichzeitig skulptural und nüchtern; teils experimentell, teils konventionell; sowohl in seinen Kontext eingebettet als auch solitär; auf dem Wasser, aber mit wenig direktem Bezug dazu.
Ein bisschen muss man angesichts des Justizpalasts an das legendäre Château d’If vor Marseille denken. Offenbar ist auch Bjarne Mastenbroek, der gemeinsam mit Dick van Gameren den Masterplan entwickelte, diese Inkohärenz aufgefallen, sagte er doch einmal in einem Interview über das IJdock: »Viel wichtiger für eine Stadt als die Architektur ist der Raum zwischen den Gebäuden. Mit gutem Städtebau und schlechten Gebäuden kann man recht weit kommen, aber mit schlechtem Städtebau und guten Gebäuden kommt man nirgends hin.« •
  • Standort: IJDock, NL-1013 MM Amsterdam Bauherren: Wester IJdock CV; Rijksgebouwendienst; Gemeinde Amsterdam Masterplan: Dick van Gameren und Bjarne Mastenbroek Architekten Bauteil 1+2: Zeinstra van Gelderen architecten, Amsterdam Büro- und Wohngebäude – Wasserpolizei: 3 400 m², frei vermietbare Gewerbeflächen und 56 Wohnungen: 5 800 m² Architekten Bauteil 3+5: Claus en Kaan Architecten (heute KAAN Architecten und Felix Claus Dick van Wageningen architecten) Justizpalast, nicht öffentlich zugänglich: 10 100 m², Justizpalast, öffentlicher Bereich: 23 700 m² Architekten Bauteil 4: Bakers Architecten (Jan Bakers, Ben Loerakker), Utrecht Hotel mit 293 Zimmern: 18 000 m² Architekten Bauteil 6: Dick van Gameren und Bjarne Mastenbroek Marina, öffentliche Straße und Tiefgarage mit 500 Stellplätzen Tragwerksplanung: Corsmit Raadgevend Ingenieursbureau (heute: Royal HaskoningDHV) HLS-Planung: Hori Raadgevend Ingenieursbureau, Zeist Projektentwickler: a.s.r. vastgoed ontwikkeling, Utrecht BGF gesamt: 89 000 m2 Baukosten: rund 300 Mio. Euro Baubeginn: Mai 2008 Fertigstellung: bauabschnittsweise von Oktober 2012 bis Juni 2013
  • Beteiligte Firmen: Bauausführung: J.P. van Eesteren, Amsterdam, www.jpvaneesteren.nl (Justizpalast) Dura Vermeer, Amsterdam, www.duravermeer.nl (Wasserpolizei, Büros) Hurks (Moes), Almere/Zwolle, www.hurks.nl (Wohnungen, Hotel) Strabag (Züblin), Vlaardingen, www.zueblin-nederland.com (Tiefgarage) Verwol Projectafbouw, Opmeer, www.verwol.nl (u. a. Glaswände und -türen, Trockenbau, Akustikdecken) Klinker Bauteile 1+2: Ziegelei Hebrok, Natrup-Hagen, www.ziegelei-hebrok.de
1 Hotel (Jan Bakers, Ben Loerakker) 2 Bürogebäude, Wasserpolizei (Zeinstra van Gelderen) 3 Wohngebäude (Zeinstra van Gelderen) 4 Justizministerium (Claus en Kaan) 5 Justizpalast, öffentliche Bereiche, Gerichtssäle (Claus en Kaan) 6 überdachter Vorplatz 7 Fahrrad- und Fußgängerbrücke (NEY + Partners)

Amsterdam (NL) (S. 34)
Dick van Gameren Architecten
1981-88 Studium an der TU Delft. 1988-91 Mitarbeit bei Mecanoo Architecten, 1991-93 gemeinsames Büro mit Bjarne Mastenbroek. 1993-2004 Mitarbeit bei de architectengroep. Seit 2005 eigenes Architekturbüro. Seit 2006 Lehrauftrag an der TU Delft.
SeARCH
Bjarne Mastenbroek
Architekturstudium an der TU Delft. 1988-90 Mitarbeit bei Mecanoo architecten, 1990-91 bei EMBT, Barcelona. 1991-93 gemeinsames Büro mit Dick van Gameren. 1993-2002 Mitarbeit bei de architectengroep. Seit 2002 eigenes Architekturbüro. Gastdozent an verschiedenen Hochschulen.
Zeinstra van Gelderen architecten
Jurjen Zeinstra
1961 geboren. 1981-88 Architekturstudium an der TU Delft. Seit 1991 Büros mit unterschiedlichen Partnern, seit 2003 Zeinstra van Gelderen architecten mit Mikel van Gelderen. Seit 1994 Gastdozent an mehreren Hochschulen, seit 2004 Assistenzprofessur an der TU Delft.
Mikel van Gelderen
1963 geboren. 1981-83 Studium der Malerei, seitdem als freier Künstler tätig. 1988-94 Architekturstudium an der TU Delft. Seit 1995 Zusammenarbeit mit Jurjen Zeinstra, seit 1996 als Partner. Seit 1998 Lehrtätigkeit, seit 2007 an der School of Architecture in Groningen und seit 2011 an der Design Academy Eindhoven.
Bakers architecten
Jan Bakers
Ben Loerakker
Claus en Kaan Architecten
Felix Claus
1956 geboren. Architekturstudium an der TU Delft. 1987-2013 gemeinsames Büro mit Kees Kaan, seit 2014 gemeinsames Büro mit Dick van Wageningen. Professuren in Zürich, Aachen und Lausanne.
Anneke Bokern
s. db 7-8/2014, S. 96