Ende der autogerechten Stadt

~Christian Marquart

Weder Politiker noch Planer glauben heute noch an die »autogerechte« Stadt. Ihr neues Leitbild ist die schadstoffarme Stadt, in der alle Verkehsteilnehmer zu ihrem Recht kommen. Aber die Ideologie der autogerechten Stadt hat sich tief in die Benutzeroberfläche der Kommunen eingegraben. Ca. 60 Mio. Fahrzeuge sind eine bleischwere »Altlast«.
In ihrer Herbsttagung »Stadt und Auto« setzte die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) pragmatische Akzente im Diskurs um nachhaltige Mobilität: Wie radikal oder revisionistisch ist zu handeln, um autogerechte Städte bewohnerfreundlicher zu machen? Was bringt E-Mobilität, wenn Strom »unsauber« erzeugt wird? Gibt es ein richtiges Leben im falschen, solange noch die letzten Tropfen Benzin an der Tanke zu kaufen sind?
Konsensfähig sind Ziele der Nachhaltigkeit, nicht aber die Wege dorthin. Heizen »intelligente« Kühlschränke mit ihren autonomen Bestellungen den kleinteiligen Warenverkehr an? Sorgen Heere von Fahrradkurieren für neue Stau-Varianten? Werden selbststeuernde Autos, die Pendlern Zeit lassen für allerlei Zerstreuung, das Wohnen an Stadträndern erneut attraktiv machen?
Ganz im Hier und Jetzt spielte die Verleihung des Deutschen Städtebaupreises – ausgelobt von der DASL mit der Wüstenrot-Stiftung –, der 2014 geteilt wurde: Ein Preis ging an das von 30 Herkunftsnationen bewohnte »Weltquartier« auf der Elbinsel Wilhemsburg – ein Projekt der IBA Hamburg; ein weiterer an das privat finanzierte »Hofstatt«-Projekt am Rand der Münchner City (s. db 8/2014, S. 28), an der alten Adresse der Süddeutschen Zeitung. Die Passagen dieses Ensembles und die Nutzungsmischung pries die Jury als Gewinn für das Stadtquartier.
Das Weltquartier [3] – die Ertüchtigung einer Siedlung aus den 30er Jahren – zeichnet sich durch ihre Planungskultur und die Kooperation mit den Bewohnern aus. Den Sonderpreis »Neue Wege in der Stadt« erhielt die Neugestaltung des Fischmarkts [4] in Erfurt. Dort war ein Tram-Haltepunkt barrierefrei und optisch unauffällig neu im historischen Platzraum zu positionieren.
Die ausgezeichneten Projekte werden bis 29. Januar in München im PlanTreff gezeigt.