In den U-Bahnstationen droht gestalterischer Totalverlust

Berlin, unterirdisch

Silbrig glänzende Aluminium-Bekleidungen an den Wänden, darauf große schwarze Rahmen mit abgerundeten Ecken und in roter Schrift der Stationsname »Bismarckstraße«: Wer den 1978 eröffneten U-Bahnhof im Berliner Bezirk Charlottenburg betrat, wusste nie, ob er sich im Innern eines Raumschiffs oder in einem riesigen Spielzeugladen befand. So anspielungsreich gestaltete der Architekt Rainer G. Rümmler nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte das West-Berliner U-Bahn-Netz.


Kongenial übersetzte er dabei internationale Tendenzen der Pop-Architektur teilweise mit grellen Farben und verspielt-gerundeten Formen in die Logik unterirdischer Verkehrsbauwerke. Doch das ist nun passé: 2015 ließen die Berliner Verkehrsbetriebe den U-Bahnhof Bismarckstraße vollständig entkernen. Künftig soll er mit dunkelgrünen Fliesen und eingezogenen Gewölben eine »historische« Anmutung erhalten, die der 70er-Jahre-Ästhetik der übrigen Stationen auf diesem Streckenabschnitt allerdings vollkommen widerspricht. Dieses Schicksal teilt der Bahnhof mit zahlreichen weiteren Berliner U-Bahnhöfen der Nachkriegszeit, die momentan saniert werden – nahezu immer unter Totalverlust der einzigartigen Bausubstanz. Die Umbauten gehen weit über eine Anpassung an die derzeitigen Bestimmungen von Brandschutz und Barrierefreiheit hinaus. Wie rücksichtslos der Umgang mit den U-Bahnhöfen ist, zeigt das Beispiel zweier künstlerisch gestalteter Betonwände, die das Bildhauerpaar Irene und Gerhard Schultze-Seehof 1969 als integrale Bestandteile des Eingangspavillons zum U-Bahnhof Zwickauer Damm geschaffen hatten: Eine der Wände wurde jüngst ohne Berücksichtigung des Urheberrechts teilweise abgerissen, der Rest erhielt eine bunte Bemalung. Gegen diese aktive Zerstörung des baukulturellen Erbes hat sich seit 2016 Widerstand formiert. Architekturwissenschaftler aller vier Berliner Universitäten – darunter der Autor dieser Zeilen – fordern den Erhalt und die behutsame Modernisierung der U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit. Sie protestieren im Rahmen der Initiative »Kerberos Berlin« mit einem offenen Brief gegen den fahrlässigen Umgang mit diesen baukulturellen Zeugnissen. Denn es droht die Verunstaltung eines der historisch und künstlerisch bedeutendsten U-Bahn-Systeme weltweit. Nirgendwo sonst ist Verkehrs- und damit Stadtgeschichte über mehr als ein Jahrhundert in so vielen Phasen ablesbar wie unter dem Berliner Straßenpflaster. Besonders in der Nachkriegszeit wurde das U-Bahn-Netz unter massivem Einsatz von Steuergeld kontinuierlich ausgebaut. Dabei entstanden besonders im Westteil der Stadt höchst qualitätvolle und aufwendig gestaltete Stationen, die zugleich als Identifikation des jeweiligen Quartiers fungieren. Die Art, wie Stationen entlang der einzelnen Linien gestalterisch aufeinander bezogen sind und einen regelrechten Liniencharakter ausbilden, hat Merkmale eines Gesamtkunstwerks, das viel mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Auf zahlreichen Strecken wie etwa der U-Bahn-Linie 7 lässt sich eine Zeitreise unternehmen: Der älteste Abschnitt der Strecke, der aus der Vorkriegszeit stammt, wurde in mehreren Phasen erweitert. Die Stationen der 60er und 70er Jahre erhielten eine zurückhaltend-heitere Gestaltung in farbigen Keramik- und Faserzementplatten, spätere Stationen der 80er Jahre sind mustergültige Beispiele einer postmodernen Erzählfreudigkeit. Bedeutend sind diese Bauten gerade für die moderne Metropole Berlin, deren baukulturelles Erbe ganz wesentlich aus den architektonischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts besteht, etwa den auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes verzeichneten Siedlungsbauten der Zwanziger Jahre.
Nun besteht aber doch Anlass zur Hoffnung: Der Ende 2016 neu ins Amt gekommene Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) hat soeben im Rahmen seines 100-Tage-Programms sieben U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit in die Berliner Denkmalliste aufnehmen lassen. Die Auswahl umfasst den westlichen Streckenabschnitt der Linie 7, der in den 80er Jahren entstand. Der Senator setzt damit eine Forderung des aktuellen Berliner Koalitionsvertrags um, der sich ausdrücklich zu dem »herausragenden Bestand an Industrie-, Technik- und Verkehrsdenkmalen« der Stadt bekennt und deren Schutz und Pflege als »kulturell und ökonomisch gleichermaßen bedeutsam« einstuft. Damit wirft zugleich das Europäische Kulturerbejahr sein Licht voraus, das 2018 unter dem Leitthema »Sharing Heritage« stehen wird. Doch der jetzt erlassene Denkmalschutz für einige U-Bahnstationen greift zu kurz: Die einzigartigen Bahnhöfe der 60er und 70er Jahre in Berlin sind bisher fast ausnahmslos nicht als Baudenkmale deklariert und damit weiterhin akut von der Zerstörung bedroht. Nach Ankündigung des Berliner Landeskonservators Jörg Haspel wird jedoch derzeit die Unterschutzstellung weiterer U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit durch das Landesdenkmalamt vorbereitet.
Auf Anregung der Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, die sich wiederholt öffentlich hinter die Forderungen der Initiative »Kerberos Berlin« gestellt hatte, soll ein Gestaltungsbeirat aus Architekten und Denkmalpflegern eingerichtet werden, der die notwendigen Sanierungen beratend begleitet – auch bei den Bahnhöfen, die nicht denkmalgeschützt sind. Die hohe gestalterische Qualität und Kohärenz des Berliner U-Bahn-Systems könnte damit auch für künftige Generationen erlebbar und identitätsstiftend bleiben. Währenddessen bereiten die Berliner Verkehrsbetriebe u. a. am U-Bahnhof Birkenstraße weitere Abbrucharbeiten vor. Die 1961 eröffnete Station war einer der ersten U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit in Berlin und der Bundesrepublik. Elegant schwingt eine asymmetrisch geknickte, sogenannte Schmetterlingsdecke über Bahnsteig und Gleise. Das zarte Hellgrün der Wandbekleidungen aus Keramik und Glasmosaik, das nun dunkelgrauen Fliesen weichen soll, spielt subtil auf die Farbe von Birkenblättern im Frühling an. Noch.

~Dr. Frank Schmitz
Der Autor ist Architekturwissenschaftler an der FU Berlin und Mitbegründer der Initiative Kerberos Berlin: www.urbanophil.net.

Anmerkung:
In der Printausgabe db 4/2017 enthält der Beitrag irrtümlich den Hinweis, dass auch mehrere U-Bahnhöfe auf der Linie 5 unter Denkmalschutz gestellt wurden.

Ferbelliner Platz
Tauch Sie ein in die Gestaltungswelt von Rainer G. Rümmler, der mit mehr als 150 Bauten einer der Protagonisten der West-Berliner Architektur war.
Sein U-Bahnhof Fehrbelliner Platz darf als typisches Kind seiner Zeit gelten, er spiegelt ein Stück der politischen Zeitgeschichte wider und nimmt erste Gedanken postmoderner Architektur vorweg:
»… in die Jahre gekommen«: U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, db 11/2015 »

Und begeben Sie sich in db 6/2017 auf »Eine architekturhistorische Fahrt mit der Berliner U-Bahn-Linie 7«!