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Paketpostareal – die Hochhausdebatte in München geht in die nächste Runde

Paketpostareal – die Hochhausdebatte in München geht in die nächste Runde
Aus der Zeit gefallen

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Areal Paketposthalle München, Rendering: Herzog de Meuron
Manche Menschen halten es für Fortschritt, wenn die ersten Weltraumtouristen auf dem Mars landen. Und

~Ira Mazzoni

manche sprechen von Mut, wenn in München 155 m hohe Twin Towers gebaut werden sollen. Seit der Münchner Immobilien-Unternehmer Ralf Büschl seine von dem renommierten Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron skizzierten Pläne für das Areal um die denkmalgeschützte Paketposthalle in der Öffentlichkeit lanciert hat, wird v. a. über eins diskutiert: die Höhe und die Sichtbarkeit im Stadtbild. Nicht aber über städtebauliche, architektonische und gesellschaftsrelevante Qualitäten, die zukunftsfähig und resilient sein müssen. »München ist keine Hochhausstadt«, heißt es in der Präambel des von 03 Architekten erarbeiteten Entwurfs zu einer neuen Hochhausstudie für die Voralpenstadt. Seit einem Bürgerentscheid von 2004 galten 100 m als Reizschwelle für neue Hochbauprojekte. Es war auch die Reizschwelle für ambitionierte Gipfelstürmer: Wer schafft es als Erster, in dieser Flächenstadt einen neuen Höhenrekord zu setzten. Die aktuelle Studie argumentiert klüger und justiert feiner: Selbstverständlich soll es in München möglich sein, »Hochhäuser in geeigneter städtebaulicher Situation und in angemessener Höhe als städtebauliches und gestalterisches Mittel einsetzen zu können«. Die herausragenden »Stadtzeichen« sollten »eine Bedeutung und ein Narrativ vertreten und durch ihren städtebaulichen und architektonischen Ausdruck vermitteln«.

Aus den wenigen bisher veröffentlichten Visualisierungen des Paketposthallen-Projekts geht nicht hervor, dass auch nur eins dieser Kriterien erfüllt wäre. Zwar braucht es dringend architektonische Akzente, um das langweilige Gewürfel entlang der Bahngleise vor dem Hauptbahnhof in die Schranken zu weisen, doch die jedem Zugreisenden erinnerliche, grandiose Faltbogenhalle der ehemaligen Paketpost setzt gestalterisch hohe Maßstäbe an die neue Nachbarschaft. Dass Herzog & de Meuron den Spannungsbogen des ingeniösen Hallentragwerks konstruktiv unmotiviert übernehmen, um die Taille ihrer Türme zu shapen, liefert kein schlüssiges »Narrativ«. Eher handelt es sich um eine geometrische Spielerei. Aus dem Entwurf spricht ermüdende Einfallslosigkeit. Die »transparent« simulierten Türme müssen halt nur anders aussehen als all die bisher gebauten. Ikonisch werden sie dadurch nicht. Für welche Geschichte, für welche Bedeutung sollen die Türme auch stehen? München bekommt keine Zentralbank und keine Elbphilharmonie. Die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammende Idee einer gläsernen Stadtkrone ist an diesem Standort, knappe 5 km von der Frauenkirche entfernt, inhaltlich nicht zwingend und völlig aus der Zeit gefallen.

Die beachtliche Höhe der Doppeltürme scheint im Verhältnis zu der einmaligen Paketposthalle willkürlich zu sein. Sicher verträgt das 30 m hoch und 145 m weit gespannte Ingenieur-Bauwerk höhere Häuser neben sich, aber sie müssen eben angemessen proportioniert sein. Und vielleicht sind dann zwei ja auch zu wenig. Weniger hohe architektonische Akzente würden weder den in der Hochhausstudie als »introvertiert« eingestuften nahen Hirschgarten traktieren noch die »gebaute Illusion« des Nymphenburger Parks irritieren. In jedem Fall müsste das neue Quartier seine ganze Stärke aus der 1965/69 errichteten und seit 1996 unter Denkmalschutz stehenden Faltbogenhalle schöpfen. Im Moment aber scheint das 20  000 m2 überspannende Flächentragwerk eher als Entlastungsbauwerk für den Investor zu fungieren: An diesem Ort wird der von der Stadt zwingend für hohe Häuser geforderte Freiraum versprochen, der nicht in dem ansonsten engstens bebauten Mischquartier (die Bayerische Bauordnung hat gerade die obligaten Abstandsflächen reduziert) und schon gar nicht im Eingangsbereich der eher exklusiven Türme realisiert werden kann. Die von der Idee einer frei kulturell bespielbaren, taghellen Halle berauschte Öffentlichkeit hat auch noch nicht realisiert, dass das Denkmal mit viel technischem Aufwand mehrgeschossig unterbaut werden soll. Genauso wie die Fixierung auf die Höhenentwicklung der Türme vergessen lässt, wie weit ein solches Projekt in die Tiefen der Schotterebene vorstoßen muss. Schon heute hat die rege Bautätigkeit in München dafür gesorgt, dass in manchen Quartieren das Wasser über die Ränder der weißen Wannen steigt und Keller wie Archive flutet.

Wenn die Stadt die Prämissen der von ihr in Auftrag gegebenen Hochhausstudie ernst nimmt, wenn sie selbstbewusst die Schönheit Münchens auf die Entwurfsleistung ihrer Architekten zurückführt, dann kann sie sich nicht mit dem Namedropping eines Investors zufriedengeben. Dann muss sie darauf hinwirken, dass für diesen einmaligen Ort des Ankommens ein zukunftsweisendes Quartierskonzept und eine überzeugende architektonische Figur im Wettbewerb gefunden werden. Das jetzt eingeleitete Bürgergutachten bietet dafür keine Alternative.

Der aktuelle Digitalisierungsschub und die wirtschaftlichen Auswirklugen der Pandemie werden die Bedürfnisse der Stadtbewohner ändern. Ob einen Shoppingmeile in schattigen »Gassen« neben der Paketposthalle Zukunft hat, ist mehr als ungewiss. Auch hat die Pandemie gezeigt, dass Dichte nicht unbedingt ein Versprechen für urbanes Wohnen und Arbeiten ist. Wer heute ein lebendiges Quartier entwickeln möchte, muss anders planen. Bis Ende 2023 nutzt die Post noch die Halle und das Gelände – eine kleine Chance, ein Stück Stadt ganz cool neu zu denken und dabei die Gesamtenergiebilanz nicht außer Acht zu lassen.

Die Autorin ist Kunsthistorikerin und freie Architekturkritikerin mit den Schwerpunkten Baukultur und Denkmalpflege.

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