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Architektonische Prägungen in Ost und West

Berlin – Moskau: Parallelitäten und Gegensätze in der Stadtplanung
Architektonische Prägungen in Ost und West

1 Das russische Architektenteam sieht eine Nutzungsmischung für die ehemalige Textilfabrik vor 2 Das Berliner Büro magma legt eine balkenartige Erschließungsstruktur über das Gelände
Berlin und Moskau waren in den letzten 15 Jahren sicher die größten Baustellen Europas. Während in Berlin die in den neunziger Jahren allgegenwärtigen Kräne inzwischen verschwunden sind, halten Abrisswut und Bauboom in Moskau an. Nur vier Kilometer vom Kreml entfernt befindet sich das momentan größte Bauprojekt des Kontinents: das Geschäftsviertel Moskau-City, auf dessen Gelände auch der Federation Tower entsteht, mit 340 Metern das höchste Bürogebäude Europas. Entwurf und Planung des Turms stammen von dem russischen Architekten Sergei Tchoban in Zusammenarbeit mit Peter Schweger aus Hamburg. Tchoban unterhält Büros in Berlin und in Moskau. In Berlin hat er an markanten Stellen gebaut: Das Domaquaree gegenüber dem Berliner Dom stammt von ihm. Derzeit saniert er das Berolina-Haus am Alexanderplatz. Tchoban als Wanderer zwischen Russland und Deutschland war also prädestiniert als Teilnehmer des Symposiums »archXchange – Berlin Moskau«, das am 11. und 12. März im Deutschen Architektur Zentrum Berlin (DAZ) stattfand und die Frage nach der Bedeutung von Architektur für die kulturelle Identität anhand des Vergleichs der beiden Hauptstädte stellte. Mit dem Symposium wurde auch die gleichnamige Ausstellung eröffnet, in der die Ergebnisse eines einwöchigen Workshops vom August 2005 in Moskau gezeigt wurden. Initiiert hatte das Projekt das junge Berliner Architekturbüro team 05. Teilnehmer des Workshops waren neben team 05 noch zwei weitere deutsche Büros sowie drei russische Architektenteams.

Als Projektgegenstand hatten sie sich das Gelände einer ehemaligen Textilfabrik am Ufer der Moskwa ausgesucht, südlich vom Stadtzentrum gelegen und mit einer Fläche von 50 000 m² schon an der Schnittstelle zwischen Objektplanung und Städtebau. Die Aufgabenstellung lautete: ein Zentrum für nichtkommerzielle Kultur aus dem Komplex zu machen, einen Anlaufpunkt für die Moskauer Bevölkerung mit Ausstellungshallen, Theater, Restaurants und Galerien.
Der Eigentümer des Geländes, ein russischer Investor, stand dem Projekt aufgeschlossen gegenüber, was über die Realisierungschancen allerdings wenig aussagt.
Während die deutschen Architekten große Lösungen wählten und den alten Gebäuden Türme oder gleich ein ganzes System von verschiebbaren »Containern« überstülpten, bevorzugten die russischen eher kleinteilige Entwürfe, die sich am Bestand orientierten. Man könnte anhand dieser Ergebnisse denken, dass die Berlin-typische Regulierungswut der Nachwendezeit – und natürlich die schlechte Auftragslage – die deutschen Architekten nun ins vermeintlich kapitalistisch entfesselte Moskau und zu expressiven Hochhausbauten treibt, während sich in eben dieser von allen Traufhöhen und Planwerken losgelösten Stadt die einheimischen Entwerfer nach kleinteiliger, übersichtlicher Bodenständigkeit sehnen. Doch so einfach ist es nicht. Für deutsche Architekten ist es sehr schwierig, in der Boomtown Moskau zu konkreten Bauaufträgen zu kommen. Und kleinteilige, ja »kleingearbeitete« Projekte, wie sie der Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann Berlin verordnete, sind in der russischen Kapitale nicht gefragt. Wer hier baut, will sich zeigen und klotzt. Überdies muss angeblich jede Fassade von Bürgermeister Yuri Luschkow persönlich genehmigt werden. Der hat eine Vorliebe für postmodernen Kitsch, was zu Neubau-Ungetümen führt, die an die bunten Möbel der Mailänder Memphis-Gruppe aus den achtziger Jahren erinnern.
Das Klischee lautet also: In Moskau herrscht Wildwuchs. Die Wahrheit dahinter zu ergründen, trieb letztlich auch team 05 nach Moskau. Das Symposium im DAZ drehte sich dann auch eher um die russische Hauptstadt. Berlin, so scheint es, wirft keine Fragen mehr auf. Die historische Rekonstruktion durch das Planwerk Innenstadt ist weitgehend abgeschlossen, auch ihre Gegner müssen sich notgedrungen damit abfinden. Der Protagonist des Planwerks, Hans Stimmann, geht im Herbst in Pension. Allenfalls die Wunde Schlossplatz wird noch lange schwären.
Ein erklärter Gegner Stimmanns, der Architektursoziologe Werner Sewing, moderierte die Veranstaltung. Er betonte noch einmal, dass Berlins so genannte historische Rekonstruktion ja gar nicht dazu geführt habe, dass die historische Identität wiederhergestellt worden sei. Zentrale Punkte wie der Leipziger oder der Pariser Platz seien eben gerade nicht in den originalen Proportionen wiedererstanden, ein Etikettenschwindel also. Auch bleibe die Frage, was Berlins architektonische Identität denn überhaupt ausmache: nur Schinkel – oder nicht auch das Hansa-Viertel und die Stalin-Allee?
Sergei Tchoban dagegen verteidigte Stimmann. Moskau und Berlin hätten zumindest eine Gemeinsamkeit: Sie seien beide europäische Städte. Während es beim Planwerk Innenstadt ja viel mehr um Stadträume als um Architektur gegangen sei, fehle in Moskau heute jegliche Stadtplanung. Es gebe keine Kriterien, keine Regeln, auch keine politischen Ansprechpartner oder Diskussionen über Architektur. Moskau brauche aber einen Masterplan, sonst werde es bald noch mehr städtebauliche Wüsten geben.
Also doch Wildwuchs. Darüber war sich das gesamte Podium einig. Nur bei der Frage über die Bedeutung von Architektur für die kulturelle Identität zeigte man sich ratlos. Wie kann eine solche Identität jenseits von Historie oder deren Rekonstruktion heute hergestellt werden, wie würde eine zeitgemäße Architektur dazu aussehen? Der russische Architekt Eugene Asse sagte sogar, er wisse gar nicht, was kulturelle Identität überhaupt sein solle. Bernd Hettlage
Der Autor ist freier Architekturkritiker in Berlin.
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