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… am Ende das dritte Leben

Sanierung des »Haus des Lehrers« und der Kongresshalle am Alexanderplatz, Berlin
… am Ende das dritte Leben

Für das im Krieg zerstörte »Vereinshaus der Lehrer« entwarf Hermann Henselmann Anfang der sechziger Jahre ein Neubau-Ensemble, das noch heute als Perle der Ost-Moderne gilt: einen quadratischen, pavillonartigen Flachbau mit Kuppeldach und ein Stahlskelett-Hochhaus mit Vorhangfassade in Form einer aufrecht stehenden Schachtel.

Herzstück der verglasten Kongresshalle ist der kreisrunde Kongresssaal, der von einer Kuppel aus vorgefertigten Schalenelementen überdeckt wird. Die akustischen Besonderheiten der Kreisform versuchte man, durch dekorativ geformte »Diffusoren« an Wand und Decke zu lösen. Den runden Saal umgeben geradlinige, raumhoch verglaste Foyers mit kreisrund geschwungenen Wendeltreppen, die dem Ganzen eine Prise Ornamentik geben.
Das zwölfgeschossige Hochhaus ist eine Stahlskelettkonstruktion mit nach innen gesetzten Rundstützen, zwei getrennt angeordneten Erschließungskernen und einer gläsernen Vorhangfassade, der wahrscheinlich ersten »Curtain-Wall« der DDR. Neben Seminarräumen waren hier kulturelle Nutzungen, ein öffentliches Café, Bücherei und Clubräume untergebracht. Hinter den Säulen des Erdgeschosses, die beim Bau des Straßentunnels (1967 – 69) konstruktiv verstärkt werden mussten, erstreckte sich ein großzügiges Foyer.
Das besondere »Schmankerl« des Hochhauses war der das 3. und 4. Obergschoss umrundende Mosaikfries »Lebenskreis« von Walter Womacka, der Menschen in verschiedenen Phasen ihrer Ausbildung zeigt. Über die Gedanken Henselmanns beim Entwurf einer so pointiert gesetzten und schmuckvollen Einschnürung des Baukörpers (von den Berlinern »Bauchbinde« genannt), können wir heute nur noch Vermutungen anstellen. Historische Tatsache ist, dass das glaskeramische Material »Beute-Keramik« aus der U-Bahn-Station Schillingstraße war und sich in den zwei Dunkelgeschossen hinter dem Mosaik die Pädagogische Zentralbibliothek mit 225000 Bänden befand.
Das zweite Leben Die erste Sanierung der Achtziger hatte wohl aus planwirtschaftlichen, aber auch aus ästhetischen Erwägungen des Zeitgeschmacks heraus eine Entstellung der Vorhangfassade mit den berühmt-berüchtigten rotbraunen Spiegelgläsern zur Folge. Nach der Wende verfiel das solchermaßen verunstaltete Ensemble zusehends und wurde 1999 unter Denkmalschutz gestellt. Die Veranstaltungen im Haus verloren an Niveau und der Zahn der Zeit nagte unermüdlich. So sehr, dass das Mosaik zum Schutz der Passanten mit einem Fangnetz umhüllt werden musste, dessen »Ernte« der Hausmeister täglich einbrachte. Das »Haus des Lehrers« wurde in dieser Zeit von Kreativen als Büro und auch als Kunstobjekt genutzt. Besonders zu erwähnen sei hier die beleuchtete Fassade als Pixelmatrix nach Idee des Chaos Computer Clubs – die viel gerühmte Fassade des Grazer Kunsthauses ist also nicht gar so innovativ wie manche glauben. Bemühungen, die Pixelmatrix als urbanes Entertainment des Alexanderplatzes in die Sanierung mit einzuflechten, scheiterten – leider.
Das dritte und vorläufig letzte Leben Ab Anfang 2001 wurde das Ensemble als »Berliner Congress Center« entwickelt. Mit Umbau und Sanierung wurde der Berliner Architekt Kerk-Oliver Dahm beauftragt, der die Veränderungen in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz vornahm. Die bereits im September 2003 wieder eröffnete Kongresshalle wird als Kongresszentrum betrieben. Bauliche Details wie das Farbspektrum im Inneren des Hauses, die beiden Wendeltreppen, der »Sternenhimmel« im denkmalgerecht sanierten und doch im Detail flexibler nutzbaren Saal sowie die historische Deckenbeleuchtung im Foyer wurden wieder hergestellt, während im Untergeschoss vom derzeitigen Betreiber zusätzlich dringend benötigte Nutzflächen bauliche Neugestaltungen erforderlich werden ließen.
Das »Haus des Lehrers« wird nun als Bürogebäude genutzt. Die Mieteinnahmen des Hauses sollten laut anfänglichem Konzept den angeblich unwirtschaftlichen Betrieb der Kongresshalle subventionieren, demzufolge die Büroflächen auf 6700 Quadratmeter ausgedehnt wurden. Die Struktur des Hauses musste daher massiv (und teuer) verändert werden: Die beiden getrennten, ehemals großzügigen, doch wenig flächenwirtschaftlich angelegten Erschließungskerne wurden zu einem neuen, zentralen Erschließungstrakt mit zwei Treppenräumen verdichtet, die aus heutiger Sicht überdimensionierten Flurbereiche zu Gunsten einer Erweiterung der Bürofläche aufgegeben. Die zwei Geschosse hinter dem Wandfries wurden zu einem Geschoss mit (lichtbringender) Galerie zusammengefasst. Das Foyer verlor zwar durch die Verlegung der Treppenräume seine ursprüngliche Gestalt und erscheint gewöhnungsbedürftig, dennoch präsentiert sich das Ensemble heute von außen betrachtet im ursprünglichen Zustand, nur eben heller und frischer. Großen Anteil an diesem Eindruck haben der aufwändig erneuerte Mosaikfries und die neuen Klarglasfenster mit den zartblauen Brüstungsfeldern, die nach Diskussionen mit dem Denkmalschutz zum Glück heute wieder die Sechziger anklingen lassen.
Der im Dezember 2004 abgeschlossene Umbau lässt folgendes Resümee zu: Erstens steht Henselmanns Klassiker die Frischzellenkur ganz einfach gut zu Gesicht. Zweitens hat Dahm nicht nur den architektonischen, sondern auch den stadträumlichen Stellenwert des Ensembles am ostseitigen Abschluss des Alexanderplatzes erkannt; drittens war die Synthese aus sachgerechtem Denkmalschutz und zeitgemäßen räumlichen Nutzungskonzepten die Rettung für diesen Klassiker der Ost-Moderne – und dies ermöglichte nun das dritte Leben.
Till Wöhler
Bastelfreunde erhalten das Gebäude-Ensemble als Modellbogen bei der »edition faltplatte«: www.faltplatte.de.
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