Wohnhaus in Memmingen

Zwei in einem

Das »Ke 12«, ein Neubau in der Kemper Straße 12 in Memmingens Altstadt, sieht auf den ersten Blick nicht wie ein typisches Mietswohnhaus aus. Tatsächlich vereint es in seinem Innern aber zwei Einfamilienhäuser, deren Grundrisse geschickt ineinander verflochten sind und helle, in alle Himmelsrichtungen orientierte Räume offerieren. Mit seiner hofseitigen, dunklen Holzfassade passt es sich erstaunlich gut der umgebenden Bebauung an, auch wenn es mit seiner Formensprache die Kubatur des Vorgängerbaus neu interpretiert.

  • Architekten: SoHo Architektur Tragwerksplanung: DR. SCHÜTZ INGENIEURE
  • Kritik: Christine Fritzenwallner Fotos: Rainer Retzlaff, SoHo
»Bei dem Projekt handelt es sich um einen Neubau. Sollte es trotzdem für Sie interessant sein, können wir gerne Ihre Fragen beantworten.« Die Rückmeldung des Architekten auf ein paar Fragen zur »energetischen Sanierung« eines Wohnhauses in Memmingen, die sich im Zuge der Recherche unserer Novemberausgabe ergaben, überraschte. Und sie beschämte natürlich, hatten wir doch die Textzeilen neben den Bildern überlesen und schlichtweg angenommen, dass hier das alte Gebäude grundsaniert wurde. Unsere Fehlinterpretation geht jedoch auf eine der wesentlichen Qualitäten des Ersatzbaus zurück: Indem er die Kubatur des Vorgängerbaus, wenn auch vergrößert und mit deutlich erhöhtem Mansarddach, und die für Memmingens Altstadthäuser typische Giebelgliederung, wenn auch in verändertem Ausführungsstil, übernimmt, fügt er sich optisch in die Häuserzeile ein. Er wirkt nicht zwangsläufig neu, versteht sich nicht als Kontrast, wie man es von manch anderen Lückenschließungen kennt.
Gewöhnungsbedürftig
Der Denkmalschutz in Memmingen, der aufgrund der unter Ensembleschutz stehenden Altstadt bei Abriss- und Neubaugenehmigungen Mitspracherecht besitzt, sei da allerdings anderer Meinung, erklärte Architekt Alexander Nägele von SoHo beim Ortsbesuch. Aber auch die Baubehörde tat sich anfangs ›
› schwer mit der für sie fremdartig wirkenden Gestaltung. Die Architektursprache und -haltung von SoHo hatte sie bereits zwei Jahre zuvor kennengelernt, als das Büro auf dem Nachbargrundstück eine alte Schlosserei in ein Wohnhaus verwandelte. Dessen schlichte, würfelförmige Kubatur und dunkelbraune Holzfassade war für die Memminger Beamten mehr als gewöhnungsbedürftig. Nur mit Beharrlichkeit und dem Ausschöpfen aller baurechtlichen Möglichkeiten sowie einer aufgeschlossenen und mutigen Bauherrin im Hintergrund gelang es Nägele, seinen Entwurf wie geplant umzusetzen, d. h. den Wunsch eines Beamten nach einer Dachgaube zu ignorieren und die Holzfassade nicht mehr nachträglich, wie versprochen, zu weißeln. »Am Ende ging den Bauherren leider das Geld aus«, zwinkert Nägele. Doch ärgert er sich gleichzeitig über die »Perversion des Systems«, mit wie viel Energie und Ehrgeiz erst neue Architektur entstehen kann. Die Berichterstattung in der örtlichen Presse und rund 30 Leserbriefe konnten schließlich Angst und Unmut der Beamten etwas besänftigen, das »schwarze Haus« machte in positivem Sinne Furore, hatte beim »Tag der Architektur« insgesamt 1 000 Besucher – und brachte SoHo einen Folgeauftrag derselben Bauherrin ein: Nun sollten auf der Nachbarparzelle zwei zeitgemäße und große, hochwertige Mietwohnungen entstehen. Dafür allerdings war die Bausubstanz des Vorgängerbaus zu schlecht, der Grundriss zu verwinkelt, die Treppe an ungünstiger Stelle und die Raumhöhe schlichtweg zu gering. Der Abriss folgte.
Zum Hof und zum »schwarzen Haus« hin gewandt, ist die Fassade nun wiederum mit einer Holzschalung dunkelbraunen Anstrichs versehen. Die sägeraue Fichtenholzschalung passt sich so erstaunlich gut der umgebenden Bebauung an, deren rückwärtige Fassaden oder Dachgiebel vereinzelt ebenfalls von dunklen Holzschindeln oder -latten geprägt sind. Doch war es dieses Mal nicht die dunkle Hof-, sondern die u. a. in Sichtbeton geplante Lochfassade zur Straße hin, die in der Genehmigungsphase für – durchaus nachvollziehbare – Diskussionen sorgte. In diesem Fall überarbeiteten SoHo den Entwurf ›
› auch zu ihrer Zufriedenheit so, dass sich der dahinterliegende Grundriss nun deutlich weniger nach außen abzeichnet, sich ein ruhigeres Bild ergibt und ein dreifach gespachtelter Kalkzementputz aus Italien die Oberfläche »veredelt«. Die im Memminger Stadtbild typische Giebelgliederung wird insofern fortgeführt, als dass ein dezenter Versatz im Putz die Geschossigkeit des Hauses markiert.
Geschickt alternierend
Die eigentliche Besonderheit des Baus zeigt sich aber erst im Innern, das zwei »Einfamilienhäuser« in einem einzigen Neubau vereint und so laut SoHo »mitten in der Stadt alle Annehmlichkeiten des Wohnens auf dem Lande bietet«: Helle und flexible Wohnungen, die sowohl eine Terrasse, einen Balkon als auch eine Dachterrasse umfassen und zugleich in alle Himmelsrichtungen orientiert sind. Gelungen ist dies über ein geschicktes Ineinander-Verschachteln zweier Wohnungen, die zwar beide von der Straßenseite im Osten über zwei getrennte Eingänge erschlossen werden und sich ebenerdig bis zum Hof im Westen erstrecken, dann aber, nach oben, um 90 Grad gedreht wurden. Parallel zur innenliegenden Sichtbetontreppe sind sie so also pro Stockwerk mal zur Straßen- und mal zur Hofseite orientiert. Am deutlichsten wird der Gewinn des steten Richtungswechsels im 2. und 3. OG, wo die Bäder bzw. Dachterrassen zusätzlich von Süden oder Westen belichtet sind. Die Ebenen zur Straße hin, in dem beide Mieter ihre Schlafräume und Arbeitszimmer ansiedelten (1. bzw. 2. OG), kann sinnvollerweise in drei Achsen unterteilt werden, was sich nach außen im Bild des sogenannten Dreifensterhauses widerspiegelt.
Um die Akustik bestmöglich in den Griff zu bekommen – was gerade in Anbetracht der ineinanderverschachtelten beiden Wohnungen sinnvoll erscheint –, sind die Wände zwischen den Wohnungen und um das Treppenhaus herum in Beton und nur zu den Nachbarhäusern in Mauerwerk ausgeführt. Das oberste Geschoss, das nach außen zwar ein klassisches Mansarddach nachzeichnet, dessen Kniestock aber erst bei rund 1,50 m beginnt und so im Innern mehr Raum bietet, ist als Holztragwerk konstruiert.
Gewollte Rauigkeit und Robustheit
Außer bei der Sichtbetontreppe sowie im Eingangsbereich, wo ein Zementestrich den Boden überzieht, und in den entweder grün, braun, schwarz ›
› oder weiß gefliesten Bädern sind die Bodenbeläge aus unbehandelten Bohlen aus Weißtanne. Sie enden mit 1 cm Abstand zur Wand in einer offenen Schattenfuge. Eine solche Anmutung und einfache Ausführung mag nicht jedermanns Sache sein. So war auch die meistgestellte Frage am »Tag der Architektur« die der Fußbodenreinigung. »Man kann die Flecken ganz altmodisch mit Seifenwasser und Bürste entfernen«, erklärt Nägele, der inzwischen selbst in einer der beiden Wohnungen lebt. Für ihn gehören Schrammen und Flecken jedoch dazu, und so stört es ihn auch nicht, wenn der Boden deutliche Gebrauchsspuren zeigt, oder dass Ecken bereits ein paar Macken und die Fassade in den Fensterlaibungen schon einen deutlichen Grauanteil aufweisen. Wichtiger ist ihm die Behaglichkeit im Innenraum, und die spürt man deutlich: Selbst am winterlichen Herbsttag im Oktober musste noch nicht geheizt werden – durch die dreifachverglasten, großen Fenster nach Osten und Westen fällt viel Licht und Sonne in die Räume, deren Wärme die 49 cm dicken Wände aus dämmenden Mauerwerkssteinen im Innern halten. Eine kleine Öffnung nach Süden im Essraum der einen und ein Oberlicht in der anderen Wohnung verstärken die angenehme Innenraumatmosphäre. Weiße Einbaumöbel wie eine große Schrankwand im Schlafzimmer oder die offene, fein gegliederte Küche tun ihr Übriges.
Gespannt beobachtet Nägele die Baustelle schräg gegenüber, wo ein ortsansässiges Bauunternehmen einem derzeitigen Rohbau bereits auch ein großes, quadratisches Fenster verpasst hat. Ob sich nun also im Viertel Nachahmer seiner zunächst umstrittenen Architektur finden? •
  • 1 Dämmung, druckfest, auf Ringanker gedübelt
  • 2 Betonfertigteil mit Tropfnase
  • 3 Wärmedämmung, mineralisch, weich
  • 4 Dachaufbau: Biberschwanzdeckung Dachlattung, 30 x 50 mm Konterlattung, 30 x 50 mm Rispenband, aussteifend Rinne, an Lattung und DWD-Platte befestigt Notrinne, Abklebung bis Unterdach regensicheres Unterdach, DWD-Platte, 16 mm Sparren, 120 x 240 mm, dazwischen Wärmedämmung OSB-Platte, dampf-luftdicht verklebt, 15 mm Ausgleichs-/Installationslattung 50 x 60 mm Gipskarton, F60, 15 mm
  • 5 Wandaufbau: Kalkputz, geglättet, 25 mm Ziegelmauerwerk, 490 mm Kalkzementputz, 10 mm
  • 6 Dämmung im Gefälle
  • 7 Fassadenaufbau: Schalung, horizontal, sägerau, lackiert, 30 mm Grundlattung 30 x 50 mm Insektenschutzgitter oben und unten Holzkonstruktion, 60 x 160 mm Fassadenbahn Wärmedämmung, 160 mm Stahlbetonwand, 200 mm Kalkzementputz, 10 mm
  • 8 Trägerplatte, 22 mm
  • 9 Geländeraufbau: Biberschwanzdeckung Dachlattung 30 x 50 mm Konterlattung 30 x 50 mm DWD-Platte, 16 mm Holzkonstruktion, 120 mm OSB-Platte, 22 mm Lattung, 50 x 30 mm Horizontale Dreischichtplatte, Fichte, lackiert Insektenschutzgitter oben und unten Rinnenauslauf Notüberlauf
  • 10 Deckenaufbau: Bohlenbelag, Lärche, 26 x 124 mm Unterkonstruktion, 50 mm Bautenschutzmatte zwischen Unterkonstruktion und Dachabdichtung Dachabdichtung, zweilagig, verklebt 15 mm Gefälledämmung, 100 mm Dampfsperre, Notabdichtung Kaltbitumen Voranstrich Stahlbetondecke, 200 mm Kalkzementputz, 10 mm
db-Ortstermin
Am 18. Januar um 15 Uhr laden wir Sie ein, den Neubau »Ke 12« wie auch das benachbarte »schwarze Haus« gemeinsam mit dem Architekten zu besichtigen. Anmeldungen bis zum 2. Januar unter:

Memmingen (S. 42)

SoHo Architektur
Alexander Nägele
1970 in Memmingen geboren. 1994-99 Architekturstudium an der FH Augsburg. 2000-06 gemeinsames Büro mit Jörg Schießler, seit 2007 Büro in Memmingen. 2010 Berufung in den BDA und den AKJAA des BDA.
Christine Fritzenwallner (cf)
1975 geboren. 2001 Diplom FH Kaiserslautern. Bis 2002 Bürotätigkeit. 2002 in der Redaktion von xia IntelligenteArchitektur, 2002-04 bei Detail. Seit 2004 bei der db.