»The Street Inside«

Straßensport- und Jugendkultur-Zentrum »Streetmekka« in Viborg (DK)

In der dänischen Kleinstadt Viborg hat das Kopenhagener Architekturbüro EFFEKT eine leer stehende Industriehalle in ein lebendiges Zentrum für Straßensport und Jugendkultur verwandelt. Die anspruchsvolle Gestaltung des Umbaus steht dabei auch für die Ernsthaftigkeit, mit der soziale Arbeit bei unseren Nachbarn im Norden betrieben wird.

Architekten: EFFEKT
Tragwerksplanung: Rambøll

Kritik: Robert Uhde
Fotos: EFFEKT / Rasmus Hjortshøj

Jahrelang wurden im jütländischen Viborg Rotoren für Windkraftanlagen der Firma Vestas produziert. Nach der Verlagerung der Produktion blieb davon lediglich eine verlassene Halle aus Stahlbeton, die anschließend ein paar Jahre leer stand, übrig. Doch statt den unweit vom Bahnhof in einem öden Gewerbegebiet gelegenen Bau aus den 70er Jahren einfach weiter verfallen zu lassen, entschied sich die Gemeinde 2016 nach längerer Überlegung zum Ankauf der Halle. Sie sollte nach dem Vorbild der drei Städte Kopenhagen, Esbjerg und Aalborg und in enger Kooperation mit dem dort bereits aktiven gemeinnützigen Verein GAME zu einem weiteren Straßensport- und Jugendkultur-Zentrum umgewandelt werden.

»Streetmekka«

Das mit rund 60 Mitarbeitern besetzte Team von GAME ist in sämtlichen Brennpunktvierteln Dänemarks tätig und bietet außerdem im Libanon sowie in mehreren afrikanischen Staaten Straßensport-Projekte in Verbindung mit Jugendkulturarbeit an.

Mit ihren »Streetmekka« genannten Zentren hat die Non-Profit-Organisation dieses Engagement noch weiter ausgebaut: »Ganz bewusst bieten wir damit ein niederschwelliges und integratives Indoor-Angebot für Jugendliche, die sich von klassischen Vereinssportarten wie Fußball oder Handball nicht angesprochen fühlen und die eher informelle Angebote zur Freizeitgestaltung suchen«, berichtet GAME-Manager Thomas Gissel.

Die gute Nachricht dabei: Im traditionell stark sozial ausgerichteten Dänemark lassen sich solche Ideen dann auch verwirklichen! Denn das innovative, gemeinsam mit einem großen Netzwerk an Pädagogen, Streetworkern und Psychologen umgesetzte Angebot des Vereins wird nicht nur durch die jeweiligen Kommunen, sondern auf Basis des Programms Lokale- & Anlægsfonden auch durch den dänischen Staat sowie durch weitere Sponsoren großzügig unterstützt und gefördert.

Herausfordernde Dimensionen

In Viborg war GAME bereits seit mehreren Jahren im Brennpunktviertel Ellekonebakken tätig: Schnell entwickelte sich deshalb die Idee, die Arbeit des Vereins vor Ort durch die Eröffnung eines Streetmekka-Zentrums in der leer stehenden Vestas-Halle zu erweitern. Nach längeren Gesprächen gelang es, neben den Verantwortlichen der Stadt Viborg auch weitere lokale Auftraggeber von dem Projekt zu überzeugen. 2017 konnte daraufhin ein begrenzter Wettbewerb ausgeschrieben werden, bei dem schließlich der gemeinsam eingereichte Vorschlag der Kopenhagener Architekten EFFEKT und des Landschaftsplanungsbüros BOGL ausgewählt wurde.

Das Büro EFFEKT hatte 2016 bereits die Umnutzung eines ehemaligen Lokschuppens zum Streetmekka in Esbjerg geplant: »Dabei hatten wir es allerdings mit mehreren kleineren Hallen zu tun, die wir jeweils für unterschiedliche Funktionen nutzen konnten«, berichtet Projektarchitekt Ulrik Mathiasson. Hier in Viborg standen die Architekten demgegenüber vor der Herausforderung, einen einzigen großen Innenraum zu bespielen, der zwar im Innern mit seinen beeindruckenden Proportionen und dem mächtigen Stahlbetontragwerk fast schon an eine Kathedrale erinnert, von außen aber als völlig belanglose Kiste in Plattenbau-Ästhetik daherkam. Ausgehend von diesem Befund und in enger Absprache mit dem Bauherrn sowie den Verantwortlichen bei GAME entwickelten die Planer schließlich die Idee, den rohen Charakter der Halle beizubehalten, die typologisch bedingte Abschottung der Halle aber bewusst aufzubrechen. Mit wenigen Eingriffen sollte so eine deutlich extrovertierte Architektur entstehen, die bereits auf den ersten Blick aus ihrer Umgebung hervorsticht.

Überleitende Bereiche

Zur Umsetzung dieser Wirkung wurden zunächst die zuvor geschlossenen Außenwände an den beiden Stirnseiten des rechteckigen Gebäudes abgebrochen und jeweils durch eine gebäudehohe Glasfassade ersetzt. An der Ostseite leicht eingerückt angeordnet, wird dort die neue Hülle zur einladenden und durch einen Pfeil aus Leuchtstoffröhren zusätzlich markierten Eingangsfront. Parallel dazu wurden auch die Fassaden nach Norden und Süden teilweise geöffnet, um hier sowohl neue Flächen zu gewinnen und eine optimierte Nutzung der bestehenden Anschlüsse und Versorgungsleitungen zu erreichen als auch eine bessere Trennung der verschiedenen Funktionen zu ermöglichen.

Um trotz der verschiedenen Eingriffe eine homogene Außenansicht zu erhalten und dadurch auch einen wohltuenden Kontrast zum eher tristen Umfeld zu schaffen, wurde die in Stahlbauweise erweiterte Halle abschließend durch eine luftig wirkende Membran aus 5 cm dicken transluzenten Polycarbonat-Platten umhüllt. Das lichtdurchlässige Material sorgt im Verbund mit den zuvor bereits bestehenden, neu gestalteten Oberlichtern für ausreichend Tageslicht im Innenraum und lässt die Architektur je nach Tageszeit und Lichtverhältnissen als urbane, beinahe entmaterialisierte Lichtinstallation erscheinen, die bereits von außen die verschwommenen Umrisse von Nutzern und Tragstruktur der Halle erahnen lässt. Die unterschiedlich großen, an mehreren Stellen in die Hülle integrierten Rücksprünge schaffen zudem Raum für witterungsgeschützte Nischen. Dies betont zusammen mit größeren, leicht zurückliegend eingelassenen Fenstern, verschiebbaren Torelementen, Spielfeldböden aus Asphalt und den sowohl von Nutzern als auch etablierten Künstlern gestalteten Graffitis den programmatisch gewünschten fließenden Übergang zwischen innen und außen: »Der Raum fungiert so gewissermaßen als Street Inside«, bringt Ulrik Mathiasson das Konzept auf den Punkt.

Freigehaltene Fläche

Ähnlich offen und luftig präsentiert sich auch der insgesamt 3 170 m² große Innenraum der Halle mit seinem vorhandenen Betonboden sowie den neu eingefügten Box-in-Box-Einbauten aus recyceltem und unbehandeltem Holz. Im Bestand des eingeschossigen Verwaltungsriegels an der Südseite wurden ein Bürotrakt, ein separater Mitarbeitereingang sowie eine Holz- und eine Metallwerkstatt integriert, das darauf aufgestockte neue Geschoss beherbergt ein Künstleratelier, Toiletten sowie mehrere Workshop-Räume, darunter ein Musikstudio für DJ-Aufnahmen, ein Animationsstudio und eine bestens ausgestattete FabLab-Werkstatt. Die neu hinzugewonnenen Flächen in Richtung Norden haben die Planer demgegenüber genutzt, um einen fließend nach außen geöffneten, dabei teilweise überdachten und rund um die Uhr zugänglichen Bereich für Skateboard-Aktivitäten zu schaffen.

Durch die hinzugewonnene Fläche in den Randbereichen war die der Halle selbst weitgehend freigeblieben, sodass die Planer hier große zusammenhängende Plätze für Street-Basketball im östlichen Bereich sowie abwechslungsreich gestaltete Hindernisse für Parkour- und Trial-Akteure im westlichen Teil unterbringen konnten. Komplettiert wird der Raumeindruck durch neu eingefügte Tribünenelemente aus Holz sowie einen mittig in die Halle eingestellten zweigeschossigen Box-in-Box-Einbau, der neben einem großen Tanzsaal in der oberen Ebene auch einen lässigen Aufenthaltsbereich bereithält. Die Möbel hierfür wurden teilweise durch die Nutzer selbst angefertigt. Zur Temperierung des Gebäudes auf 16 (Halle) bzw. 21°C (Büros und Studios) im Winter wurde eine konventionelle Heizungsanlage eingebaut.

Eingesparte Mittel

Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente und unter bestmöglicher Weiternutzung des Bestands sowie der vor Ort gewonnenen und teilweise recycelten Materialien haben die Planer einen überaus robusten, dabei flexibel nutzbaren Raum geschaffen, an dem sich die Jugendlichen zwanglos treffen können und unterschiedliche Talente erfahren und ausleben können. Interessant dabei: »Trotz der hohen Funktionalität und der außergewöhnlich großen Nachfrage liegen die Kosten mit rund 2 Mio. Euro lediglich bei einem Drittel von herkömmlich errichteten Sporthallen«, wie Ulrik Mathiasson anmerkt.

Um das Projekt noch enger an die Stadt anzubinden, planen die Verantwortlichen gegenwärtig einen neuen Fußgänger- und Radweg in Richtung Zentrum und Bahnhof. Mittelfristig ist außerdem vorgesehen, auch die Nachbargebäude sukzessive einer neuen Nutzung zuzuführen und so einen jungen, extrovertierten neuen Stadtteil zu entwickeln. Eine schöne Perspektive, die sich so oder ähnlich auch in zahlreichen anderen Kommunen umsetzen ließe: Leerstehende Industriehallen, die sehnlichst auf eine neue Nutzung warten und deren Erhalt eine Menge Grauer Energie einsparen würde, gibt es schließlich nicht nur in Dänemark. Ähnlich sah das übrigens auch die Jury des renommierten Mies van der Rohe Awards, die das Gebäude 2019 nominierte. Für Mathiasson ist das »ein schöner Erfolg, der uns dazu motiviert, unsere Ideen weiter zu verfolgen!«

Bestand, Rückbau, Ergänzung: EFFEKT, Kopenhagen
Grundriss EG: EFFEKT, Kopenhagen
Grundriss 1. OG: EFFEKT, Kopenhagen
Lageplan: EFFEKT, Kopenhagen
Schnitt: EFFEKT, Kopenhagen

  • Standort: Nellikevej 2, DK-8800 Viborg

Bauherr: Viborg Kommune und GAME mit finanzieller Unterstützung von Realdania, Lokale- & Anlægsfonden, TrygFonden and NordeaFonden
Architekten: EFFEKT, Kopenhagen
Projektteam: Tue Hesselberg Foged, Sinus Lynge, Ulrik Mathiasson, Christoffer Gotfredsen, Virginie Le Goffic, Yulia Kozlova, Evgeny Markachev, Nicolai Duedahl Hende
Tragwerksplanung: Rambøll, Kopenhagen
Generalunternehmer: Thomas Andersen, Skive
Landschaftsarchitektur: BOGL, Kopenhagen
Beratung: Luke Jouppi, Beaver Concrete (Skate); Lars Pedersen (Street Art); Bjørn Lisager (Bouldering); Jonathan Linde (Parkour); Nørlum (Digitale Kunst und Animation)
Gesamtnutzfläche: 3 800 m²
Außenraumfläche: 6 000 m²
BRI: 28 800 m³
Baukosten: 2,3 Mio. Euro
Bauzeit: Mai 2017 bis März 2018

  • Beteiligte Firmen:

Polycarbonat-Stegplatten: arcoPlus®626, dot.gallina, La Loggia, www.gallina.it
Dachdichtungsbahnen: Icopal, Werne, www.icopal.de
Fenster: FP gruppen, Skive, www.fpgruppen.dk
Aluminium-Glas-Fassade: Fjelsø, Aalestrup, https://fjelso.dk
Türen: Swedoor, Løgstør, www.swedoor.dk
Bodenbelag: Saint-Gobain Weber, Düsseldorf, www.de.weber
Trockenbau-Wandplatten: fermacell, Düsseldorf, www.fermacell.de
Leuchten: solar light, Vejen, www.solarlight.dk
Tragstruktur Stahl: Langkjær Stålbyg, Vildbjerg, https://staalbyg.dk
Stahltreppen, -balkone, -tore: Kims Stål & Porte, Roslev, https://kimsstaal.dk


Beim Besuch des Streetmekka im dänischen Viborg hatte unser Kritiker Robert Uhde nicht nur die Architektur im Blick, sondern war auch schwer beeindruckt von den halsbrecherischen Aktivitäten auf dem Trial-Parcours. Was für ein irrer Sport!


EFFEKT

Tue Hesselberg Foged
Architekturstudium an der Königlichen Dänischen Kunstakademie, 2005 Master. Seit 2007 gemeinsames Büro mit Sinus Lynge. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten, Mitglied in Prüfungskommissionen.

Sinus Lynge
Architekturstudium an der Königlichen Dänischen Kunstakademie, 2005 Abschluss. Seit 2007 gemeinsames Büro mit Tue Hesselberg Foged. Lehrtätigkeit an der Königlichen Kunstakademie Kopenhagen, Gastprofessur an der Universität Washington.