db-Studentenwettbewerb für Architekturkritik: 3. Preis

Naturparkhaus am Steinhuder Meer

Ein See, ein Steg, ein Haus.
Jurybegründung:
Nachvollziehbar und anschaulich werden die Entwurfsideen betrachtet und in Zusammenhänge gestellt. Die umfassende Betrachtung entwickelt sich entlang der db-Kriterien und scheut auch nicht die Aufweitung der Betrachtung auf die Szenografie im Gebäudeinnern, die wiederum mit klarer Haltung kritisiert wird.

Architekten: btp architekten, Hannover
Kritik: Maike Groschek (Hochschule Bochum)

Ein Vorhang aus Cortenstahl umschließt das Naturparkhaus in Mardorf am Steinhuder Meer. Eingebettet in die Dünenlandschaft und umgeben von Kiefern bietet das Haus eine Anlaufstelle für Spaziergänger. Folgt man dem Steg in das zweigeschossige Gebäude, erfährt man, was sich hinter dem Vorhang verbirgt.

Das Steinhuder Meer ist eine beliebte Freizeitregion. Etwa 30 km vor den Toren Hannovers liegt Niedersachsens größter Binnensee, umgeben von einem einzigartigen Naturparadies: ausgedehnte Moorflächen, schwimmende Wiesen, eiszeitliche Moränenlandschaften. Der Naturpark ist Lebensraum für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Auf Aussichtsplattformen und Erlebnispfaden lassen sich Seeadler, Laubfrosch und Torfmoos beobachten. Für diesen Ort galt es, ein Informationszentrum zu entwerfen – das Naturparkhaus in Mardorf.

Im Rhythmus der Kiefern

Das Grundstück am Nordufer ist geprägt von der Dünenlandschaft, hohen Kiefern und den Stegen am Ufer des Sees. Diese drei Motive spiegeln sich auch im Entwurf wider, mit dem die Hannoveraner Architekten Nils Brandenburg und Oliver Tebarth 2014 den Wettbewerb gewannen. Trotz seiner kubischen Strenge und industriellen Materialität verbindet sich das Haus über Farbigkeit, Textur und räumliche Inszenierung mit der Landschaft. Ein Steg führt in und durch die Ausstellung des Hauses und setzt so die charakteristische Wegführung des Parks im Innern fort. Rostbraune Cortenstahl-Lamellen legen sich wie ein Vorhang um das OG. Sie greifen Farbigkeit und Rhythmus der Kiefern auf. Die Unterkante der unterschiedlich langen Stäbe zeichnet sich als dünenartige Wellenbewegung vor dem silbergrauen Betonsockel ab. In den großen Fensterscheiben spiegeln sich Himmel und Wolken.

Stimmiger Materialkanon

Man erreicht das Haus nur zu Fuß oder per Rad. Der nächste Besucherparkplatz liegt einige Hundert Meter entfernt. Entlang des Uferwegs ist der Blick auf den 2900 ha großen See durchgehend frei und allenfalls von einzelnen Bäumen oder Sträuchern eingerahmt. Auffällig sind die vielen Stege am Ufer, die von Kanu- und Bootsfahrern fast ganzjährig genutzt werden. Bereits von Weitem ist das Naturparkhaus erkennbar. Ein Weg aus Eichenholzbohlen ermöglicht von zwei Seiten den barrierefreien und geradlinigen Eintritt in das Gebäude. Hinter dem Informationstresen eröffnet ein großes Panoramafenster den Blick auf den See. Im Übrigen ist das EG ein fensterloser Ausstellungsraum. Neben Beton, Stahl und Glas ergänzt helles Holz im Innenraum den Materialkanon und erzeugt eine gewisse Behaglichkeit.

Über die gesamte Länge des Hauses durchschneidet ein zweigeschossiges Atrium den Raum. Ein Lichtband im Dach sorgt für viel Tageslicht im EG und erzeugt eine großzügige Raumwirkung in dem kompakten Gebäude. Im OG wird das Motiv des Stegs konsequent weitergeführt. Eine Brücke verbindet die Büroräume beider Gebäudehälften. Hier oben befindet sich auch eine kleine Wohnung für einen Absolventen des freiwilligen ökologischen Jahres. Anders als im EG hat hier jeder Raum große Fenster, die den Ausblick auf den See und die umliegende Natur ermöglichen.

Energieeffizient und ästhetisch

Konstruktiv und energetisch hält das Naturparkhaus, was sein Name verspricht: Die Architekten konzipierten ein nachhaltiges Gebäude in Passivhaustandard. Die Kompaktheit des Baukörpers wirkt sich durch das gute Verhältnis von Oberfläche zu Volumen positiv auf die Energieeffizienz aus. Das EG bietet mit seiner zweischaligen gedämmten Betonwand Masse zur Wärmespeicherung. Die mit Faserzementplatten bekleidete, leichte Holzkonstruktion des OGs ist ökologisch und ökonomisch angemessen. Fensterprofile aus Eichenholz sind außenseitig mit Aluminiumschalen bekleidet und farblich auf die Fassadenpaneele abgestimmt. Ein Sonnenschutz ist dezent im Scheibenzwischenraum integriert. Die rostbraunen Cortenstahl-Lamellen

vor der Fassade werden über einen Tragriegel an der Holzkonstruktion der Geschossdecke und der Dachkonstruktion gehalten. Sie sind für das Gesamterscheinungsbild von großer ästhetischer Bedeutung. Auch wenn sich die Frage stellt, welchen Nutzen der stählerne Vorhang, abgesehen vom gestalterischen Aspekt, erfüllt, darf dem rundum gelungenen Bauwerk dieser kleine gestalterische Luxus wohl zugestanden werden. Auf dem Dach bildet eine extensive Begrünung den naturverbundenen Abschluss. Die großen, nach Süden gerichteten Fensterflächen leisten einen wesentlichen Beitrag zur passiven Solarwärmegewinnung. Besonders die tiefstehende Sonne im Winter und den Übergangsmonaten trägt hier zu einem energieeffizienten Gebäudebetrieb bei. Ein hocheffizienter Gas-Brennwertkessel unterstützt bei der Optimierung der Energiebilanz. Ein Pufferspeicher sammelt überschüssige Energie zur Warmwasserbereitung, zur Restwärmebereitstellung und zur Aufheizung nach längeren Ruheperioden. Die Be- und Entlüftung erfolgt zentral über Komfortlüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung.

Verstellter Raum

Das Naturparkhaus ist als Gebäude und als Ausstellung eine Attraktion für Hunderte von Besuchern im Jahr. In seiner Kompaktheit, der Transformation lokaler Materialität und gleichzeitigen Repugnanz [Divergenz, Anm. d. Red.] mit der Naturlandschaft setzt das Haus einen stimmigen Akzent am Nordufer des Steinhuder Meers. Weniger stimmig wirkt die Ausstellungsinstallation. Trotz der Absichtserklärung der Mühlheimer Ausstellungsmacher Kessler & Co, »Die Szenografie der Ausstellung ist durch die Architektur des Naturparkhauses inspiriert«. Dort, wo der Raum sich weitet, verstellen gespannte Segel den Blick. So wirkt der Holzbohlenbelag nicht mehr wie ein Steg im Moor, sondern wie ein gewöhnlicher Flur. Diese Szenografie konterkariert eine zentrale Idee des Architekturkonzepts. Schräg stehende Ausstellungswände und schief geschnittene Displays stehen in kaum nachvollziehbaren Widerspruch zur Orthogonalität des Hauses. Eine 13,5 m lange Fototapete mit einer Großaufnahme vom Moor scheint für den Raum überdimensioniert und auch angesichts des überschaubaren Informationsgehalts unangemessen. Demgegenüber steht unausgewogen die Kleinteiligkeit der interaktiven Installationen und Exponate. Sie umfasst alles, was heute so üblich ist in sogenannten interaktiven Ausstellungsinszenierungen – vom Torfklumpen bis zum Touchscreen.

Identitätsstiftende Architektur

Und dann die Möblierung: Der gerundete Infotresen wirkt, als habe er sich aus einer Sparkassenfiliale der 90er Jahre ins Naturparkhaus verirrt. Vis-à-vis steht eine Kinderspielgruppe lieblos in den Raum gewürfelt. Hier kommt es zum Bruch mit der Raumidee der Architekten. Dem Ort und dem Thema wären zu wünschen gewesen, dass die innenräumliche Inszenierung eine besondere atmosphärische Dichte erfährt. Das Haus selbst ist in seiner Klarheit robust genug, um das auszuhalten. Und das ist, was zählt. Denn Ausstellungen kommen und gehen, aber die Architektur ist und bleibt ein weiteres identitätsstiftendes Element im großen Naturpark Steinhuder Meer.


  • Standort: Uferweg 118, 31535 Neustadt am Rübenberge

Bauherr: Region Hannover
Architekten: btp architekten, Hannover
Mitarbeiter: Oliver Tebarth (Projektleitung)
Ausstellungsgestaltung: Ausstellung: Kessler & Co, Mülheim
BGF: 600 m²
Bauzeit: Anfang 2016 bis Anfang 2017


Am Tag der Fotoaufnahmen war nicht nur die Fassade des Naturparkhauses stählern sondern auch die Kälte: Bei –15 °C Außentemperatur konnte die Kritikerin Maike Groschek das Wasser zu Eisschollen gefrieren sehen.