... in die Jahre gekommen

Schauspielhaus Düsseldorf

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, kurz »D’haus«, ist eine Diva. Ebenso expressiv wie enigmatisch hatte sie vor fast 50 Jahren ihren Platz in der Stadt eingenommen, doch Standort und Gebäude haben im Grunde noch nie richtig zusammengepasst. In unmittelbarer Nachbarschaft inszenieren ingenhoven architects nun den Kö-Bogen neu. Dabei soll auch der stolzen Protagonistin – nach ihrer derzeit noch laufenden Sanierung – eine adäquate Rolle im städtischen Gefüge zuteilwerden.

Architekt: Bernhard Pfau

Kritik: Uta Winterhager
Fotos: Manfred Hanisch, Sebastian Hoppe, Steffan Sturm, ingenhoven architects, Uta Winterhager

1965-1970

Im Spätherbst 2018 ist der Blick vom kürzlich sanierten Dreischeibenhaus (H. Hentrich, H. Petschnigg, F. Eller, E. Moser, R. Walter, 1960) spektakulär. Direkt zu seinen Füßen ist der Büro- und Geschäftskomplex Kö-Bogen II in den letzten Monaten fünf Geschosse nach unten und ebenso viele nach oben gewachsen. Das eigenwillig abgeschrägte Bauvolumen wird künftig den Gustaf-Gründgens-Platz – momentan noch Baugrube und randvoll mit Baustelleninfrastruktur – zusätzlich fassen. Eine provisorische Straße trennt die Grube vom Schauspielhaus, das derzeit seiner weißen Fassadenbekleidung beraubt, nur in Folie gehüllt auf das Geschehen blickt und mit ungebrochenem Stolz auf einem Banner am Bühnenturm verkündet: »Wir spielen weiter!«. Dabei hat das eine, die städtebauliche Neuordnung, mit dem anderen, der Sanierung des seit 1998 als Denkmal eingetragenen Schauspielhauses, ursächlich nichts zu tun. Und doch liegt darin die einmalige Chance, das Theater endlich in die Stadt zu holen. Beauftragt mit der Sanierung von Dach und Fassade (Bauherr: Landeshauptstadt Düsseldorf nach öffentlichem Vergabeverfahren) sowie der Publikumsbereiche (Bauherr: Neue Schauspiel GmbH als Direktvergabe) wurden auch hier ingenhoven architects.

Was tut die Ikone für die Stadt?

Auch 1959, als die Stadt Düsseldorf den Wettbewerb für den Neubau ihres Schauspielhauses auf einem Trümmergrundstück am Hofgarten auslobte, dachte sie groß, damals jedoch nicht in größeren Zusammenhängen. Sie hatte zwar sämtliche prominente Architekten jener Zeit zur Teilnahme aufgefordert, doch weder Le Corbusier, noch van der Rohe oder Gropius folgten der Einladung. 58 Arbeiten wurden eingereicht, Richard Neutra, Ernst Friedrich Brockmann und der Düsseldorfer Bernhard Pfau (1902-1989) überarbeiteten in einer zweiten Phase ihre Entwürfe. Schließlich überzeugte Pfau mit einer an Aalto erinnernden, organischen Formgebung und deren »erstaunlich guter städtebaulicher Wirkung« die Jury. Die ausladenden Schwünge des in seiner weißen Hülle quasi entmaterialisierten, schwebenden Solitärs hatten zwar Ikonenpotenzial, doch zur schlüssigen Gliederung des städtischen Raums leisteten sie keinen Beitrag: Pfau hatte seinen Entwurf bewusst auf den Hofgarten und nicht auf die mit dem Thyssen-Hochhaus markierte Stadtseite ausgerichtet. Zudem setzte Friedrich Tamms, Architekt der 2013 abgerissenen Düsseldorfer Hochstraße »Tausendfüßler« und seit 1960 Baudezernent der Stadt, zwei wesentliche Änderungen an Pfaus Entwurf durch: Zum einen verschob er das Gebäude Richtung Hofgarten, damit stadtseitig ein Vorplatz, der heutige Gustaf-Gründgens-Platz, entsteht und zum anderen wurde der Grundriss an der Nord-Süd-Achse gespiegelt, damit der Bühneneingang, die Theaterrückseite, nicht dem Dreischeibenhochhaus zugewandt ist.

Erzwungene Stellungnahme

Im Januar 1970 wurde das D’haus nach fünfjähriger Bauzeit unter lautstarkem Protest derer eröffnet, die in der Geschlossenheit der skulpturalen Großform das Symbol eines elitären Kulturverständnisses sahen. Annähernd 50 Jahre später wurde ihm ausgerechnet seine charakteristische weiße Hülle fast zum Verhängnis. Die Halteklemmen, die die fein gewellten, bis zu 16 m hohen und nur 30 cm breiten Stahlelemente an der Außenwand hielten, waren mit der Zeit korrodiert. Ein vorhersehbarer Bauschaden, da es keine Attikaabdeckung gab, die das Eindringen von Wasser hinter die Fassadenbekleidung hätte verhindern können. Wohl war die seinerzeit von Thyssen hergestellte Bekleidung verzinkt und kunststoffbeschichtet, nur eben ihre Unterkonstruktion nicht. Der Absturz von Stahlelementen und damit sogar der Abriss des ganzen Gebäudes drohte, da für den Erhalt des Hauses die weiße Hülle vollständig abgenommen und denkmalgerecht aber ohne bauphysikalische Kompromisse ersetzt werden musste – eine kostspielige und aufwendige Angelegenheit. Doch die Stadt entschied sich für den Erhalt ihres außergewöhnlichen Theatergebäudes. Um das Vorhaben zu erleichtern, erwarb sie sogar Anfang 2017 für 700 000 Euro die Urheberrechte vom Sohn des Architekten. In der Folge gelang es der Kampagne »Schauspielhaus2020 – Düsseldorfer Bürger für ihr Theater« knapp die Hälfte der veranschlagten 12 Mio. Euro für die Modernisierung und Sanierung der Foyers und Besucherinfrastruktur über Spenden zusammenzutragen, ein besseres Zeugnis für die Verbundenheit der Bürgerschaft hätte sich die Stadt kaum wünschen können.

Die neuen Fassadenelemente, werden dem gewellten Original entsprechend speziell gefertigt; dieses Mal jedoch aus Aluminium, ebenso wie die Unterkonstruktion. Für Außenstehende kaum sichtbar ist die Sanierung der Dachflächen, an denen seit den frühen 80er Jahren immer wieder neue Schichten Teerpappe aufgebracht wurden, ohne die latente Undichtigkeit je zu beheben. Der von ingenhoven architects geplante und abschnittsweise realisierte neue Dachaufbau entspricht heutigen Standards, wird aber – trotz der neu hinzugefügten extensiven Begrünung – nicht dicker als das Original.

»Vorhangfassade«

Es macht die Sanierungsarbeiten sicher nicht einfacher, dass sie bei laufendem Betrieb durchgeführt werden. Das EG darf darüber hinaus nur in-situ saniert werden, was vorab eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Zustand erforderte besonders an der Glasfassade. Pfau hatte hier bronzierte Scheiben in braunen Stahlrahmen eingesetzt, die über die Jahre unzählige Male überstrichen worden waren – zuletzt in einem hellen Grau. Hier, wie auch bei vielen der im Innern durchgeführten kleinen und größeren Maßnahmen, wird deutlich, wie wenig Pfaus Architektur verstanden wurde. Dabei liegt es nah, in der sanft gewellten weißen Fassade einen Vorhang zu sehen, unter dem Licht hervorscheint. Pfau transportierte das Bild der Zuschauer, die ihre Plätze eingenommen haben und freudig erregt die Vorstellung erwarten, in den städtischen Raum. Aus welcher Richtung auch immer sich Besucher und Passanten dem abendlich erleuchteten Haus nähern, genau diesen festlichen Kitzel sollten sie spüren. Um die klare Trennung zwischen dem weißen Vorhang der OGs und der dunklen zurückversetzten Glasfassade des EGs auch tagsüber wiederherzustellen, werden sowohl die Rahmen als auch die zierlichen Stützen davor, braun gestrichen. Für das Glas, das für den festlichen Schein zwingend weiter bronziert sein muss, fanden die Architekten einen Hersteller, der eine leichte und somit lichtdurchlässigere Einfärbung anbietet.

Konsequent formal

Die amorphe Figur verrät nur wenig über ihre innere Ordnung. Einzig die Passage, die Pfau quer durch das Gebäude führte, gibt einen Hinweis darauf, dass es hier zwei Spielstätten gibt: das Große Haus mit einer konventionellen Guckkastenbühne, das bis 2011 von pfp architekten (Hamburg) schadstoffsaniert, akustisch optimiert und auf Wunsch des Schauspiels um rund 200 Plätze auf nunmehr 700 verkleinert wurde, und das Kleine Haus, das als Werkstattbühne mehr räumliche Flexibilität erlaubt und je nach Art der Bestuhlung bis zu 300 Plätze bietet. Charakteristisch für den großen Saal ist seine Auskleidung mit Lamellen aus Vogelaugenahorn und die ranglose Ordnung der Plätze. Da die beiden Theater nur über betriebsinterne Bereiche miteinander verbunden sind, mussten alle Publikumsbereiche doppelt angelegt werden: zwei Foyers, zwei Garderoben, zwei Kassen. Was von Anfang an fehlte, waren leicht auffindbare Eingänge, deren Lesbarkeit hätten der Skulptur einen Kompromiss abgerungen, was Pfau ablehnte. Doch was später stattdessen kam, war weitaus schlimmer: ein untergeschobenes Kassenhäuschen, das mittlerweile jedoch wieder abgebrochen wurde.
Pfau hatte das große Foyer auf den Hofgarten ausgerichtet, verzichtete auf dessen Außenwirkung und nahm in Kauf, dass, wer das Haus stadtseitig betritt, durch die Hintertür kommt. In Zukunft sollen hier ein gläserner Windfang und großformatige Projektionen zu Theaterthemen die Besucher empfangen. Die Umgänge, die rechts und links entlang der Garderoben und Sanitäranlagen um den zentral angeordneten Bühnenkern herumführen, sollen bereits vom wiedererweckten Glamour des Foyers künden. ingenhoven architects bleiben dabei streng am Original, legen z. B. den überstrichenen Sichtbeton wieder frei und sanieren die Böden aus Marmor und Kleinmosaik. Und doch wird es an einigen Stellen Eingriffe geben, die der heutigen Setzung und dem derzeitigen Stand der Technik entsprechen. Ein zeitgemäßes, steuerbares Lichtkonzept soll den gewaltigen Raum unterschiedlichen Nutzungen anpassbar machen und nicht zuletzt auch seinen eigentlichen Trumpf – die gewaltige Stahlbeton-Konstruktion zur Lastabtragung der oberhalb des Foyers angeordneten Zuschauerränge – ins rechte Licht rücken.

Geöffnete Räume

Intendant Wilfried Schulz möchte sein Haus, »mit aller Hochachtung vor Pfau in die Zukunft eines lebendigen Stadttheaters führen«. Ein Theater, so erläutert er, sei genuin ein »Reflektionsraum für die Gesellschaft in all ihrer Diversität«, der in der Praxis aber oft nur ein prädestiniertes Publikum erreicht. Er stellt sich das Düsseldorfer Schauspielhaus zukünftig als offenes Haus vor. Im Herbst dieses Jahres soll die Sanierung abgeschlossen sein, dann möchte er das Foyer tagsüber für künstlerische, mediale und pädagogische Angebote zur Verfügung stellen und die Zuschauer animieren, auch nach der Vorstellung noch in der bis spät am Abend geöffneten Bar zu verweilen. Dafür forderte er u. a. den bereits erwähnten deutlicher formulierten Haupteingang am Gustaf-Gründgens-Platz. Schulz möchte dem Bestreben nach einer größeren Offenheit des Hauses ein, zwei Theatersaisons Zeit geben, denn eine neue Rolle lernt auch ein Theater nicht von heute auf morgen.

  • Standort: Gustaf-Gründgens-Platz 1, 40211 Düsseldorf

Grundriss EG (ingenhoven architects)
Grundriss OG (ingenhoven architects)

Unserer Kritikerin Uta Winterhager mit Projektleiter Oliver Ingenhoven (fast) allein im Großen Haus.
Von der Idee des Intendanten, die Türen zur Stadt weit zu öffnen, hält sie viel, denn das bei ihrem Ortstermin die meiste Zeit »stillschweigende« Theater empfand sie als äußerst befremdlich.

Uta Winterhager
1972 in Bonn geboren. 1992-95 Architekturstudium an der RWTH Aachen. 1995 Diplom, 1999 Master an der Bartlett School in London. Seit 2000 freie Autorin für Architektur-, Kunst- und Städtebauthemen sowohl für Fachleute als auch für Kinder. Bildet eine Hälfte der Redaktion des Online-Magazins koelnarchitektur.de.