… in die Jahre gekommen Elementa ‘72 in Nürnberg

Kurz nach der berühmten Wohnanlage in der Genter Straße in München-Schwabing realisierte Otto Steidle, noch keine 30 Jahre alt, den weit komplexeren Geschosswohnungsbau in Nürnberg-Langwasser. Der blieb zwar Fragment, ist aber als frühes gemeinschaftsorientiertes Modellprojekt weiter aktuell.

Architekt: Otto Steidle

Kritik: Christoph Gunßer
Fotos: Christoph Gunßer, Patrick Deby, Verena v. Gagern-Steidle

1974

»Für einmalig schöne Häuschen braucht man keine Industrialisierung«, meinte Steidle-Mitstreiterin Doris Thut seinerzeit im »Spiegel«. Gebraucht werde »die Vervielfältigung eines solchen Systems durch die Industrie«. Der Versuch dazu ließ nicht lange auf sich warten: Auf die nur sieben gereihten Einheiten in Schwabing (s. db 2/1993 und db 1/2009) sollten 107 Wohnungen in Nürnberg folgen.

Bei dem vom Bundesbauministerium gemeinsam mit der Illustrierten »Stern« für sieben Standorte ausgelobten Wettbewerb Elementa ‘72 hatte das Büro Steidle mit der Nürnberger Wohnungsbaugesellschaft Wiwog den Zuschlag für den Standort Langwasser erhalten. Dort, auf den erst kurz zuvor gesprengten Resten des Reichsparteitagsgeländes, entstand bis 1974 der erste Bauabschnitt des Wohnkomplexes.

Zwei sechsgeschossige, parallel von Nord nach Süd verlaufende Zeilen fassen eine auf Höhe des 1. OGs angesiedelte interne Erschließungszone, die man damals gern »Straße« nannte. Tatsächlich sind hier die halböffentlichen Funktionen zusammengefasst, und auch die Wohnungsküchen blicken auf diese von offenen Treppen und Decks geprägte Schlucht, die rhythmisch gegliedert wird durch die vom Vorgängerprojekt in Schwabing bekannten »strukturalistischen« Betonstützen.

Von der 38 m²-Kleinwohnung bis zur 5 Zimmer-Maisonette reicht das Angebot im 5,70 x 7,20 m-Raster; die Möglichkeit zu weiteren Veränderungen war mit eingeplant. Wie Schubladen wurden die Einheiten in das rationelle

Skelett aus Industriebauteilen gesteckt, wobei hier noch vieles »gebastelt« wurde, wie Steidle später einräumte. Vor- und Rücksprünge in den farblich differenzierten, im Vergleich zu Schwabing aber weit weniger filigranen Alu-Paneel-Fassaden lassen kleine Plätze zwischen drinnen und draußen entstehen.

Individuell und gemeinschaftlich

»Bei unserem Projekt haben wir versucht, Wohnen sowohl als individuellen wie als gemeinschaftlichen Vorgang in eine entsprechende Bauform umzusetzen«, schrieb Otto Steidle 1977. Dem Ministerium sei es jedoch nur um sehr vordergründige Rationalisierungseffekte gegangen – so wurden für ein Elementa-Projekt in Bonn 40 t schwere Module aus Finnland herangeschafft. Auch die begleitende Bauforschung hemmte mehr als inhaltlich zu helfen. »An echte Experimente war nicht mehr gedacht«, so Steidle ernüchtert.

Anders als im Schwabinger Projekt galten die Förderrichtlinien des Sozialen Wohnungsbaus – Split-level-Lösungen und luxuriöser Luftraum waren hier tabu. Die Baukosten lagen entsprechend um mehr als ein Viertel niedriger.

Nachdem der Bauträger aber durchgesetzt hatte, das Projekt als Eigentumswohnungen zu realisieren, wurde die Vermarktung zum Problem. Steidle, der sich davon einerseits mehr »Aneignung« der Räume versprach, sah andererseits »klar, dass die Mentalität der Erwerber nicht dazu angetan war, sich in Experimente einzukaufen«.

Von den 35 Wohnungen des ersten Bauabschnitts stand 1975 immer noch ein Drittel leer, trotz aufwendiger Werbung durch den »Stern«, der das Preisgeld bezahlt hatte und nun von »besser bauen, schöner wohnen, glücklicher leben« schwadronierte. Nürnbergs grüne, aber doch recht öde Peripherie, bis heute Labor für Bauversuche aller Art, trennen Welten von der intellektuellen Offenheit Schwabings, wo Steidles poetische Bricolage begeistert weiterlebte: Drei weitere Bauabschnitte wurden dort realisiert, die Leerstellen des Ursprungsbaus ganz im Sinne des Erfinders zugebastelt, v. a. aufgrund des Raumbedarfs des Architekturbüros, das dort bis heute arbeitet.

Fremdeln mit dem Experiment

Im Langwasser-Projekt, damals noch allein auf weiter Flur, nahmen die Erstbewohner den Verkauf schließlich selbst in die Hand – mit Erfolg. Eine Mitsprache beim Ausbau, wie ihn die Planung vorsah, war damit aber nicht mehr möglich. Auch die »Aneignung«, zu der Steidles robuste Baustruktur mit ihren vielen Freiräumen einlädt, fand nur zögerlich statt. Eine Generation später würde eine Baugemeinschaft wohl mehr damit anstellen.

Die Bewohnerschaft hatte andere Sorgen. »Pfusch« nennt der Vorsitzende des Bewohnerbeirats heute, was die sechs Standhaftesten der Eigentümer bis zum Bundesgerichtshof ziehen ließ (der Bauträger hatte versucht, die Baumängel auf die Eigentümer abzuwälzen). Andere Bewohner, die in Vorleistung gegangen waren, hatten nicht den langen Atem und zogen aus. Am Ende musste der Bauträger für fast 9 Mio. DM sanieren.

U. a. war Feuchtigkeit in die Verankerung der Bauelemente eingedrungen und hatte sie korrodieren lassen. Die Fugen sind seither mit Dichtmasse verschlossen, was den Charme der Baukasten-Tektonik mindert. Auch in die Elektroheizung der Decks und Treppenelemente drang Wasser ein – sie wurde stillgelegt. Mancher Mangel ließ sich indes nicht beheben: Die von außen nach innen durchlaufenden Bauelemente führen unvermeidlich zu Wärmebrücken, allerdings nicht so krass wie im Vorgängerprojekt, wo die Konstruktionselemente im Innenraum offen sichtbar blieben.

An ein Weiterbauen war unter diesen Umständen nicht zu denken. Das dafür vorgesehene Areal wurde verkauft, später entstanden hier die zeittypischen anonymen Spännertypen mit postmoderner Säulchen-Dekoration. Eine Nebenwirkung: Die Tiefgarage im zweistöckigen Sockel des Steidle-Baus liegt brach. Die Bewohner richteten hier in Eigenregie Gemeinschaftsräume ein. Momentan wehrt man sich gegen Avancen des Denkmalamts, die Anlage unter Schutz zu stellen.

Vokabular des Wohnwandels

Am hohen Wohnwert hegt indes niemand Zweifel. Es gibt keinen sichtbaren Leerstand, keinen Vandalismus, und die Bewohnerschaft lebt gern hier – jeder nach seiner Façon, ob altdeutsch oder modern. Die meist zweizonigen, nicht allzu tiefen Grundrisse lassen sich gut nutzen. Rolläden wurden teilweise nachgerüstet, was die Rasterfassade nicht eben verschönert, aber die Diskretion im recht engen Nebeneinander erhöht.

Die Freiräume werden offenbar eher selten gemeinschaftlich genutzt. Bei einem Besuch im Spätwinter beeindruckte die interne »Straße« mit ihrem Stützenwald, der klaren Fügung der Bauteile und subtilen Übergängen von Öffentlich zu Privat, die Verbotsschilder überflüssig machen. Im Gegensatz zur riesigen Bildungsfabrik, die bald darauf vis-à-vis entstand (1977, Gesamtschule Nürnberg-Langwasser), waltet hier noch ein menschlicher Maßstab. Das Sehen und Gesehenwerden sorgt für ein Gefühl von Sicherheit, ohne in ein Zuviel an sozialer Kontrolle abzugleiten. 35 Parteien generieren wohl doch zu wenig Dichte für die ersehnte »Urbanität« solcher im Wortsinn abgehobenen Kommunikationszonen. Im Eingangsgeschoss überdauert immerhin ein Friseursalon.

In der Rückschau erscheint die Anlage gleichwohl als der einzige Elementa-Beitrag von bleibender Aktualität. Nicht primär wegen der Elementierung, die Steidle wie viele andere bald skeptisch betrachtete und die seither eher im Holzbau zuhause ist. Konstruktion und Effizienz waren für ihn kein Selbstzweck. Es war die feine, nachvollziehbare Gliederung von Räumen, in der Otto Steidle seiner Zeit voraus war. Offenheit und Durchlässigkeit, wie sie dieses Projekt vorführte, sind für die Multioptionsgesellschaft mit ihren Wahlverwandtschaften in Wohnprojekten wichtiger denn je.


  • Standort: Bertolt-Brecht-Str. 40, 90471 Nürnberg-Langwasser
  • In db 7/1976 (S. 21-38) unterzogen Horst Becker und Albrecht Prömmel alle sieben gebauten Projekte des Wettbewerbs »Elementa ‘72« einer Nachbetrachtung und förderten damals schon Erkenntnisse und Misserfolge zutage.

Für unseren Kritiker Christoph Gunßer war die Promenade durchs Baukasten-Haus, treppauf, treppab, ein ganz besonderes Wohlfühl-Erlebnis.


Christoph Gunßer

Architekturstudien und Büropraxis in Hannover, Stuttgart und den USA. Nach Assistenz am Institut
für Städtebau der Universität Hannover fünf Jahre db-Redakteur. Seither freier Fachautor.