... in die Jahre gekommen

Gymnasium und Stadtmitte in Hückelhoven

Vor 50 Jahren wurde der erste Bauabschnitt des Gymnasiums in Hückelhoven fertiggestellt. Das Raumkonzept des brutalistischen Gebäudes galt damals als zukunftsweisend. Bis heute profitiert die Schule davon wie großzügig die Architekten die damaligen Schulrichtlinien auslegten und so die Nutzungsspielräume im Gebäude erweiterten.

Architekten: Christoph und Brigitte Parade

Kritik: Reinhart Wustlich
Fotos: Parade Architekten, Reinhart Wustlich

Das in drei Bauabschnitten – 1968, 1983 und 2004 – entstandene Gymnasium in Hückelhoven bildet zusammen mit der 1974 gebauten Aula, die zugleich als Veranstaltungshalle dient, und einer Mehrzweckhalle von 1978 sowie dem Rathaus von 1984 ein eigenes, ablesbares Stadtquartier. Von öffentlichen Freiräumen und Plätzen durchzogen liegt es in unmittelbarer Nähe zur Hauptgeschäftsstraße der ehemaligen Bergbaustadt. Die Schule am Mittelpunkt des Gemeinwesens, das ist eine seltene, eine bedeutsame Konstellation. Die Schule, in der auch die städtische Bibliothek untergebracht ist, wird als Ort von Veranstaltungen, als Ort der Integration und der Kultur zum Zentrum und Spiegel des öffentlichen Lebens. Dies entspricht einer der aktuellsten Thesen zur Schulentwicklung: Die Schule zur Stadt zu öffnen – und die Stadt zur Schule. [1]

Sämtliche Gebäude des Quartiers, das über die Jahre im westlichsten Landkreis Deutschlands nahe der niederländischen Grenze entstanden ist, stammen aus dem Büro der Architekten Christoph und Brigitte Parade. Sowohl der erste Bauabschnitt des Gymnasiums von 1968 als auch die Aula, deren Foyer in der Mittagspause als Mensa dient, folgen stilistisch der Architektur des Brutalismus und gehören neben anderen Projekten zu jenen, die derzeit in der Ausstellung »SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt a. M. zu sehen sind (Rezension
s. S. 52). [2]

Öffentlicher Campus

Von Norden nach Süden entfaltet sich das Bauensemble, beginnend mit der skulptural gegliederten Aula, einem monolithischen Betonfaltwerk, das einem Auditorium von 750 Plätzen Raum bietet und entfernt an Claude Parents und Paul Virilios Kirchenbau Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers (1966) erinnert. Die Intention der Architekten war, mit einer »expressiven Gestaltung auf die Aufbruchstimmung der Stadt« zu reagieren und die baulichen Solitäre »bewusst von den üblichen 08/15-Gebäuden zu unterscheiden«.

Der Hauptbaukörper des Gymnasiums, der erste Bauabschnitt, der heute die Mittelstufe und die Fachräume beherbergt, schließt sich an und bildet zugleich ein Gegengewicht zur Aula. Die um einen opulenten Hallenraum über vier Geschosse kreuzförmig versetzt angeordneten Flügel des Schulgebäudes bilden mit ihrer markanten Terrassierung eine unverwechselbare Kulisse. Auf dem obersten Staffelgeschoss thront eine überkuppelte Sternwarte, deren Silhouette das Signet des Gymnasiums ziert. Die Ausrichtung der vier Gebäudeflügel nach den vier Himmelsrichtungen führt einerseits zu vielfältigen Sichtbezügen mit der Umgebung und andererseits zu abwechslungsreichen Lichtverhältnissen im Innern. Die Dachterrassen, die in den zugeordneten Geschossen sowohl von Fluren als auch Klassen zugänglich sind, ermöglichen auch Unterrichtsformen im Freien.

Im zentralen Hallenraum liegen sich, leicht versetzt, zwei offene Treppenfluchten gegenüber, die nicht nur die als Split-Level organisierten Klassentrakte erschließen, sondern darüberhinaus den großzügig

dimensionierten Bereichen vor den Klassenzimmern zusätzliche Weite verleihen. In der Ost-West-Achse des Hallenraums wird über eine Brücke im 1. OG der zweite Bauabschnitt von 1983 erschlossen.

Ein L-förmiger, gleichfalls terrassierter Turnhallentrakt liegt, durch einen gegliederten, um ein halbes Geschoss abgesenkten Pausenhof getrennt, dem Hauptgebäude gegenüber und schließt das Gymnasium nach Süden ab. Er bildet die Raumkante des Ensembles zur Stadt, dem im Westen der neueste Bauteil für die gymnasiale Oberstufe folgt. Dieser dritte Bauabschnitt von 2004, der ein Gründach und eine Photovoltaik-Anlage trägt, bringt in einer grundlegend gewandelten Gestaltungssprache mit dem geschwungenen Glashaus seines Foyers den Wunsch nach einer möglichst offenen Schule zum Ausdruck.

Eigenständig statt normiert

Der erste Bauabschnitt des Gymnasiums in Hückelhoven, der zur Zeit der Fertigstellung international als beispielhaft publiziert wurde, ist bestimmt durch die skulpturale Verwendung des Béton brut, dessen Struktur die Erscheinung des Äußeren wie die Gestaltung des Inneren prägt – vom Kantenversatz der abgetreppten Geschosse und Balkonterrassen bis zu den Details der großen Halle. Die Reduktion brutalistischer Architektur auf expressive Formen ist für Adrian von Buttlar, Professor für Kunstgeschichte an der TU Berlin, jedoch zu kurz gegriffen. Für ihn zählen einerseits »die Unterscheidung zwischen einer jeweils individuellen, einmaligen und aus der funktionalen und sozialen Aufgabe vor Ort abgeleiteten künstlerischen Antwort« und andererseits die Rahmenbedingungen »einer seriell, technisch und stilistisch normierten Gestaltung«. [3] Beim ersten Bauabschnitt des Gymnasiums in Hückelhoven ergibt sich als Folge der Normierung durch die Schulbaurichtlinien daraus ein quasi gezügelter Brutalismus.

Bei der Interpretation der Normen des Schulbaus erreichten die Architekten Freiheitsgrade, die über die zeitgleich entstandener Schulen hinausgehen. Das Gymnasium Hückelhoven, frühzeitig als Ganztagsschule organisiert, profitiert noch heute von diesen erweiterten Spielräumen. Wolfgang Pehnt hatte bereits 1970 eine Vorschau gegeben auf das, was aus damaliger Sicht die Zukunft der Schule sein würde: »Tagesheimschulen mit Küche, Cafeteria und genug Raum zum Leben und Spielen; Verbindung von Allgemein- und Berufsausbildung; neue Formen des Lehrens und Lernens vom Selbstunterricht über Einzelgespräch, kleines Seminar und Team-Teaching bis zur großen Vorlesung …« . [4]

In Christoph Parades Worten sollten Schulen eher die Bedürfnisse von Kindern und Lehrern erfüllen als geltende Bauvorschriften: »Gerade die technisierte und formalisierte Welt des Lernens braucht ein Äquivalent an Sinnlichkeit. Dieser Aspekt kommt bei der Umwandlung bestehender Schulen in Ganztagsschulen zu kurz. Kinder mögen helle wie dunkle Räume, Licht und Schatten, Platz zum Toben und für den Rückzug. Sind diese unterschiedlichen Räume nicht vorhanden, ist Vandalismus programmiert.«

Raumkontinuum als Lernlandschaft

Bewegt man sich über die Ebenen der zentralen Halle nach oben, erschließt sich ein Raumkontinuum, das jenseits der abgeschlossenen Klasseneinheiten gegeneinander versetzte Ebenen verbindet sowie weite Durchblicke und Sichtbezüge ermöglicht. Interpretierte man diese als »offene Lernlandschaften« – und nähme man sie auf diese Weise auch in Besitz, könnten sie eine Vielzahl an Lern- und Aufenthaltsmöglichkeiten bieten – egal ob allein, oder in der Gruppe. Einer solchen Nutzung widersprechen allerdings schon die verwendeten keramischen Bodenbeläge, die den Schall reflektieren anstatt ihn zu dämpfen. Holzpflaster, damit die Kinder auch auf dem Boden sitzen oder liegen könnten, schied bei der damaligen Planung wegen der höheren Kosten leider jedoch aus.

Belichtet wird der Hallenraum über ein hohes, nach Norden ausgerichtetes Fensterband unterhalb des Dachs. Zusätzliches Tageslicht würde den ansonsten äußerst qualitätvollen Raum noch weiter aufwerten. Ein einfaches Glasdach wäre, so Christoph Parade, ohne größere konstruktive Probleme einzufügen.


  • Standort: Hartlepooler Platz 10, 41836 Hückelhoven

[1] Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hrsg.), SCHULEN PLANEN UND BAUEN 2.0, Berlin 2017
[2] Oliver Elser – Philip Kurz – Peter Cachola Schmal (Hrsg.), SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme, Zürich 2017
[3] Adrian von Buttlar, Brutalismus in Deutschland – Fortschrittspathos als ästhetische Revolte, in: Wüstenrot Stiftung (Hg), Brutalismus. Beiträge des internationalen Symposiums in Berlin 2012, Zürich 2017
[4] Wolfgang Pehnt, Neue deutsche Architektur 3, Stuttgart 1970


Unser Kritiker Reinhart Wustlich wohnt in einem aus Backstein errichteten Stadthaus-Quartier. Das Quartier als Betonkonstruktion? Undenkbar. Umso interessanter, nachzuschauen, wie die brutalistischen Bauten von Christoph und Brigitte Parade in Hückelhoven durch die Zeit gekommen sind.

Reinhart Wustlich

Studium der Architektur und Stadtplanung in Aachen und Hannover, Promotion über Planungstheorie im Städtebau. Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt der literarische Reisebericht »Nordische Passagen/Am Saum Europas«. Davor Herausgeber der »Young House«-Reihe. Schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Lebt in Hennef.