Erweiterung und Umbau eines Bankgebäudes in Niederrohrdorf (CH)

Vereint hinterm Vorhang

Mit der Erweiterung des Gebäudes einer Bankfiliale im Schweizer Kanton Aargau bot sich die Chance, sein bislang banales Erscheinungsbild im heterogenen Umfeld neu zu formulieren. Dank der konsequent umgesetzten Fassaden- und Dachgestaltung aus Metall zeigt das verdoppelte Bauvolumen jetzt Charakter, drängt sich aber dennoch nicht auf.

  • Architekten: GKS Architekten und Partner Tragwerksplanung: Schüpbach Ingenieure
  • Kritik: Tilo Richter Fotos: Sabrina Scheja
Das erst 1993 in Niederrohrdorf errichtete Gebäude der Raiffeisenbank genügte den Erfordernissen des expandierenden Bankgeschäfts vor Ort nicht mehr. Auf das Doppelte seiner bisherigen Geschossfläche sollte der Altbau anwachsen, um das neue Raumprogramm mit zusätzlichen Arbeitsplätzen unterzubringen. Unter den fünf im Jahr 2006 eingereichten Studien für diese Erweiterung erhielten die Luzerner Architekten GKS den 1. Rang; zwischen 2009 und 2012 konnte der Entwurf schließlich unter Federführung des Generalunternehmers Feldmann Generalbau realisiert werden.
Während das dörfliche Umfeld an diesem Rand der Gemeinde Niederrohrdorfs eher kleinteilig und weitläufig bebaut ist, bringen das in Sichtbeton ausgeführte Kirchenzentrum Gut Hirt (Baujahr 1972, Naef Studer Studer Architekten, Zürich) und sein unmittelbarer Nachbar, das erweiterte Bankhaus, einen deutlich größeren Maßstab mit.
Entlang der ländlichen Hauptstraße verdoppelt der neue Gebäudeteil der Bank die Länge des Bestands auf rund 40 m und führt auch dessen zweieinhalb Geschosse und Satteldach fort. Dabei formen – anhand unterschiedlicher Gebäudetiefen, Traufhöhen und Dachneigungen – insgesamt fünf Abschnitte an der Straßenfassade bewusst einen Baukörper, der an gewachsene Ensembles in historischen Dorfkernen erinnert. Deutlich monolithischer, im Bauvolumen eher an großstädtische Zweckbauten erinnernd, zeigt sich die rückwärtige, aufgrund der Hanglage viereinhalbgeschossige Fassade: Hier wird der gesamte Baukörper sowohl von einer durchgängig fluchtenden Fassade als auch von einer gemeinsamen geneigten Dachfläche zusammengefasst. Der ununterbrochene waagerechte Dachfirst wird damit zur Kopplungslinie zwischen mehrteiliger Vorderansicht und einheitlicher Rückansicht. Der vertikale Stoß von Alt- und Neubau ist nur rückseitig durch einen geringen Versatz des auf neun Stützen aufgesetzten Gebäudesockels markiert, in dem vorhandene Garagen durch weitere überdachte Stellplätze ergänzt wurden.
Homogen
Markantestes Gestaltungselement des erweiterten Bankgebäudes und auffälligster Eingriff in das Ortsbild ist die neu definierte Gebäudehülle. GKS Architekten beschlossen, alte und neue Bauteile nicht unterschiedlich zu behandeln, sondern Bestand und Erweiterung mit einer einheitlichen Oberfläche, sowohl an den Dachflächen als auch an den Fassaden, zu versehen. So finden die silbern schimmernden Aluminiumplatten der Dachdeckung ihre Fortsetzung in Form eines Vorhangs senkrecht montierter, 20 cm tiefer Lamellen vor Fenstern und geschlossenen Bereichen der eigentlichen Außenwände an den Längsseiten. Durch diesen Filter scheint der rotbraune Anstrich der verputzten thermischen Hülle hindurch und verleiht den metallenen Seitenflächen des Fassadenkleids, je nach Lichtqualität, sein charakteristisch immaterielles Erscheinungsbild. Assoziationen zum branchenüblichen Nadelstreifen liegen nahe; ob sie tatsächlich als Inspirationsquelle für den Entwurf gedient haben, bleibt an dieser Stelle offen.
Die beiden Giebelseiten zeigen Variationen des Fassadenthemas: Das Gros der Wandflächen wurde mit schmalen, ebenfalls vertikal jedoch parallel zur Fassade montiert gestoßenen Aluminium-Paneelen flächig bekleidet. Lediglich vor den Fenstern befinden sich bewegliche Lamellen, die, in ›
› verschiedenen Winkeln ausgestellt, der Regulierung des Tageslichteinfalls und als Sonnenschutz dienen. Vollständig geschlossen, gehen die Lamellen beinahe nahtlos in den metallenen Fassadenmantel über, der alte und neue Architektur zu einem Ganzen verschmelzen lässt. Diese, der Ästhetik des Gesamtgebäudes und dem Ortsbild trefflich dienende durchgängige Hülle führt nur an einer Stelle zu einem funktionalen Konflikt: Vier großformatige, liegende Fenster im EG des Neubaus lassen sich nicht öffnen und sind folglich von außen nur mit Mühe zu säubern. Mit Blick auf die so konsequent umgesetzte gestalterische Entscheidung ist dies jedoch ein im Ganzen zu vernachlässigender Malus. Mit der strengen und hierarchielosen Geschlossenheit der neu formulierten Fassaden verzichten die Architekten auf herkömmliche Formen der Repräsentation. Der entscheidende Vorzug des Entwurfs für die Bauherrschaft lag in seiner zeitlosen Ausstrahlung, die dabei nicht ins Banale abfällt.
Als einzige Unterbrechung des Lamellen-Filters an der Straßenseite – abgesehen vom unauffälligen Zugang zu der im DG des Altbaus erhaltenen Privatwohnung – haben GKS eine markante Eingangsgeste für die Bank geschaffen: In dynamischem Winkel leiten großflächige Aluminiumelemente auf die gläserne Schiebetür zu, durch die man in die neue gestaltete Schalterhalle gelangt. Diese optisch beinahe körperlose Portalsituation korrespondiert ausgezeichnet mit der changierenden und nicht exakt definierbaren Oberfläche der Lamellen. Ganz nebenbei sorgt sie für einen plakativen Auftritt des inzwischen für die Bankenwelt zum Emblem gewordenen Geldautomaten – heute die meistfrequentierte Schnittstelle zwischen Finanzinstitut und Kundschaft.
Korrespondierend
Der Wunsch des Bauherrn nach gleichem Komfort in Alt- und Neubau hatte zur Folge, dass der Umbau des bestehenden Gebäudes deutlich grundlegender ausfiel als anfangs angenommen. Die Konstruktion des als konventionellem Massivbau in Backstein und Beton mit Stahlbetondecken ausgeführten Gebäudes setzt sich in der Ergänzung fort und erreicht Minergie-Standard.
Insgesamt stehen der Bankfiliale heute 45 moderne Arbeitsplätze zur Verfügung, die bei Bedarf in den vorhandenen Räumen auf etwa 60 erweitert werden können. Lift und Treppenhaus fanden im Neubau ihren Platz und erschließen die drei Geschäftsetagen, ihnen zugeordnet finden sich jeweils weitere Funktionsräume. Logisch schließen die Oberflächenmaterialien im Innern an die äußere Gestalt an: Wände und Stützen in der im Vergleich zum Ursprungsbau deutlich vergrößerten Kundenhalle bekleiden raumhohe Holzpaneele, deren Schauseite eine Schicht aus natureloxiertem Aluminiumblech ›
› trägt. Dazu nimmt die mineralische Spachtelbeschichtung der Böden den rostbraunen Farbton der Außenwände wieder auf. Das Motiv der Fassadenlamellen findet im Innern sein horizontales Pendant in eleganten Sichtschutz-Jalousien, die in die doppelte Verglasung der Arbeits- und Sitzungsräume integriert sind. Türen, Schrankeinbauten und innenliegende Fenster im Luftraum der Kundenhalle überzeugen durch eine konsequent vorgetragene Flächigkeit. Dank dieser Details und dank der eingesetzten Materialien sowie der zurückhaltenden Farbigkeit wirkt der Innenraum edel und ebenso diskret wie einladend.
In Zusammenarbeit mit den Architekten entwickelte der Lichtgestalter Christian Vogt ein differenziertes Beleuchtungskonzept für Innenräume und Fassaden, das den entmaterialisierenden Entwurfsansatz weiterführt und stützt. Die künstlerischen Eingriffe in die Deckenleuchten mittels Farbfolien sind dabei allerdings so minimal ausgefallen, dass sie für den ungeübten Betrachter kaum sichtbar sind. Hier verwischen sich die Grenzen zwischen willkommener Zurückhaltung und Wahrnehmbarkeit einer künstlerischen Intervention. Mit ihrer Art der Gestaltung verhelfen GKS Architekten sowohl dem Ort als auch dem Bauherrn zu einem einprägsamen Gebäude, das es nicht nötig hat, laut zu sein, um seine Aufgaben bestens zu erfüllen. •
  • Standort: Bremgartenstraße 20, CH-5443 Nierderrohrdorf Bauherr: Raiffeisenbank Rohrdorferberg, Niederrohrdorf Architekten: GKS Architekten+Partner, Luzern Projektteam: Daniel Birrer, Serge Sigrist, Dagmar Eglin Tragwerksplanung: Schüpbach Ingenieure, Oberrohrdorf Gesamtprojekt- und Bauleitung: Feldmann Generalbau, Muri HKL-Planung: Schuler Marra Gebäudetechnik, Neuenhof Sanitärplanung: Sani Project, Haustechnik – Planungsbüro, Niederrohrdorf Fassadenplaner: Mebatech, Baden Bauphysiker, Akustiker: Kopitsis Bauphysik, Wohlen Beleuchtungsplaner: Vogt & Partner Winterthur Farbberatung: Angelika Walthert, Luzern BGF: 2 473 m² BRI: 7 634 m³ Baukosten: keine Angabe Bauzeit: März 2009 bis Mai 2012
  • Beteiligte Firmen: Fassadenarbeiten: W. Christen, Strengelbach, www.christen-metallbau.ch WDVS und Fassadenputz: STO, Stühlingen, www.christen-metallbau.ch Bodenspachtel: TEXOLIT, Buchs, http://texolit.ch
  • 1 Bestand
  • 2 Erweiterung
  • 3 Kirchenzentrum
  • 4 Hauptstraße

Niederrohrdorf (CH) (S. 50)

GKS Architekten und Partner
Daniel Birrer
1970 geboren. 1986-90 Bauzeichnerlehre. 1991-94 Architekturstudium am Zentralschweizerischen Technikum Luzern. 1994-98 Projektleitung bei Daniele Marques und Eugen Mugglin, Luzern . 1998-2007 eigenes Architekturbüro . Seit 2005 Mitarbeit bei GKS Architekten+Partner AG, seit 2009 als Partner.
Tilo Richter
1968 in Karl-Marx-Stadt geboren. 1991-98 Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Afrikawissenschaften in Leipzig und Basel. 2004-08 Promotion an der ETH Zürich. 2008-09 dort Assistenz. Seit 1995 freiberufliche Tätigkeit als Fachjournalist.