Wohn- und Atelierhaus in Schlins (A)

Veredelte Erde

Ein neues Kapitel in der Lehmbaugeschichte ist mit dem eigenen Einfamilienhaus des Lehmbauexperten Martin Rauch eröffnet. Doch nicht nur die technische Fertigung und die phänomenale Bauphysik des Gebäudes überzeugen von seiner Qualität, auch optisch sorgt der Neubau für »Behaglichkeit« – jenseits der sonst dem Material Lehm anhaftenden Öko-Romantik.

  • Architekten: Roger Boltshauser mit Martin Rauch
    Tragwerksplanung: Josef Tomaselli
  • Text: Otto Kapfinger
    Fotos: Beat Bühler
Das Wohn- und Atelierhaus Rauch markiert neue Maßstäbe in moderner Lehmbautechnik. Von Roger Boltshauser und Martin Rauch geplant, von Rauchs Werkstatt bis zu den kleinsten Details als exemplarischer Selbstversuch entwickelt und errichtet, macht es aus einem Lowtech-Prinzip ein ebenso pures wie exzellentes Hightouch-Ambiente: eine schlüssige Fusion innovativer, ingeniöser Ökologie mit raum- und detailgestalterischer Meisterschaft. Zu sehen in Schlins in Vorarlberg, einem Dorf an der Straße von Feldkirch nach Bludenz, das schon bisher ein Mekka für Interessenten an experimenteller Lehmbautechnik war. In Sichtweite befinden sich Schlüsselwerke des Lehmbau-Pioniers Martin Rauch: sein mit Robert Felber konzipiertes Atelier- und Werkstatthaus von 1992, das Haus seines Bruders von 1982 oder ein von Rudolf Wäger geplantes Atelierhaus von 1987. Auf eigenem Grund, am steilen Südhang, entstand hier nun sein neues Wohn- und Atelierhaus. Es ist vom Fundament bis zur Traufe gefügt aus dem an Ort und Stelle gewonnenen Erdaushub; von den Böden, den Deckengewölben, Wand- und Deckenverputzen, von den Stufen, den Fliesen und Waschtischen bis zu den Dachplatten ist es komplett – d. h. zu 85 % – aus Erdmaterial geformt: gestampft, gebrannt, gepresst, gestrichen, gespachtelt, gegossen. ›
Sinnesreizung
Anfang der 80er Jahre hatte Rauch – ein ausgebildeter Keramiker und Ofenbauer – bei einem Aufenthalt in Afrika das archaische Bauen mit Lehm und Erden entdeckt; seine Diplomarbeit an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien widmete er den historischen und modernen Möglichkeiten von Erdbauten – nicht nur, weil sie die natürlichste Transformation des Geländes in bewohnbaren Raum darstellen, sondern weil das Raumklima in solchen Bauten im Hinblick auf Luftfeuchtigkeit, Temperaturverläufe, elektromagnetische Abschirmung, haptische und optische Anmutung schlicht unüberbietbar ist. Wie kein anderer Baustoff erfüllt Lehm ökologische und baubiologische Kriterien: Er ist örtlich verfügbar, ist vollkommen wiederverwertbar, angenehm zu verarbeiten, wirkt wärmedämmend- und speichernd, gibt keine Schadstoffe ab und hält die relative Innenraumfeuchtigkeit konstant auf 45–55 %. Beton- oder Ziegelbauten benötigen die zehn- bis zwanzigfache Energie für Herstellung, Verarbeitung und Transport! Im Aspekt der Nachhaltigkeit übertrifft Lehm sogar Holz durch den geringeren Aufwand an Primärenergie und durch die unbegrenzte Recyclierbarkeit. Und darüber hinaus: Schon rein optisch ist eine rohe Stampflehmwand ein Augenschmaus – und reizt auch sofort zum Berühren, zum Anfassen. Und dann entfaltet sich die taktile und osmotische Qualität der veredelten Erde: Die Wand gibt den Händen Wärme zurück oder auch, an heißen Tagen, angenehme Kühle. Anders als bei Holzoberflächen, die (insofern sie nicht mit Lacken oder Imprägnierungen »versiegelt« sind) ebenfalls unserer Körperlichkeit entgegenkommen, wirken Erdwände auch als Speichermasse und als selbsttätige Regulatoren der Luftfeuchtigkeit.
Vergessenes Material
Um 1980 war diese Technik in Europa allerdings »vergessen«. Es fehlten erfahrene Handwerker oder Firmen; in einschlägigen Normen und Richtlinien war das Bauen mit Lehm, mit tragenden Wänden aus gestampfter Erde nicht vorhanden. Zum Großteil auf sich allein gestellt, hat Rauch seither sowohl das technische, handwerkliche Wissen als auch alle baurechtlichen Komponenten neu erarbeitet – bis hin zu dem für Deutschland (und Europa) bahnbrechenden Projekt der 9 m hohen »Kapelle der Versöhnung« mit tragenden Erdwänden in Berlin (1999-2000, Architekten Reitermann/ Sassenroth).
Die Zusammenarbeit mit Roger Boltshauser begann 2001, als dieser für die Geräte-Pavillons am denkmalgeschützten Sihlhölzli-Areal in Zürich ein landschaft- und »naturverträgliches« Material suchte. Die Arbeit am Haus in Schlins war dann aber für beide Gestalter ein großer Schritt Richtung Neuland. Anders als bei den Zürcher Pavillons, wo tragende Stampflehmwände mit Sichtbetondecken kombiniert wurden, wollte Rauch das eigene Haus konsequent in seinem spezifischen Purismus realisieren. Denn im Unterschied zu anderen modernen Lehmbauern verwendet er grundsätzlich keinen Zement, was die Sache statisch und konstruktiv schwieriger macht, dafür aber die Maximen der vollkommenen Weiterverwertbarkeit sowie der absoluten Minimierung grauer Energie erfüllt. Mit der Wiederentdeckung von Trass (trachytischer Bimssteintuff, den schon die alten Römer für ihre betonähnlichen Mauer- und Wölbtechniken nutzten) als Zusatz zum Kalkmörtel kann Rauch inzwischen im Lehmstampfbau betonnahe Materialqualitäten erreichen – ohne die bei der Zementherstellung durch das Brennen über 1 200 ° C nötige Energie und den reziprok nötigen, enormen Aufwand bei der Wiederverwendung zementgebundener Bauteile – und ohne den durch das Brennen über 1 000 ° C gegebenen Verlust der Porosität, der Atmungsfähigkeit des Materials. Ein für das technische Ethos von Martin Rauch zentrales Motiv: »Die Schale, die uns räumlich umgibt, soll so atmen, so diffundieren können wie unsere Körper; meine Bauten sind deshalb roh wie Sushi – und eben nicht gekocht!«
Aus der Erde geformt
In Schlins wurde der Aushub der Baugrube auf einen nahen Bauhof verführt, Steine und Erde gesiebt, neu gemischt, Material über 3 cm Steingröße vermahlen, mit Prüfwürfeln die Festigkeit bestimmt; die Hälfte davon ging mit verschiedensten Verarbeitungstechniken wieder in den Bau zurück; den Rest nutzt Rauch für andere Lehmbauprodukte seiner Werkstatt – Öfen, Fertigteilwände, Regalplatten. Ein genuines Moment der 45-60 cm dicken Stampflehmwände ist die manuelle Verdichtung der erdfeucht zwischen Schalungen eingebrachten Masse in horizontalen Schichten. Die nach dem Ausschalen sichtbare »ornamentale« Strukturierung (keine vertikalen Dehnfugen nötig !) wird an den Außenseiten verstärkt durch die in Abständen eingestampften, etwas vorkragenden Scharen gebrannter Lehmziegel – eine historisch belegte Bauart, die von Rauch als Witterungsschutz (Tropfkanten) und integrale Armierung weiterentwickelt wurde. Die besondere Leistung von Roger Boltshauser war nun, die statischen und gestalterischen Limits dieser »weichen«, massiven Bauart in eine räumlich und formal adäquate Gestalt zu bringen – zu einer fast paradoxen, archaischen Modernität von Baukörper, Raumsequenz und Detailbeherrschung. Wie der Hang zur leichtesten Gewinnung des Baumaterials, zur kleinstmöglichen Verletzung des Geländes in Falllinie »angestochen« wurde, so transformiert der Baukörper die terrestrische Einkerbung in eine komplementäre Form und ist das Volumen in horizontaler Schichtung kompakt aus dem Gelände herausgehoben. ›
› Die räumliche Bewegung zieht vom Eingangsbereich der Talfront durch den Bau hindurch – unten horizontal bis zum hangseitigen »Erdkeller« mit den freigelegten Felsschichten aus graugrünem Flysch (sedimentierter, im Tertiär aufgefalteter Meeresboden), und nach oben diagonal bis zum hausbreiten Nordfenster des zweigeschossigen Ateliers. Analog ist das Prisma auch an beiden Flanken eingekerbt und bietet dort mit Terrassen Querverbindungen ins Freie, zum Hangverlauf.
Gut ein Drittel des Volumens »steckt« im Hang , die Fundamente und erdberührenden Mauern sind außen mit Bitumen und Schaumglasisolierung bekleidet, innen aber roh. Alle oberirdischen Mauern sind außen roh und innen gedämmt, verputzt. Da der Lehmbau keine beliebige Fragmentierung der Wände verträgt, sind die Öffnungen statisch und lichttechnisch streng auf die Raumgrößen abgestimmt. Auch am Fensterdetail kommt die Einkerbung und Offenlegung der Materialschichtung zum Ausdruck, indem der festverglaste Teil außenbündig in der Wand sitzt, die Lüftungsflügel aus massivem Holz hingegen in tiefe Nischen gesetzt sind, so dass die Substanz der Wände über Eck deutlich wird und zugleich die öffenbaren Wandteile wettergeschützt bleiben.
Die untere Etage enthält eine separate Kleinwohnung, Auto-Stellplatz, Nebenräume, Felskeller; ihre Decke bildet ein neu entwickeltes Falt-Gewölbe aus selbstgefertigten, bei 950 ° C dunkel gebrannten Ziegeln zwischen sichtbaren T-Traversen; das Stiegenhaus hat außen und innen sichtbare Erdwände, ist von einem Gewölbe mit lichtspendenden Glaseinschlüssen überdacht. Die Stufen sind 9 cm dicke, gepresste Lehmplatten aus hellem Erdmaterial, mit 6 mm Stahldraht armiert, mit Trasskalk gebunden, einseitig in die Außenwände eingespannt, die Oberflächen nur geschliffen, mit Seife vergütet. Zur Festigkeit dieses dreigeschossigen Raumes wurden die kubischen Wandstrukturen zur Ellipse mit massiveren Eckpartien aufgeweitet und die Eckzonen zur Führung vertikaler Tonrohre (Wasserzufuhr, -ableitung etc.) genutzt. ›
Roh mit Ornamentik
Beim Eintritt ins Hauptgeschoss folgt eine sensationelle Wende. Aus der vorher grobporigen, rohen Atmosphäre kommt man in elfenbeinfarben schimmernde Räume mit feiner Changierung zwischen dem hellen, lebendigen Grau der gewachsten Lehmböden, der lichten Kaseinspachtelung der Fensterpartien und Schiebetüren, vergütet mit Leinöl und Wachs, sowie dem samtig-taktilen Lehmputz der Wände und Decken. Dieser 3 mm dicke Innenputz aus weißem Ton und Quarzsand haftet auf Flachsgewebe, das wieder eine Schicht von Heizregistern überdeckt, die ihrerseits auf 3 cm dicke, mit grobem Lehmputz gebundene Schilf-Dämmmatten montiert ist. So funktionieren die Wände rundum als Hypokausten, wobei die Energie vom zentralen Küchenherd kommt und/oder von Solarzellen oder von einem kleinen Pelletofen im Keller.
Auf der dritten Etage, die Schlaf-, Arbeits- und Sanitärräume enthält, ist die Verfeinerung der »armen« Erdstoffe weiter gesteigert: In dem großen Bad bilden in Raku-Technik gebrannte, mit Wachsemulsion imprägnierte Bodenfliesen ein seidig glänzendes Ornament, ein Spiel mit der Yin-Yang-Thematik – Entwurf und Ausführung durch Sebastian und Marta Rauch. Variationen davon bilden Böden im EG und Wandfliesen im Bad; auch die Küchenelemente und Waschbecken sind aus polierter Keramik, deren mattschwarze Farbe durch langsames Brennen auf 970 ° C durch Karbonisierung entsteht. Dippelbäume (Mann an Mann verlegte, miteinander verdübelte Balken) aus lokalem Holz bilden das obere Tragwerk; das Flachdach funktioniert wie ein Grasdach und hat über der Ausgleichsschicht aus HolzLeichtlehm 25 cm Schilfisolierung und eine Bitumenabdichtung, überschüttet mit wasserspeicherndem Lavaschotter. Die oberste Abdeckung bilden dunkel gebrannte Schlammziegelplatten. Fenster- und Türstürze sind mit Stahleinlagen verstärkt; jede Deckenebene hat umlaufende Ringanker; es gibt keine Folien oder Dichtungsschäume, nur abbaubare Naturstoffe und Verfugung mit feinem Lehm.
»Hightouch«
Die Fotos sprechen für sich – hier ist alles fundamental gedacht, entwickelt, gelöst, doch es waren keine »Fundamentalisten« am Werk. Martin Rauch ist längst ein international gefragter Referent und Produzent. Die aus seiner Sicht wichtigste Folgerung aus dem in Jahrzehnten erworbenen Knowhow sind nicht so sehr weitere schöne Einfamilienhäuser im ohnehin architekturgesegneten Vorarlberg oder anderswo in Europa, sondern seine Beraterrolle für viele Studien- und Modellbauten in Südafrika, in den Townships von Johannesburg, in Nordindien oder in Bangladesh. Dort hilft seine Erfahrung, wirklich Armen auch im Selbstbau wirksame Techniken des einfachen, billigen, klimatisch angenehmen Bauens zu vermitteln – als nachhaltige Alternative zu den durchweg gescheiterten Export-Techniken industrie-konventioneller »Entwicklungshilfen«. •
  • Bauherr: Lehm Ton Erde – Werkstätte für Keramik und Lehmbau, Martin Rauch, Schlins Architekten: Boltshauser Architekten, Zürich und Martin Rauch (Lehmbau) Projektleiter: Thomas Kamm Tragwerksplanung: Josef Tomaselli, Nenzing Keramikarbeiten: Marta, Sebastian, Martin Rauch Schreinerarbeiten: Manfred Bischof, Thüringerberg Nutzfläche: 145 m² (Wohnen), 30 m² (Atelier) Stampflehm: 120 m³ Heizung: Solarthermie, Stampflehmofen, Holzpelletofen, offener Kamin Bauzeit: 2005 bis 2008 (reine Arbeitszeit 1,5 Jahre)
  • Aktueller Literaturhinweis zum Thema Lehmbau: Achim Pilz, Lehm im Innenraum, Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart, 2010
db-Ortstermin: Am 20. März laden wir Sie zu einer gemeinsamen Begehung von Martin Rauchs Wohn- und Atelierhaus in Schlins ein – einem weiteren Glied in der langen Kette Vorarlberger Architekturperlen.
Wenn Sie am Nachmittag in direkten Kontakt mit dem Lehmbaumeister treten möchten, dann melden Sie sich bitte bis zum 11. März an unter: