Kunstmuseum in Ahrenshoop

Ein Museumsgehöft

Ein Museum für Kunstwerke mit starkem regionalen Bezug zu entwerfen, das Modernität und Zeitgenossenschaft ausstrahlt und dennoch in Verbindung mit der Landschaft und dem für die Gegend typischen Bauen steht, ohne dabei folkloristisch zu wirken – ein hoher Anspruch, den Staab Architekten an der mecklenburgischen Ostseeküste beispielhaft einlösten.

Auch wenn es in und um Ahrenshoop natürlich längst nicht mehr so beschaulich und ursprünglich zugeht wie vor rund 120 Jahren, als hier eine Künstlerkolonie gegründet wurde – malerisch ist der kleine, auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gelegene Ort noch immer. Denn der herbe Charme der Landschaft zwischen Ostseeküste und Saaler Bodden konnte bewahrt werden und er hat seit den längst vergangenen Tagen der Künstlerkolonie immer wieder empfindsame Menschen angezogen und inspiriert. Ahrenshoop etablierte sich auf diese Weise bald als Künstler-Ort; eine bis heute ungebrochene Tradition, die ganz wesentlich zur Popularität und Bekanntheit des Seebads beiträgt.

Ihren Ruf als regionales Kunstzentrum bekräftigt und untermauert die kleine Gemeinde seit Kurzem mit einem neu erbauten Museum, das explizit dem mit Ahrenshoop verbundenen Kunstschaffen gewidmet ist. Das Haus verdankt seine Entstehung einer privaten Initiative und wurde zu einem erheblichen Teil durch die von einem Förderverein eingeworbenen Mittel finanziert. Es beeindruckt sowohl durch seine Sammlung – Gemälde, Grafiken und Skulpturen von Künstlern, die in der nahen Küstenregion gelebt und gearbeitet haben oder als Sommergäste kamen – als auch durch seine Architektur, für die Staab Architekten aus Berlin verantwortlich zeichnen. Denn in vorbildlicher Weise erfüllt der aus einem 2008 durchgeführten Wettbewerb hervorgegangene Entwurf den selbst gestellten Anspruch, ein zeitgemäßes Museumsgebäude zu schaffen, das die landschaftliche und architektonische Eigenart der Gegend reflektiert. ›
Gehöft und Reetdach-Assoziation
Wer nach Ahrenshoop kommt, kann den direkt an der Althäger Straße (der Haupt- und Durchgangsstraße des Orts) gelegenen Museumskomplex nicht übersehen. Der hier zwischen 2011 und 2013 auf einem knapp 3 000 m² großen Grundstück für rund 7,7 Mio. Euro realisierte Neubau mag seine Bestimmung nicht unmittelbar zu erkennen geben, dass es damit etwas Besonderes auf sich hat, wird aber unmissverständlich klar.
Der Besucher erblickt eine scheinbar unregelmäßig angeordnete Gruppe von gleichartig gestalteten Gebäuden in einem messingfarbenen, fein profilierten Blechgewand. Die weitgehend geschlossenen Baukörper sind klar definiert. Über einem jeweils langrechteckigen, eingeschossigen Volumen entwickeln sich, ohne Überstand an der Traufkante, steil aufragende Walmdächer mit einem abgeflachten, kastenförmig ausgebildeten First. Zur Straße hin definieren zwei der fünf Baukörper eine Art Vorplatz. Zwischen ihnen zeigen große Glastüren den Eingang des Museums an.
In bildhafter Anlehnung an eine Gruppe reetgedeckter Häuser entstand das Museum als Ensemble von Einzelhäusern, die in loser Anordnung um ein zentrales Foyer gruppiert sind. Die Baukörper nehmen dabei in abstrahierter Weise die Kubatur einer traditionellen Bauern- bzw. Fischerkate auf. Ihre Maßstäblichkeit orientiert sich an der Nachbarbebauung und ist dem dörflichen Charakter des Orts gemäß. Das aus Messing gefertigte Blechkleid des Museums erklärt sich aus dem Wunsch, ein industrielles Material zu finden, das auf visuelle Art an die für die Küstenregion typischen Reetdächer erinnert. Um diese Assoziation weiter zu fördern, wurde auch die unregelmäßige Falzung der Blechpanelle entwickelt, die der Fassade eine besonders lebendige Struktur verleiht. Der Effekt dieser Bemühungen lässt sich am eben vollendeten und daher noch recht gülden schimmernden Bau noch nicht beurteilen. Schon bald aber soll sich die Metallhaut durch die natürliche Ausbildung einer schützenden Oxidationsschicht verändern. Die Farbe wird, je nach Witterungseinwirkung in individueller Nuancierung, von Grünbraun über Graubraun zu Dunkelbraun Anthrazit wechseln und dann vielleicht in der Tat eine visuelle Parallele zu einem alten Reetdach aufweisen.
Galerien in Ein-Raum-Häusern
Wer das Museum über einen geräumigen Windfang, in dessen holzbekleidete Seitenwand die Namen der Stifter eingekerbt wurden, betritt, gelangt zunächst in das zwischen den Einzelhäusern aufgespannte, flachgedeckte Foyer. Der Blick fällt auf den aus Eichenholz getischlerten, in schlichten Formen gehaltenen Empfangs-, Kassen- und Shoptresen, der als ein großes Möbel unter einem runden Oberlicht im Raum platziert wurde. Einbaumöbel, ebenfalls aus Eiche, die zum einen als Garderobenschließfächer zum anderen als Display und Stauraum für den Shop dienen, flankieren den Tresen an zwei Seiten. Die Einbauten verleihen dem Raum im Zusammenspiel mit dem hellen, sandfarbenen Terrazzo-Boden und den weiß gestrichenen Wänden eine angenehme, freundlich-nüchterne und dabei doch gediegene Atmosphäre. Schmale Fensteröffnungen, die die Räume zwischen den einzelnen Baukörpern des Komplexes schließen, erlauben Ausblicke in die Umgebung. Infotafeln und einzelne Kunstwerke stimmen auf die eigentliche Ausstellung ein. Das Foyer, das auch für kleinere Veranstaltungen genutzt werden kann, dient in erster Linie als Verteiler- und Verkehrsfläche. Von hier aus betritt man, eine wandbündig eingelassene Eichenholzlaibung durchschreitend, die vier in den Ein-Raum-Häusern situierten Ausstellungsgalerien (der fünfte Baukörper wird für museumspädagogische Zwecke genutzt und enthält daneben Funktions- und Verwaltungsräume). Die in der Form gleichen, in ihrer Größe nur wenig differenzierten Säle, in denen die Kubatur der Gebäude präzise ablesbar ist, überzeugen durch ihre stimmigen Dimensionen. Sie sind großzügig genug, um den Bildern und Skulpturen Raum zum Atmen zu geben, gleichzeitig aber so »häuslich«, dass in ihnen ›
› auch kleine Formate bestehen können. Gar nicht genug lässt sich die Lichtsituation in den Galerien loben. Über horizontale Oberlichtbänder, die dem aufmerksamen Besucher schlagartig den Sinn der abgeflachten Dachfirste verdeutlichen, strömt gleichmäßiges weiches Licht in die Räume. Spezielle Prismengläser verhindern direkte Sonneneinstrahlung und sorgen für eine Streuung des Lichts. Ein externer Sonnenschutz wird dadurch hinfällig. An trüben Tagen und bei Dunkelheit garantiert eine auf zeitgemäßer LED-Technologie basierende künstliche Beleuchtung eine adäquate Belichtung der Räume. In jeder Galerie gibt es, stets direkt neben einer Gebäudeecke situiert, eine als Fluchtweg nutzbare Fensteröffnung. Schmal gehalten, um den Einfall störenden Seitenlichts zu minimieren, stellt sie visuell die Verbindung zur Außenwelt her – der Blick nach draußen, der in fast jedem Museumsraum wohltuend wirkt, erscheint gerade in diesem Haus so sinnfällig wie selten sonst.
Baukonstruktiv beschreitet das Museum mit seinen rund 1 300 m² Nutzfläche keine neuen Wege. Es ist als konventioneller Stahlbetonbau mit gedämmter Metallfassade errichtet worden. Zur Wärmeversorgung bzw. Kühlung des Gebäudes wird Geothermie genutzt. Insgesamt 24 Sonden wurden dafür bis in eine Tiefe von 90 m abgeteuft. Thermisch aktiviert sind jeweils die Dachschrägen und die Fußböden. Dass die Besucher von all dem nichts mitbekommen, ist der Sinn der Sache.
Das in Ahrenshoop realisierte Grundrisskonzept gleicht – vielleicht nicht ganz zufällig – demjenigen, das Gigon & Guyer, inspiriert durch einen Vortrag des Künstlers Remy Zaugg, vor über 20 Jahren für das Kirchner Museum in ›
› Davos entwickelten. Es erweist auch in Ahrenshoop seine Stärken. Die Galerieräume sind frei von Durchgangsverkehr. Das erleichtert die Konzentration auf die Kunst und fördert den Dialog zwischen Werk und Betrachter. Vorteilhaft ist auch, dass es keine Hierarchie unter den Ausstellungsälen gibt, die eine bestimmte kuratorische Erzählung fordern würde. Die Idee der Ein-Raum-Häuser und ihre Gruppierung zu einem Gehöft stärken dieses Konzept und verleihen ihm hier zusätzliche Plausibilität. Insofern ist die Hoffnung, dass das 2009 unter förderungspolitischen Aspekten zum »Leuchtturmprojekt« des Landes ausgerufene Museum überregionale Strahlkraft entwickelt, mehr als berechtigt. •
  • Standort: Weg zum Hohen Ufer 36, 18347 Ostseebad Ahrenshoop Bauherr: Verein der Freunde u. Förderer des Kunstmuseum Ahrenshoop e.V. Architekten: Staab Architekten, Berlin Mitarbeiter: (Wettbewerb): Antje Bittorf, Katherina Ortner, Johannes Thoma, Anna Hüper, Bettina Schriewer, Matthias Tscheuschler; (Realisierung): Per Pedersen, Anke Hafner (Projektleitung), Sonja Hehemann, Michael Zeeh, Daniel Angly, Marcus Ebener, Hagen Groß, Johan Jensen, Manuela Jochheim, Zuzanna Kaluzna, Dalia Karg, Dominik Schendel, Tobias Steib, Fabian Weber, Sabine Zoske; (örtliche Bauleitung): Nicole Braune Tragwerksplanung: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin Brandschutz: Ingenieur- und Sachverständigenbüro für Brandschutz/ Arbeitssicherheit, Wolgast Bauphysik: Müller BBM, Berlin Lichtplaner: LichtKunstLicht, Berlin Freiraumplanung: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin BGF: 1425 m² BRI: 7150 m³ Planungsbeginn, Fertigstellung: 2009-13
  • Beteiligte Firmen: Frischbetonverbundfolie: Sika Deutschland, Stuttgart, www.sika.com Dachabdichtung: Paul Bauder, Stuttgart, www.sika.com Messingbleche: KME Germany, Osnabrück, www.sika.com Prismengläser Oberlichter: Siteco Beleuchtungstechnik, Traunreut, www.sika.com Farben: Caparol Farben Lacke Bautenschutz, Ober-Ramstadt, www.sika.com Innenputz: Knauf Gips, Iphofen, www.sika.com Schleiftechnik Estrich: MKS Funke, Bocholt Weißzement Sichtestrich: Chemotechnik Abstatt, Abstatt Holzfensterelemente: Radbruch, Gresenhorst
1 Eingang 2 Tickets, Shop 3 Foyer 4 Ausstellung 5 Kabinett 6 Terrasse

Ahrenshoop (S. 22)

Staab Architekten
Volker Staab
1957 in Heidelberg geboren. Architekturstudium an der ETH Zürich, 1983 Diplom. Seit 1991 eigenes Büro. 2002-09 Gastprofessuren in Berlin, Münster und Stuttgart. Seit 2012 Professur an der TU Braunschweig.
Ulrike Kunkel (uk)
1970 in Berlin geboren. Studierte Germanistik, Architektur, Städtebau, Stadt- und Regionalplanung sowie Kunstgeschichte. 1998 Diplom. 1999-2004 Kuratorin am Vitra Design Museum; 2002-04 Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Seit 2005 Redakteurin der db, seit 2009 Chefredakteurin.