Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere »Paläon« in Schöningen

Der Wille zum Wahrzeichen

Der Braunkohletagebau nahe Helmstedt förderte Jagdwaffen aus der Altsteinzeit zutage. Sie werden vor Ort zusammen mit der Arbeit der Forscher und den daraus gewonnenen Erkenntnissen präsentiert. Die Architektur steht dabei vor der anspruchsvollen Aufgabe, nicht nur ein komfortables und anregendes Ambiente für die Besucher zu schaffen, sondern auch durch ein zeichenhaftes Gebäude die Bekanntheit und Attraktivität des kulturellen Leuchtturmprojekts zu steigern.

  • Architekten: Holzer Kobler Architekturen Tragwerksplanung: pbr Planungsbüro Rohling
  • Kritik: Mathias Remmele Fotos: Jan Bitter
Verglichen mit anderen Tagebaugebieten in Deutschland erscheint das Helmstedter Braunkohlerevier hinsichtlich Ausdehnung, wirtschaftlicher Bedeutung und Bekanntheit recht marginal. Der in den 70er Jahren begonnene Tagebau Schöningen, die letzte hier noch aktive Grube, soll schon in ein paar Jahren stillgelegt werden. Wenn nun just dieser hart an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gelegene Tagebau in jüngerer Vergangenheit eine gewisse überregionale Berühmtheit erlangt hat, so wegen der archäologischen Funde, die hier seit Beginn der 90er Jahre gemacht wurden. Auf dem Gelände entdeckten Forscher neben zahlreichen uralten Tierknochen auch acht hölzerne Wurfspeere aus der Altsteinzeit, die auf rund 300 000 Jahre v. Chr. datiert werden. Der unter der Bezeichnung »Schöninger Speere« bekannt gewordene Fund löste in der Welt der Paläontologen und Steinzeitforscher eine Sensation aus. Denn es handelt sich dabei um nichts Geringeres als die ältesten, je entdeckten Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte, die der Wissenschaft zudem wertvolle Hinweise auf das Leben unseres genetischen Vorfahrens, des Homo Heidelbergensis, vermitteln.
Kultur und Ökonomie
Die absehbare Schließung des Tagebaubetriebs und der damit verbundene Verlust von Arbeitsplätzen markiert in dem wenig entwickelten ehemaligen Zonenrandgebiet eine Zäsur. Im Bemühen, dem Strukturwandel offensiv zu begegnen, lag es für die regional verantwortlichen Politiker nahe, gleichsam mit den eigenen Pfunden zu wuchern, die historisch bedeutenden Funde aus dem Schöninger Tagebau vor Ort zu präsentieren und somit touristisch nutzbar zu machen. Ein Vorhaben, das die Mittel der Stadt Schöningen – trotz Unterstützung durch den im Jahr 2000 gegründete Förderverein Schöninger Speere – Erbe der Menschheit e.V. – bei Weitem überstieg. Die Idee dümpelte einige Jahre vor sich hin, ehe 2008 rund 15 Mio. Euro aus dem Konjunkturpaket II flossen und eine Realisierung ermöglichten. ›
› Nun ist die pleistozäne Archäologie wahrlich kein Thema, das die Massen bewegt. Und auch die Holzspeere selbst sind per se kein Hingucker, sondern eigentlich recht banal wirkende, schmucklose Holzstäbe, denen man weder ihr Alter, noch ihre wissenschaftliche Bedeutung direkt ansehen kann. Mit professioneller Hilfe strickte man deshalb um die Funde herum das Konzept eines Forschungs- und Erlebniszentrums, das möglichst breite Besuchergruppen ansprechen und als außerschulischer Lernort dienlich sein sollte. So kam es zu einem umfangreichen Raumprogramm, zu dem außer den Flächen für Dauer- und Sonderausstellungen ein Besucherlabor sowie diverse Räumlichkeiten für die archäologische Forschung (Restaurierungswerkstatt, Fundmagazine) und museumspädagogische Aktivitäten (Klassenzimmer) gehörten. Ein Museumsshop, eine Cafeteria und ein Vortragssaal durften natürlich auch nicht fehlen, von Büros und diversen Funktionsräumen ganz zu schweigen. Im Wettbewerb schließlich waren eine funktional überzeugende Ordnung des Raumprogramms und eine »zeichenhafte, innovative Architektur« gewünscht. Diese formelhafte, ebenso anspruchsvolle wie unbestimmte Forderung sah die Jury im Entwurf von Holzer Kobler Architekturen am besten erfüllt. Das in Zürich ansässige Büro hat sich v. a. mit szenografischen Arbeiten einen Namen gemacht und unterhält seit 2012 eine Berliner Dependance, die für das Projekt in Schöningen verantwortlich zeichnet. Das Büro konnte später auch einen separaten Wettbewerb für die Gestaltung der Dauerausstellung im Paläon für sich entscheiden.
Das Projekt, das innerhalb des Budgets und des Zeitplans realisiert werden konnte, fiel, soweit man vor Ort hören kann, ganz zur Zufriedenheit der Bauherrschaft aus. Die Resonanz des Publikums übersteigt mit rund 140 000 Besuchern in den ersten 14 Monaten bei Weitem die ursprünglichen Erwartungen.
Spiegelnde Kiste
Das nur wenige Hundert Meter außerhalb der Stadt und in unmittelbarer Nähe zur Tagebaugrube situierte Paläon erhebt sich inmitten einer von sanft bewegten Wiesen und Feldern geprägten Landschaft. Der kistenförmige, stumpfwinklig geknickte Baukörper besitzt eine weitgehend geschlossene, spiegelnde Metallfassade, die nur von wenigen, sich meist keilartig verjüngenden Fensterbändern durchbrochen wird. Erst beim Näherkommen offenbart sich die in verschiedene Richtungen verlaufende Streifenstruktur der aus Aluminiumverbundplatten zusammengesetzten Gebäudehaut, die als Anspielung auf geologische Schichtungen lesbar ist. Aus der Nähe fallen die kleinen Unebenheiten in der Spiegelfläche ins Auge, die solchen Fassaden stets eine etwas billige Anmutung verleiht. ›
Man mag sich an dieser Stelle fragen, was eine so dezidiert moderne, spiegelnde Metallfassade, hinter der man gut und gerne etwa eine High-tech-Maschinenbaufirma, ein Software-Unternehmen oder auch ›
› eine »stylische« Shoppingmall vermuten könnte, mit den viele Jahrtausende alten archäologischen Funden und mit den archaischen Jagdwaffen verbindet. Für Holzer Kobler kam es hier aber vorwiegend auf die Verortung des Baus, auf eine »hyperrealistische Abstraktion der Landschaft« an. Die spiegelnde Fassade erklärt sich als ziemlich direkte Übersetzung des Gedankens, im Gebäude die Umgebung und damit den spezifischen Ort widerzuspiegeln. Im Ergebnis reflektiert die Fassade v. a. den Himmel. Das mag zwar auch reizvoll erscheinen, hat aber mit der besonderen Örtlichkeit nicht mehr viel zu tun.
Mit Verwunderung nimmt man die Wegführung auf dem Gelände des Paläon zur Kenntnis, die Holzer Kobler in Zusammenarbeit mit den Berliner Landschaftsarchitekten von Topotek 1 entwickelten. Statt das Publikum direkt und unmissverständlich auf den im Knick des Baukörpers gelegenen Haupteingang hinzuleiten, wird es vom Parkplatz kommend, in einem spitzen Winkel ans Gebäude herangeführt. Dem vorgegebenen Weg folgend trifft man dann zu allererst auf eine sehr lange, mehrere Meter hohe Betonmauer, deren vorrangige Funktion weniger in Umlenkung und Begleitung des Wegs liegt als vielmehr im Kaschieren eines Geländesprungs und in der optischen Abschirmung des Mitarbeiterparkplatzes.
Architektonischer Parcours
Hat der Besucher schließlich den (durch ein wenige Meter davor postiertes Fähnchen markierten) Eingang erreicht und durchschritten, findet er sich im großzügig dimensionierten, durchaus repräsentativ wirkenden Foyer wieder. Ein an seiner Stirnseite liegender, lang gezogener Tresen in leuchtendem Hellgrün zeigt unmissverständlich Empfang und Kasse an. Seitlich öffnet sich der Raum zum Shop, dessen Präsentationsmöbel im selben Grünton gehalten sind. Vom Shop aus gibt es Durchblicke zur Cafeteria, die auch separat über einen schmalen Durchgang vom Foyer aus erreichbar ist. ›
› Der über sämtliche drei Geschosse reichende Foyer-Raum ist in jeder Hinsicht das Herzstück des Projekts. Zentral gelegen dient er der Orientierung, der Erschließung und der Kommunikation. Das beherrschende architektonische Element dieses Raums sind drei Treppenläufe, deren rot gestrichene, massive Betonwangen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Über den längsten Treppenaufgang, der direkt neben dem Empfangstresen ansetzt, erreichen die Besucher das 2. OG, wo der Rundgang durchs Haus beginnt und sich ein weiter Blick in die Landschaft eröffnet – eine gekonnte Inszenierung. Wer die beiden Säle für Sonderausstellungen und die Dauerausstellung durchschritten hat, gelangt über eine weitere durch das Foyer verlaufende Treppe ins 1. OG hinab. Auf einem galerieartigen Umgang bewegt man sich hier vorbei am Besucherlabor und an den Forschungsräumen, die mit großen Fenstern dazu ermuntern, Einblick zu nehmen. Danach wendet man sich entweder zu den Schulungsräumen der Museumspädagogik oder kehrt über eine weitere Treppe schnurstracks ins EG zurück. Dieser Rundgang durchs Haus gehört konzeptionell und gestalterisch zu den stärksten Aspekten des Projekts und lässt über die penetrante Farbsymbolik (Rot für das Blut der mit den Speeren getöteten Wildpferde, Grün für die saftigen Wiesen rundherum) und über handwerkliche Schnitzer (etwa die viel zu nah an den Eingangstüren platzierten Waschbecken in den Besuchertoiletten) hinwegsehen.
Eine Wasserwärmepumpe im EG und zwei reversible Luft-Wasserwärmepumpen auf dem Dach erzeugen unter Nutzung von Fortluft-Kühlung Wärme und Kälte, Bodenheizung und Lüftungsanlage verteilen beides in den Räumen.
Die ebenfalls von Holzer Kobler gestaltete Dauerausstellung zeichnet mit den multimedialen und künstlerischen Mitteln der zeitgenössischen Szenografie ein facetten- und materialreiches Bild der altsteinzeitlichen Lebenswelt. Dabei gelingt es auf differenzierten Informationsebenen den Bedürfnissen unterschiedlicher Interessengruppen gerecht zu werden. Ob es dafür der geometrisch überaus komplexen, raumhaltigen Ausstellungsarchitektur bedurfte, die mit großer Wahrscheinlichkeit schon bald einmal etwas angejahrt wirken wird, bleibt fraglich. Dass im optischen und räumlichen Zentrum der Präsentation weder die berühmten Speere, noch andere wichtige archäologische Funde, sondern eine künstlerisch verfremdete Pferdeskulptur und eine naturalistische Nachbildung des Homo Heidelbergensis stehen, erscheint bedauerlich. Es vermittelt den Eindruck, als hätten die Macher des Paläons der eigentlichen Attraktion des Hauses nicht vertraut. •
  • Standort: Paläon 1, 38364 Schöningen Bauherr: Stadt Schöningen Architekten: Holzer Kobler Architekturen, Zürich/Berlin, in Zusammenarbeit mit pbr Planungsbüro Rohling AG, Braunschweig Tragwerksplanung: pbr Planungsbüro Rohling AG, Braunschweig Landschaftsarchitektur: Topotek 1, Berlin Ausstellungsgestaltung/Grafik: Holzer Kobler Architekturen, Zürich/Berlin Bauphysik: Krämer-Evers Bauphysik, Hasbergen Brandschutzplanung: pbr Hölscher Brandschutz, Düsseldorf Lichtplanung: Lichtvision Design & Engineering, Berlin Medienplanung: Jangled Nerves, Stuttgart Labortechnik: IRM R. Mühlbacher, Hildesheim Gelände inkl. Außenanlagen: 240 000 m² BGF: 4 090 m² Ausstellungsfläche: 1 205 m² (Hauptausstellung: 640 m², Besucherlabor: 55 m², Galerie: 210 m², Sonderausstellung: 300 m²) Baukosten: 15 Mio. Euro Bauzeit: September 2011 bis Juni 2013
  • Beteiligte Firmen: Fassadenbau: HMF Hübener & Möws Fassadenbautechnik Fensterbau: Bolle Bauelemente, Letzingen Pfosten-Riegel-Fassadensystem: Schüco, Bielefeld, www.schueco.de Glasbeschichtung: Pilkington Deutschland, Gladbeck, www.pilkington.com Isoliergläser: IQ-Glas, Goslar, www.iq-glas.de Aluminium-Verbundplatten: 3A Composites, Singen, www.alucobond.com Ausstellungsbau: Seiwo Technik, Drebach; Bel-Tec Gesellschaft für Film-, Theater- und Ausstellungsbau, Berlin Objekteinrichtung, Exponathalter: id3d-berlin, Berlin, www.id3d-berlin.de Leuchten: Bega; Iguzzini; LED Linear; Osram; Ribag; Roblon; XAL; Zumtobel
1 Foyer 2 Caféteria 3 Vortrag 4 Shop 5 Technik 6 Lager 7 Museumspädagogik 8 Verwaltung 9 Besucherlabor 10 Restaurierung 11 Eingangsmagazin 12 Fundmagazin 13 Dauerausstellung 14 Sonderausstellung

Schöningen (S. 16)

Holzer Kobler Architekturen
Tristan Kobler
1960 in Luzern geboren. 1987 Diplom an der ETH Zürich. Gründung des Büros Morphing Systems für Architektur und Szenografie. Seit 2004 gemeinsames Büro mit Barbara Holzer. Lehrtätigkeit in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland, seit 2011 Professur an der Haute École d’Art et du Design, Genf.
Philip Norman Peterson
Architekturstudium an der University of Illinois in Chicago. Mitarbeit bei Max Dudler und Daniel Libeskind. Seit 2009 Zusammenarbeit mit Barbara Holzer und Tristan Kobler, Mitbegründung des Berliner Büros.
Mathias Remmele
1963 geboren. Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Wien. Freier Journalist, seit 1999 Gastkurator am Vitra Design Museum. Veröffentlichungen über Design und Architektur. Seit 2000 Dozent für Design-, Architektur- und Kulturgeschichte an der HGK Basel.