Einfamilienhaus in Wettingen (CH)

Präzise Interventionen

Zwei kleinteilige, enge Etagenwohnungen sollten zu einer Einheit nach heutigen Bedürfnissen zusammengeschlossen werden. Den Architektinnen gelang dabei das Kunststück, die Logik des 100 Jahre alten Bestands mit modernen Mitteln fortzusetzen.

Wettingen liegt ungefähr 20 km nordwestlich von Zürich und ist mit der Stadt Baden untrennbar verschmolzen. 1891 wurde in Baden der Elektrotechnikkonzern BBC gegründet und Angestellte fanden ihre Domizile auch im benachbarten Wettingen. Diesseits und jenseits der Gemeindegrenze entstand um 1900 ein bis heute relativ konsistent wirkendes Wohnquartier: Die Häuser mittig auf dem Grundstück, allseits umgeben von schmalen Gartenbereichen, die nördlich vorbeiführenden Straßen übernehmen die Erschließungsfunktion.

Eines dieser Häuser – zweigeschossig, fast quadratischer Grundriss, Zeltdach – wurde nun von den Zürcher Architekturbüros Aita Flury sowie Giger Nett umgebaut. Das Ursprungsgebäude stammt aus dem Jahr 1903, war aber 1970 merklich verändert worden. Die jetzigen Eigentümer besitzen die gesamte Immobilie – und konnten damit die zwei Geschosswohnungen in ein Einfamilienhaus überführen. Das bedeutete zuallererst: mehr Großzügigkeit. Die Kleinteiligkeit des EGs mit ihrer wohnungsbedingten engen Kammerung wich einem offenen Wohn-Essbereich. Um dort eine tragende Wand entfernen zu können, installierten die Architektinnen einen massiven Unterzug aus Fichtenholz, der im Bereich des Gästezimmers unsichtbar auf wandschrankintegrierten Scheibenstützen ruht, im offenen Wohn-Essbereich jedoch auf einer Stütze. Unterzug und Stütze rufen die einstige Raumeinteilung in Erinnerung, gliedern die Etage und wirken dem Eindruck einer gestaltlosen Offenheit entgegen. Sensibel und bedacht ist auch der Umgang mit den Öffnungen gegen außen: Während das Haus ursprünglich nur von der Eingangsseite aus betreten wurde, sich zum Garten aber lediglich mit Fenstern öffnete, befinden sich jetzt Türen zum Außenraum in jeder der drei Seiten des großen Wohnbereichs. Natürlich wäre es möglich gewesen, aus allen Fenstern einen Zugang zum Garten zu machen, aber genau das unterblieb hier zugunsten eines originaleren Erscheinungsbilds. Richtung Norden und Süden wurde nur je eine Fensteröffnung zur Tür erweitert, im Osten erhielt eine neue Schiebetür ein durchaus expressives Betongewände, das dennoch mit den alten Einfassungen der Fenster korrespondiert. Das vorgelagerte, schwebende Treppenpodest, ebenfalls aus Beton, verdeutlicht, dass Wohn- und Gartenebene zweierlei waren – und auch heute noch sind.

Das Pendant zu dieser Ergänzung stellt der Eingangsbereich im Westen dar, eine Hinzufügung von 1970. Die Architektinnen reduzierten den Vorbau auf die Metallstützen, den darüber befindlichen Balkon mit seinen Betonelementen und die ornamental gesägte Verbretterung. Gewiss: Im engeren Sinne war am Bestand kaum etwas denkmalwürdig. Und doch überzeugt die Strategie des Umbaus, weil sie Gelassenheit an den Tag legt und nur dort interveniert, wo es notwendig und sinnvoll ist. Auf diese Weise koexistieren Alt – so viel wie möglich – und Neu – so viel wie nötig.

~Hubertus Adam


Standort: CH-5430 Wettingen
Architekten: Aita Flury dipl. Arch. ETH SIA BSA, Giger Nett Architekten GmbH
Tragwerkplaner: Conzett Bronzini Partner Ingenieure AG Chur
Fachplaner: Steigmeier Akustik + Bauphysik Baden; allerWerk Landschaftsarchitektur Trogen

BGF: 360 m²
BRI: 1020 m³


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