Wohnhaus in Northamptonshire (GB)

In Stein gebettet

Die Bauherren wollten die Mauerreste einer alten Pergamentfabrik abreißen, doch die Architekten überzeugten sie, die gewünschte Erweiterung eines Wohnhauses dazwischen zu platzieren. Herausgekommen sind herrlich vielschichtige Innen- und Außenräume.

Ein denkmalgeschütztes viktorianisches Haus sollte in Richtung Garten erweitert werden. Zur Verfügung stand dafür ein direkt angrenzender ehemaliger Stall; daran wiederum schlossen sich die Mauerreste einer Pergamentmanufaktur aus dem 17. Jahrhundert an. Während der Bauherr die Fabrikruinen abreißen wollte, erkannten Will Gamble Architects deren gestalterisches und historisches Potenzial und schlugen vor, die neuen Wohnräume innerhalb des Stalls und der Mauerwerksfragmente unterzubringen. Die Bewahrung und gleichzeitige Inszenierung des baukulturellen Erbes avancierte auf diese Weise zum zentralen Thema des Projekts. Denn die Manufaktur ist als geschützte archäologische Stätte anerkannt – man munkelt, dass dort Papier für das Königshaus hergestellt wurde.

Nach dem Haus-im-Haus-Prinzip setzten die Architekten zwischen die Ruinenreste einen eingeschossigen Leichtbau, der etwa die Hälfte des Fabrikgrundrisses einnimmt. So ließen sich nicht nur ein geschützter Hof im Anschluss an den Anbau und freie Blicke auf die alten Mauern verwirklichen, sondern auch der sichtbare Einfluss und die statischen Lasten des Neubaus minimieren. Auf dem Dach der Box fand eine Terrasse mit zurückhaltenden Ganzglasbrüstungen Platz, dahinter schließt sich das ehemalige Stallgebäude an, das zweigeschossig ausgebaut wurde. Das EG beherbergt nun einen offenen Koch-, Ess- und Wohnbereich, im 1.OG befindet sich das Hauptschlafzimmer mit angrenzendem Bad und Zugang zur Dachterrasse.

Die Architekten verwendeten so viele auf dem Gelände vorgefundene und wiederaufbereitete Baustoffe wie möglich; sie errichteten die Wände der Erweiterung aus geborgenen Ziegeln und nutzten Steinplatten aus dem Fußboden der Fabrik als Mauerkrone für die Umfassungswände des Hofs. Alte Eichenbalken kürzten sie so, dass sie als Tür- und Fensterstürze wiederverwendet werden konnten.

Im Innern wurden die konstruktiven Elemente der früheren Gebäude sichtbar belassen, beim neuen Kochplatz z. B. die Holzbalken und -stützen des Stalls oder im 1. OG dessen Dachbalken. Im Bereich von Küche, Essplatz und offenem Kamin blieb das alte Bruchstein- und Ziegelmauerwerk unverputzt, wurde nur etwas geglättet und mit Kalk geschlämmt, die restlichen Innenwände erhielten im Unterschied dazu einen strukturierten hellen Sand- und Zementputz. Neue Einbauten wie die weiß gestrichenen Holzbalken, Stahlträger- und -platten der Decke über dem Wohn-Esszimmer ließ man ebenfalls unbekleidet. Der Fußboden besteht aus glatten, weiß getünchten Eichendielen, im Bereich des Anschlusses an das Sichtmauerwerk fasst sie ein hoher grober Betonsockel ein.

~Tanja Feil


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