Technik

Schwachstellen

Unebenheiten, Strukturabweichungen und feine Risse sind bei Innenputzen häufige Streitpunkte. Ganz besonders sind nicht tapezierte Flächen betroffen. Durch klarere vertragliche Festlegungen zur Oberflächenqualität und zur Art und Notwendigkeit weiterer Bekleidungen können unerfreuliche und teure Auseinandersetzungen vermieden werden. Noch wichtiger ist aber mehr Toleranz im Hinblick auf kleine Unregelmäßigkeiten. Uneven surfaces, changes in texture and fine cracks are frequent points of dispute in internal plastering. Especially non-wallpapered areas are vulnerable. With clear contractual requirements concerning surface quality and type and necessity of further finishes, unpleasant and expensive controversy can be avoided. More important, however, is more tolerance with regard to small divergences.

Fast alle Gebrauchsgüter werden in verschiedenen Qualitätsklassen hergestellt. Die Unterschiede betreffen die technische Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit, die optische Qualität, die Betriebskosten und die Lebensdauer. Dies gilt für Autos in gleicher Weise wie für Bauwerke.

Während bei bestimmten Ausstattungsgegenständen von Gebäuden – zum Beispiel Armaturen oder Haustüren – auf die genauere Beschreibung der vereinbarten Qualitätsklasse in Bauverträgen häufig großer Wert gelegt wird, werden andere, sozusagen zur Grundausstattung gehörende Bauteile in der Regel vernachlässigt. Dazu zählt die Qualität des Innenputzes. Hier werden meist gar keine detaillierten Angaben zur gewünschten optischen Qualität und zur Eignung oder Notwendigkeit einer weiteren Oberflächenbehandlung gemacht. Nach Baufertigstellung werden aber selbst bei einfachster Ausführung höchste Ansprüche gestellt.
Der Streit über Innenputze hat aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren erheblich zugenommen:
– Anstelle der 10 mm beziehungsweise 15 mm dicken Gipsputze werden Spachtelschichten von wenigen Millimetern Dicke verwendet, mit denen sich nur sehr geringe Untergrundtoleranzen ausgleichen lassen. Außerdem wirken sich Spachtelungen auch im Hinblick auf die Überbrückung von Fugen und kleinen Rissen ungünstiger aus.
– Die Steinformate des Untergrundes werden immer größer, so dass die Gefahr von geringen Fugenaufklaffungen des Putzuntergrundes zunimmt.
– Das immer stärker forcierte Bautempo lässt es nicht zu, im Bauablauf abzuwarten, bis die unvermeidlichen Anfangsverformungen abgeklungen sind.
– Aufenthaltsräume wurden früher in der Regel tapeziert. Heute ist es chic, Putzoberflächen gar nicht mehr weiter zu behandeln oder aber mit äußerst rissempfindlichen Spachtelschichten zu versehen. Beim kostengünstigen Bauen führen Einsparmotive zum Verzicht auf Tapeten. Dann bleiben selbst feinste Risse des Untergrundes und des Putzes erkennbar.
– Mit der Gewöhnung an industriell gefertigte Güter mit hoher Oberflächenqualität nimmt die Streitlust selbst über kleinste optische Abweichungen zu.
Zu diesem Sachverhalt nachfolgend einige typische Streitfälle.
In einem Verwaltungsgebäude mit hohem optischen Anspruch war im Leistungsverzeichnis gefordert worden, dass die Innenoberflächen »absolut schlagschattenfrei« auszuführen sind. Es wurden aber neben einem üblichen abgeriebenen Gipsputz keine weiteren besonderen Festlegungen zum Putzaufbau ausgeschrieben. Anschließend stritt man sich zum Beispiel über die in Bild 1 dargestellte Wandoberfläche eines Nebentreppenhauses. Unter dem harten Streiflicht eines fast anschlaglosen Nordfensters war die Putzoberfläche selbstverständlich nicht schlagschattenfrei. Messungen ergaben, dass aber selbst die erhöhten Anforderungen an die Ebenheit nach DIN 18202 eingehalten wurden. Der Putzer hatte also durchaus so sorgfältig gearbeitet, wie dies bei Putzen der ausgeschriebenen Art möglich ist.
Natürlich wäre es richtiger gewesen, wenn der Putzer die Forderung nach einer absolut schlagschattenfreien Oberfläche vor Vertragsabschluss als nicht herstellbar zurückgewiesen hätte. Andererseits konnte aufgrund der gesamten Vertragssituation hier aber nicht von einer »zugesicherten Eigenschaft« gesprochen werden. Es war also nicht davon auszugehen, dass sich der Putzer durch den Zusatz »schlagschattenfrei« sozusagen stillschweigend zu nicht ausdrücklich vertraglich vereinbarten Zusatzleistungen wie mehrfachen Spachtelarbeiten verpflichtet hatte, um den optischen Anspruch einer weitgehenden Schlagschattenfreiheit zu erfüllen. Vielmehr war vom Putzer zu erwarten, so exakt zu arbeiten, wie es unter den gegebenen Randbedingungen möglich war. Das war geschehen. Die Putzflächen waren demnach nicht zu bemängeln.
Neben der Struktur- und Ebenheitsproblematik dreht sich der Streit häufig um Risse in untapezierten Flächen. Dazu zwei weitere Beispiele:
Die Wandinnenputzflächen eines großzügigen Einfamilienhauses waren durchweg lediglich gespachtelt und gestrichen – teilweise auch aufwändig mit Stukkolustro-Effekt glänzend geschliffen. Tragende und nichttragende Wände waren durchweg aus dem gleichen Baumaterial (Hochlochziegel) errichtet worden, um das Rissrisiko klein zu halten (Bilder 2, 3). Trotzdem traten vielfältige Risse auf, die – wie die genauere Analyse zeigte – zu Recht bemängelt wurden. Es wurde differenzierend untersucht, welche Rissbildungen mit vertretbarem Aufwand vermeidbar gewesen wären.
Konstruktive Risse von mehreren Millimetern Breite in Folge der Längenänderungen der 20 m langen Dachdecke sind selbstverständlich zu bemängeln. Sie betreffen grundsätzlich nur als Nebeneffekt auch die Putzfläche, im Wesentlichen liegt eine Schädigung des Putzgrunds vor. Da der rissverursachende Vorgang (Schwinden) als weitgehend beendet gelten konnte, waren diese Risse ohne konstruktive Änderungen nachbesserbar.
Aber auch die feineren Risse mussten hier überwiegend bemängelt werden – sie verliefen netzförmig (Bild 7) und wiesen Rissbreiten um 0,1 mm auf. Die weitere Untersuchung ergab, dass das Netzrissbild zwar einem Mauerfugenraster ähnelte, tatsächlich aber nicht die Fugen des Untergrundes nachzeichnete, sondern jeweils Teilflächen betraf, in denen der Putz nur eine geringe Untergrundhaftung aufwies (Bild 8). Die aufgebrachte »Aufbrennsperre« war mangelhaft (Bild 9). Sie wirkte als haftvermindernde Trennschicht. Zwischen Putzrückseite und Steinoberfläche konnte an den Schadstellen eine flache Messerklinge geschoben werden. Eine solche Ausführung ist selbstverständlich zu bemängeln. Die Rissbildung war vermeidbar.
In einem Behindertenheim waren die Oberflächen des Innenputzes lediglich lasierend in verschiedenen Farben getönt. Hier zeichnete sich das Fugenraster der großformatigen Kalksandstein-Innenwände als feine Risse In einem Behindertenheim waren die Oberflächen des Innenputzes lediglich lasierend in verschiedenen Farben getönt. Hier zeichnete sich das Fugenraster der großformatigen Kalksandstein-Innenwände als feine Risse In einem Behindertenheim waren die Oberflächen des Innenputzes lediglich lasierend in verschiedenen Farben getönt. Hier zeichnete sich das Fugenraster der großformatigen Kalksandstein-Innenwände als feine Risse 0,1 mm ab. (Die Nahaufnahme in Bild 6 gibt nicht den optischen Eindruck aus »gebrauchsüblichem Betrachtungsabstand« wieder. Tatsächlich war der Riss nur auf Hinweis bemerkbar.) Solche Risse sind nicht sicher vermeidbar – sie wären bei tapezierten Wänden auch gar nicht sichtbar. Nur: Muss der Besteller sie hinnehmen? Schließlich war dem Planer und Bauleiter klar, dass in diesem Gebäude nicht tapeziert werden sollte!
Bei fehlenden genaueren Festlegungen gilt eine Beschaffenheit als vereinbart, »die bei Werken gleicher Art üblich ist und die der Besteller nach Art des Werkes erwarten kann« (§ 633 BGB).
Eine absolute Rissefreiheit ist bei mineralischen Baustoffen des Hochbaus nur mit extrem hohem Aufwand herstellbar und insofern nicht üblich. Soweit die feine Rissbildung sich in Grenzen hält und nicht optisch extrem wichtige Flächen betrifft, sind solche Risse nach meiner Auffassung hinzunehmen. Sie können in der Regel im Rahmen der üblichen Renovierung überspachtelt werden und treten nicht erneut auf, da sie Folgen der Anfangsverformungen und -volumenänderungen sind.
Da das gesamte zu beurteilende Objekt durchschnittliche Qualität besaß und der lasierende, bewusst wolkige Anstrich ohnehin keinen makellos einheitlichen optischen Anspruch signalisierte, habe ich im zuletzt dargestellten Fall keinen Mangel konstatiert. Besser ist es natürlich, einen Streit über diese Frage von vornherein durch klare Vereinbarungen zu vermeiden.
Allein durch Bezugnahme auf Regelwerke kann man bei diesem Problem noch nicht zu klaren vertraglichen Verhältnissen gelangen. Die VOB-Norm DIN 18530: 200212 Putz- und Stuckarbeiten führt zum Thema lediglich aus, dass Putze beim Fehlen besonderer Vereinbarungen als geriebene Putze auszuführen sind; im Übrigen macht die VOB-Norm die üblichen Hinweise zur Zulässigkeit von Unebenheiten, soweit diese im Rahmen der in DIN 18202 angegebenen Grenzen liegen.
DIN 18550 – Teil 2: 198501 Putze aus Mörtel mit mineralischen Bindemitteln – Ausführung verweist im Erläuterungsanhang darauf, dass »Haarrisse in begrenztem Umfang nicht zu bemängeln sind, da sie den technischen Wert des Putzes nicht beeinträchtigen.« Sie führt allerdings weiter aus, dass beispielsweise Risse im Verlauf der Mauerwerksfugen grundsätzlich zu bemängeln sind. Gerade diese treten aber bei großformatigen Mauerwerksmaterialien mit nicht weiter tapezierten Spachtelbeschichtungen zunehmend auf.
Angesichts der Häufigkeit der Streitigkeiten und der unbefriedigenden Regelwerksituation ist sehr zu begrüßen, dass im November 2003 vom Deutschen Stuckgewerbebund im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes ein Merkblatt mit dem Titel »Putzoberflächen im Innenbereich – Qualitätsstufen für abgezogene, glatte und gefilzte Putze« herausgegeben wurde.
Dort wird zum Beispiel zunächst klar hervorgehoben: »Ein Leistungsverzeichnis, das zur Beschreibung der gewünschten Putzoberfläche Begriffe wie ‘anstrichbereit, oberflächenfertig … streiflichtfrei’ u.ä. enthält, ist absolut ungeeignet, um die zu erbringende Leistung zu beschreiben.«
Wie die Leistung denn nun klarer umrissen werden kann, wird dann im Merkblatt detailliert dargestellt. Es wird vorgeschlagen, zwischen drei Ausführungsarten und vier Qualitätsstufen (Anforderungen) zu unterscheiden.
Die Ausführungsarten lauten:
– abgezogen;
– geglättet;
– gefilzt oder abgerieben.
Die Anforderungsstufen sind unterteilt in:
– Q1 = einfach;
– Q2 = Standard;
– Q3 = erhöht;
– Q4 = höchste Qualitätsstufe.
Es wird dann beschrieben, wie die jeweiligen Putzqualitäten mindestens auszuführen sind; welche Abweichungen hinzunehmen sind und für welche weiteren Oberflächenbeschichtungen die Putze geeignet sind.
Dazu zwei Beispiele:
Bei der Standardausführung (Qualitätsstufe 2) eines geglätteten Putzes sind Traufelstriche gegebenenfalls noch erkennbar und die Oberfläche ist nicht schlagschattenfrei. Ein solcher Putz eignet sich als Untergrund für Dekorputze, für mittlere Raufasertapeten und gefüllte Anstriche, die mit grober Lammfellrolle aufgetragen werden. Es wird deutlich, dass eine solche Standardfläche nicht höchste Ansprüche erfüllt.
Ein gefilzter Putz für höchste Anforderungen (Qualitätsstufe 4) wird zum Beispiel wie folgt beschrieben:
Voraussetzungen: Der Unterputz muss mindestens den Angaben zur Ausführung der Qualitätsstufe Q3 entsprechen. Zusätzlich ist eine Lage Dekor- und Filzputz aufzubringen. Weiterhin sind normalerweise Unterputzprofile beziehungsweise Putzleisten zu setzen. Als Ziel einer solchen Ausführung wird formuliert: »Der Gesamteindruck muss homogen und das Strukturbild muss absolut gleichmäßig sein.« Aber auch hier werden dann noch Einschränkungen im Hinblick auf das optische Erscheinungsbild gemacht. Es heißt: »Soweit Lichteinwirkungen (z. B. Streiflicht) das Erscheinungsbild der fertigen Oberflächen beeinflussen können, werden unerwünschte Effekte … weitgehend vermieden. Sie lassen sich nicht völlig ausschließen, da Lichteinflüsse in weiten Bereichen variieren … Spätere Beleuchtungsverhältnisse müssen bekannt sein und sollten … bereits zum Verputzzeitpunkt vorhanden sein.«
Damit wird klar, dass jeglicher Streit auch bei noch so klarer Vorgabe des Ziels nicht völlig zu vermeiden ist. Trotzdem sollte sowohl bei der Formulierung von Leistungsbeschreibungen als auch bei der späteren Beurteilung von Putzarbeiten in Zukunft die Hinweise dieses Merkblatts beachtet werden. Ich halte sie für geeignet, Auseinandersetzungen zu diesem leidigen Thema zumindest unter fachkundigen Vertragspartnern deutlich einzuschränken.
Im Hinblick auf den Inhalt von Baubeschreibungen, die dem nicht fachkundigen Besteller beziehungsweise dem Käufer von Immobilien vor Vertragsabschluss übergeben werden, ist folgender Hinweis empfehlenswert. Es sollte im Text hervorgehoben werden, dass das bestellte oder gekaufte Objekt »Innenwandoberflächen besitzt, für die eine Oberflächenbekleidung durch Tapeten, z. B. Raufaser, mittlere Körnung, vorzusehen ist.« Dann wird auch für den späteren Nutzer erkennbar, dass die Innenoberflächen des bestellten oder gekauften (durchschnittlichen) Gebäudes keine Oberflächenbeschaffenheit besitzen, die höchste optische Anforderungen ohne weitere abdeckende Beschichtungen erfüllen.
Es war wohl ein politisches Ziel der Schuldrechtsreform, die Rechte des Verbrauchers zu stärken. So ist die schon zitierte Passage aus § 633 des neuen BGB zu verstehen, in der die »Bestellererwartung« deutlich als Maßstab für das mangelfreie Vertragssoll genannt wird. Wer in der Werbung vollmundig Immobilien höchster Qualität anpreist, wird daher bei der Putzqualität in Zukunft an der Qualitätsstufe Q4 gemessen werden und nicht selten in Schwierigkeiten geraten.
Alle vernünftigen Bauleute sollten aber nicht müde werden, gerade in der Öffentlichkeit gegen einen baupreis- und bauprozesstreibenden Perfektionsanspruch anzugehen. Das fachgerechte Verputzen von Wand- und Deckenflächen ist eine Handwerkskunst, die ich bewundernswert finde. Bei anderen Gebrauchsgegenständen bezeichnet das Etikett »Handarbeit« ein besonderes, positives Qualitätsmerkmal. Warum nicht auch im Baubereich? Individuelle Handarbeit unterscheidet sich von gesichtsloser Massenware durch Unregelmäßigkeiten. Verbraucher sollten kleine Abweichungen als positive Eigenschaften ihres individuellen Hauses empfinden. Dann decken sich die Erwartungen des Bestellers eher mit der Baurealität. R. O.
Literaturhinweise: – Das Merkblatt Putzoberflächen im Innenbereich – Qualitätsstufen für abgezogene, glatte und gefilzte Putze, wurde vom Deutschen Stuckgewerbebund im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes herausgegeben. Adresse: Kronenstraße 55–58, 10117 Berlin (www.stuckateur.de). Es ist im November 2003 erschienen. – Weiterhin wurden zitiert: DIN 18530 – VOB Teil C: Putz- und Stuckarbeiten, 200212 sowie DIN 18550–2: 198501: Putz – Putze aus Mörtel mit mineralischen Bindemitteln, Ausführung – Zum Thema der zugesicherten Eigenschaften und der Bewertung von Rissen wird unter anderem auf Oswald, R.; Abel, R.: Hinzunehmende Unregelmäßigkeiten bei Gebäuden, 2. Auflage, 2000, verwiesen. – Eine vom AIBau im Auftrag des Bauministeriums erarbeitete Studie über den sinnvollen Inhalt von Baubeschreibungen wird demnächst veröffentlicht.